Sonntag 03.04.11, 21:17 Uhr

Nazidemo im „Grevendicks Feld”

Azzoncao, ein Polit-Café schreibt: »Am Freitag, den 1. April 2011 waren ca. 150 Flüchtlinge von ihrer ehemaligen Unterkunft am Westfalendamm in die DoGeWo-Siedlung zwischen Lütgen-Dortmund und Bochum-Werne verlegt worden. Dies nahmen am gestrigen Samstag, den 2. April 2011, rund 100 Nazis zum Anlass gegen die neue Flüchtlingsunterkunft im „Grevendicker Feld” zu demonstrieren. Seit Mitte Januar hatten die Dortmunder Nazis, rund um die so genannten „Autonomen Nationalisten” des Nationalen Widerstand Dortmunds, die Verlegung der Flüchtlinge zum Anlass genommen in Lütgen-Dortmund völkische und rassistische Hetze zu betreiben. Sie verteilten Flugblätter, klebten Plakate und Aufkleber und saßen mit ca. 25 Kameraden der NPD und der ANs in einer Bürgerversammlung im evangelischen Gemeindehaus, als es eine öffentliche Diskussion über die Verlegung gab. Seit drei Monaten ist die Verlegung der Flüchtlinge zu einem Hauptthema der Dortmunder Nazis avanciert.
Gestern dann demonstrierten die aus Dortmund, Bochum, Witten, Unna, Ahlen, Wuppertal und anderen Städten kommenden Nazis vom Lütgen-Dortmunder Busbahnhof über die Limbecker Straße und Werner Straße zur Provinzialstraße, von wo aus das „Grevendicker Feld” abgeht.
Was sie auf ihre Internet-Präsens „ausländer- und überfremdungskritischen Parolen” nennen, waren Parolen wie „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus” und ähnliche.
Sieben Beiträge aus Dortmund, Ahlen, Unna und Wuppertal, gehalten von kleinen Nachwuchsgoebbels, bespickt mit braunen Phrasen an die anwesenden „Volksgenossen”, kann man sich im Internet anhören. Die sich gegen die „BRD-Demokraten” in Stellung bringenden „Deutschen” lassen darin keinen Deut an völkischer Hetze und ihrem Widerstand gegen den „biologischen Krieg” gegen „Deutsche”missen. Wenn es sein muss bis zum „Untergang”, etc. p.p..
Unter den Nazis befand sich auch Sven Kahlin, jener Skinhead der Skinheadfront Dortmund-Dorstfeld der am 28. März 2005 den antifaschistische Punk Thomas „Schmuddel” Schulz in der U-Bahn-Station Kampstraße erstach. Obwohl zu einer 7 jährigen Haftstrafe verurteilt, wurde er schon im September 2010 nach 5 Jahren aus der Haftanstalt Werl entlassen. Am 12. Dezember überfiel er mit weiteren Mitgliedern der Skinheadfront Dortmund-Dorstfeld die alternative Kneipe „Hirsch Q”.  Zahlreiche Besucher der Kneipe wurden verletzt. Unter anderem durch Messerstiche. Bis heute ist er nicht wieder inhaftiert worden, wohnt in Oberdorstfeld und demonstrierte gestern mit seinen Kameraden aus Dortmund-Dorstfeld gegen die Flüchtlingsunterkunft.
Zeitgleich zu der Nazidemo fand in der Dortmunder Innenstadt eine Erinnerungsdemonstration zu Thomas Schulz statt. Ein Umstand, den die Nazis sich zu Nutze machten, um ungestört in Lütgen-Dortmund hetzen zu können. Die AntifaschistInnen konnten oder wollten nicht umdisponieren. Und die Nazidemo war sehr kurzfristig, ein Tag vorher, bekannt geworden.
Antifaschistische Präsenz und antirassistische Positionierung blieb somit Mangelware an diesem Tag. So können die Nazis auf ihrer Internetseite diese Demonstration als Erfolg ausgeben.
Wie weit das Engagement der Nazis noch reicht, wird man sehen. Ob sie die Flüchtlingsunterkunft nur als kurzen Anreißer a la Vertreter des „Volkswillen” nutzen wollten oder langfristig dort Politik machen wollen. Schaut man sich die Dortmunder AN-Szene an, so wird man noch Einiges an Hetze und Gewalt erwarten können. Und neben den Brandstiftern, gibt es ja bekanntlich noch jede Menge Biedermänner.
Leider ist gegen diese völkische und rassistische Mobilisierung in Bochum noch nichts passiert. Und das obwohl das „Grevendicker Feld” genau auf der Stadtgrenze liegt. Würde die Straße zur anderen Seite der Provinzialstraße abzweigen, so wäre dies der Bochumer Stadtteil Werne.
Zeit, dass sich auch Bochumer Initiativen etwas überlegen.«

