Donnerstag 29.07.10, 21:00 Uhr

Bigness als Katastrophe

Ein Kommentar der
AG Kritische Kulturhauptstadt

Die Absage der Loveparade in Bochum Anfang 2009 erscheint angesichts der Tragödie von Duisburg heute als vorausschauende Entscheidung. Die logistischen Probleme, der zu kleine und im Umbau befindliche Bahnhof sowie fehlende Freiflächen, waren die zentralen Argumente. Doch dazu gesellte sich seinerzeit eine ordnungspolitische Diskussion in der die Loveparade in erster Linie als Schmutz, Lärm und Drogenprobleme verursachende Unkultur wahrgenommen wurde. Die Kritik an dieser Provinzmentalität hat heute wie damals seine Berechtigung, unabhängig davon ob die Stadt Bochum einer solchen Veranstaltung überhaupt gewachsen gewesen wäre.
Im Kulturhauptstadtjahr 2010 durfte das »Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft« (Fritz Pleitgen) weder dieser Kleinkariertheit noch organisatorischen Problemen zum Opfer fallen. Alle Bedenken wurden zur Seite geschoben, die Entscheider und Planerinnen unter Druck gesetzt. Diese Haltung, gepaart mit verantwortungslosen Dilettantismus, führte zur Katastrophe. Jede Pommesbude muss Auflagen für Rettungswege und Feuerschutz erfüllen will sie nicht vom Ordnungsamt geschlossen werden. In Duisburg wurden nicht nur beide Augen zu gedrückt sondern die Möglichkeit der eingetretenen Katastrophe bewusst in Kauf genommen. »Ihr habt uns wie Tiere in einen Käfig gesperrt« steht auf einen Zettel an der Tunnelwand in Duisburg.
Weil nicht sein kann was nicht sein darf wurde in den ersten Stellungnahmen vom Fehlverhalten einzelner LoveparadeteilnehmerInnen gesprochen. Heute wissen wir das alle 21 Todesopfer an Brustquetschungen gestorben sind, das sie einfach erdrückt wurden, und das diese widerliche Lüge von den Verantwortlichen ablenken sollte, indem sie die Opfer zu Tätern machten.
Das Ruhrgebiet wird immer noch von der alten „Tonnen-Ideologie“ aus dem Zeitalter von Kohle und Stahl bestimmt. Die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 steht dafür exemplarisch. Bigness als positive Botschaft im Aufmerksamkeitswettbewerb: Die alberne Addition der Dörfer und Kleinstädte zur „Metropole Ruhr“. Massen-Chöre beim „!Sing – Day of Song“. Das Stilleben-Spektakel auf der A40. Die Loveparade.
Bigness kann auch Angst machen. Die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 wird immer mit dem Gedenken der 21 Toten und über 500 Verletzten der Loveparade verbunden bleiben.

2 LeserInnenbriefe zu "Bigness als Katastrophe" vorhanden:

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30. Jul. 2010, 09:28 Uhr

LeserInnenbrief von Radio El Zapote:

Noch am frühen Samstagmorgen der schrecklichen Ereignisse,gab es keine Genehmigung für die Duisburger Loveparade. In Anbetracht hemmungsloser Profitgier, einhergehend mit den Prestige- und Imagekämpfen der Ruhrgebietsmetropolen untereinander und sog. chronisch-klammer Haushalte der Städte sowie der zu erwartenden Massen, haben sich die Protagonisten dieser makaberen Politkomödie über jegliche Sicherheitsbedenken hinweg gesetzt und die Veranstaltung genehmigt. Das Ergebnis ist bekannt. Nun wird die Verantwortung von dem einen an den anderen Beteiligten weiter gereicht. Es steht zu befürchten, daß die Geschichte im Sande verläuft. Gleichwohl besteht ein übergeordnetes Interesse der internationalen Medien und Regierungen der einzelnen Länder, aus denen die Opfer kommen. Und gerade deswegen bleibt zu hoffen, daß die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Grundsätzlich aber ist perspektivisch mit verschärften Sicherheitsbestimmungen bei Großveranstaltungen vor dem Hintergrund der Duisburger Ereignisse zu rechnen. In diesem Komplex wird die CDU (und nicht nur sie), die einer alternativen Party- und Lebenskultur eher skeptisch bis ablehnend gegenüber steht, wieder federführend für Verbote stimmen. Mal sehen, wie die Saisoneröffnung des VFL Bochum mit bis zu 25.000 BesucherInnen auf dem viel zu kleinen Fiege-Gelände ausgeht.
Radio El Zapote,
unabhängige Kulturgruppe Bochum


 

30. Jul. 2010, 10:06 Uhr

LeserInnenbrief von ubu:

bigness verspricht big business – und für den profit werden wahnsinnige risiken unternommen, gegen die eine loveparade mit ihren folgen noch gering ist. supertanker, ölbohrungen im meer, chemische giftfabriken, giftmüll-lagerung,atomwaffen, atomkraftwerke und deren müll. es ist verdammt zeit, endlich NEIN zu sagen zu diesem scheiß. atomstrom ist nicht günstig, wenn die atommafia profitiert, aber wir alle milliarden für die entsorgung zahlen müssen. ein windkraftturm – was kann der maximal für schaden anrichten ? ein akw dagegen , das kaputtgeht, wieviele menschenleben kostet das , wieviele milliarden an geld, das menschliche arbeit aufbringen muß ? kapital will profit, schnellen profit, und die zukunft ?
nach uns die sintflut !


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