3 LeserInnenbriefe zu "Nazidemo im „Grevendicks Feld”" vorhanden:

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4. Apr. 2011, 09:22 Uhr

LeserInnenbrief von M. Hoelz:

Ursprünglich stand die Anti-AKW-Demo in Essen auf unserer Agenda. Nach Kenntnisnahme des geplanten Aufmarsches gegen das Flüchtlingsheim haben wir umdisponiert, um die gruselige Szenerie an der Bochumer Stadtgrenze zu beobachten. Grevendicks Feld und angrenzende Häuserzeilen auf der Provinzialstr. ist als sog. sozialer Brennpunkt bekannt. Daher muß es seitens der für den Umzug der Flüchtlinge politisch Verantwortlichen als Provokation gewertet werden, diese dort unterzubringen, da Probleme und Konflikte vorprogrammiert sind. In diesem Kontext sei an Mannheim-Schönau, einem ebensolchen mit sozialem Sprengstoff belasteten Stadtteil, und dessen fast einwöchige Belagerung des dortigen Flüchtlingsheims und eines rassistisch pöbelnden deutschen Mobs, erinnert. Damals soll eine deutsche Frau von einem Flüchtling vergewaltigt worden sein. Im Nachhinein aber stellte sich heraus, daß der Täter der “gute” deutsche Familienvater von nebenan war. Faschistische Kreise haben diesen Vorfall für ihre Zwecke insrumentalisiert und große Teile der Bevölkerung in Schönau eingebunden. Insgesamt aber schien der Dortmunder Aufmarsch, der augenscheinlich bekannt war, eine Art Event-Charakter für die Bevölkerung zu haben, denn schon lange vor dem Erscheinen der FaschistInnen waren diverse Treffpunkte mit Menschenansammlungen, ausgestattet mit Bier, auf und nahe der Straße am Grevendicks Feld wahrzunehmen. Andere wiederum schauten vom Tribünenplatz im 2. oder 3. Stock der Häuser zu. Das Flüchtlingsheim am Ende der Straße offerierte einen kasernenhaften Blick mit hohem Zaun und Stahltoren. Es hieß, ein 24-std. Wachdienst sei vor Ort eingerichtet. Im Zuge des zu erwartenden Aufmarschs durften die dort lebenden Menschen das Gelände nicht mehr verlassen. Ein diensthabender Security-Mitarbeiter sprach Verbote aus. Auch wurde eine GenossIn von uns daran gehindert auf dem Gelände eine Toilette aufzusuchen bzw. Kontakt mit den Flüchtlingen aufzunehmen. SozialarbeiterInnen zogen es vor mit den Flüchtlingen im hintersten Winkel der Unterkünfte zu grillen. Auch hier wurden die alten Verhältnisse reproduziert, die da heißen: Nazi-Probleme ignorieren. Durch diese Strategie wurden die Flüchtlinge daran gehindert sich selbst zu organisieren und Präsenz zu zeigen.
Als weitere Provokation muß darüber hinaus eine 1-std. Kundgebung mit Lautsprecherwagen, von der Dortmunder Polizei genehmigt, an der Zufahrt zum Grevendicks Feld und in unmittelbarer Nähe der Unterkünfte, gesehen werden.
In der Tat: eine gruselige Szenerie.
Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten!
Prognose angesichts des Erlebten eher negativ.
Solidarität mit den Vertriebenen dieser Welt!


 

4. Apr. 2011, 14:47 Uhr

LeserInnenbrief von S.M.:

Zunächsteinmal der link zu einem ausnahmsweise guten Artikel des WAZ Konzerns http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/nord-west/Grillfete-gegen-rechte-Parolen-id4498126.html

Als einer der dort beschäftigten Sozialarbeiter möchte ich ein paar Dinge des letzten Leserbrief richtigstellen.Die “Grillfeier” war auch als eine Willkommensfeier gedacht. Das Dialogforum Lütgendortmund (Vereine,Inititativen,Sympathisanten usw.) sowie viele weitere Bürgerinnen und Bürger unterstreichen durch ihre Arbeit auch die Wichtigkeit von zivilgesellschaftlichen Engagement.Das alles kann aber selbstverständlich nicht antifaschistischen Protest ersetzen, welcher mit Ausnahme einiger weniger am Samstag nicht stattgefunden hat.
Aufgrund der Vielzahl an Faschisten sowie des großen Gewaltpotenzial der hiesigen Naziszene wäre es fatal gewesen sich alleine mit den Familien und Kindern der Willkommensfeier den Autonomen Nationalisten und Co. direkt entgegenzustellen.Die Besonderheiten eines am Tag zuvor vollbrachten Umzug, und Ängste der Flüchtlinge im Umgang mit Polizei und Nazis werden bei der Aussage “Nazi-Probleme ignorieren” total ignoriert!


 

5. Apr. 2011, 01:09 Uhr

LeserInnenbrief von M. Hoelz:

M.H. an S.M:
Wir freuen uns über eure sicherlich wohl – und herzlich gemeinte Willkommensfeier.
Dennoch haben wir eine verschiedene Sicht auf die Dinge: Durch jahrelange Anti-rassistische Arbeit und Kontakte zu Flüchtlingen, kennen wir viele Biographien.So sind wir über bis zu 2-jährige Zwangsaufenthalte informiert: gestrandet ohne Perspektive, Geld und Sprachkenntnisse in z.B. Bukarest, bevor die zweifelhafte “Reise”, pardon Flucht, in die Festung Europa von Erfolg gekrönt war.
Auf ihrem oft endlos erscheinenden langen Weg haben Flüchtlinge, zugegebenermaßen zumeist die männlichen, gelernt Überlebensstrategien zu entwerfen bzw. sich zu organisieren.
Dieses Instrument der Organisationsstruktur gilt es zu unterstützen. Vor faschistischen Übergriffen können sie sich daher am besten selbst schützen. In Diskussionen könnte aber dieser Ansatz focussiert werden. Von “Entgegenstellen” war in unserer Stellungnahme keine Rede. Die gewählte Begrifflichkeit vermittelt eine Art Militanz. Sich aber geschlossen an der Zufahrt Grevendicks Feld einzufinden, mit z.B. Roten Karten wie beim Fußball ausgestattet und darüber hinaus viele ihrer FreundInnen zu mobilisieren, hätte alle überrascht. Präsenz nach dem Motto: Wir sind da und bleiben hier. Basta! So wie der Nachmittag verlief, blieb insgesamt ein Bild der Einschüchterung und Ängstlichkeit zurück. Kräfte der Polizei waren zahlreich ebenso vor Ort: auf der Straße und in der Unterkunft.Vermutlich kam sogar von ihnen die Anweisung sich ruhig zu verhalten.
Eine alte Nummer mit langem Bart: kennen wir aus dem finsteren Stocker Busch in Büren, rot-grüngefärbter Abschiebeknast. Dort wurde einst den inhaftierten Flüchtlingen angesichts einer großen Solidemo für Bleiberecht und Schließung des Knastes gesagt, die Nazis stünden vor dem Tor, bleibt ruhig.
In Dortmund dagegen ward durch Polizeipräsenz KeineR ganz allein gelassen.
Widerstand braucht Phantasie! Und noch mehr Solidarität!


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