Freitag 05.02.10, 22:00 Uhr

Antwort von Sevim Dagdelen auf einen offenen Brief von drei PfarrerInnen

Sehr geehrte Pfarrerin von Bremen,
sehr geehrter Pfarrer Schöps,
sehr geehrter Pfarrer Wessel,

Sie wissen, dass es nicht stimmt. Dass ich niemals den Opfern des Holocaust meinen Respekt verweigern würde und dies auch nicht getan habe im Bundestag. Dass ich mich selbstverständlich erhoben habe zu Ehren der Opfer, die dem deutschen Rassenwahn zum Opfer gefallen sind, als der Bundestag am 27. Januar im Beisein von Shimon Peres der Opfer des Nationalsozialismus gedachte. Mich des Antisemitismus zu bezichtigten, ist infam. Mir Bösartigkeit und Gefühllosigkeit zu unterstellen, nicht minder. Sie beschuldigen mich der Ignoranz, ohne auch nur mit mir ein Gespräch zu suchen. Sie reden von Kultur und predigen Hass. Das hätte ich nicht erwartet. Erst recht nicht von Ihnen.

Ja, ich habe Shimon Peres nach seiner Rede stehende Ovationen verweigert. Ich habe nicht stehend applaudiert, als er von Atomraketen sprach, die der Iran angeblich besitze und die die Welt bedrohen. Ich habe nicht geklatscht, als er den Kriegstreibern Nahrung gab, die dabei sind, den nächsten Feldzug gegen den Iran zu planen, der den Mittleren Osten in die nächste Katastrophe steuern wird. Ich habe keine Zustimmung geäußert zu einer Fortsetzung der Vorgehensweise, die wir aus dem Irak kennen, wo gleichfalls mithilfe von Bedrohungsszenarien ein furchtbarer Krieg vom Zaun gebrochen wurde.

Wenn Sie mir dafür die Tür der Kirche weisen, dann soll es so sein. Vertreter der Kirche, die wider besseren Wissens diffamieren, sind nicht meine Ansprechpartner. Ob Sie jedoch die vielen Christinnen und Christen repräsentieren, denen Wahrhaftigkeit etwas bedeutet und die sich gegen Krieg und für Dialog und Verständigung einsetzen, wage ich zu bezweifeln. Sie sagen, es widert Sie an, dass ich sitzengeblieben bin. Was mich anwidert, sind hasserfüllte Stellungnahmen der Selbstgerechtigkeit, die nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun haben, was ich mir von der Kirche erhoffe und von ihr erwarte. Ich bin sicher, damit stehe ich nicht allein.

Ich erlaube mir, den Brief den zuständigen Superintendenten der evangelischen Kirche zukommen zu lassen und ihn wie Sie dies mit Ihrem Brief getan haben, unmittelbar zu veröffentlichen.

Sevim Dagdelen, 05.02.2010

Der Brief, auf den Sevim Dagdelen antwortet.

3 LeserInnenbriefe zu "Antwort von Sevim Dagdelen auf einen offenen Brief von drei PfarrerInnen" vorhanden:

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8. Feb. 2010, 15:06 Uhr

LeserInnenbrief von Thilo Sommer:

Es ist doch immer wieder der gleiche alte Trick, die Shoah als bloß geschichtliches Ereignis zu betrachten und dann Betroffenheit zu bekunden. In der Beschäftigung damit, welche ideologischen Vorbedingungen dieses Ereignis haben möglich werden lassen, kommt man dann über das Plakative nicht hinaus. Wie diese Ideologie (Rettung der Welt durch Elimination des Judentums oder was man dafür hält) heute wirkt und wieder zur Tat werden kann, wird nicht begriffen; in welche Nähe zu potenziellen Tätern man sich begibt, wird nicht reflektiert. Dann schilt man Shimon Perez einen Kriegstreiber und schweigt zu dem Holocaustleugner, Frauen- und Homosexuellenmörder Ahmadinedschad – dieser Dr. Seltsam, der offen von der Vernichtung der Juden redet und dafür so gerne die Bombe hätte. Dann kommt die Kriegsgefahr immer aus Israel und die tatsächlich Bedrohung, derer, die gerne wollen aber (nicht zuletzt aufgrund der Wehrhaftigkeit Israels) zum Glück nicht können, ist da keiner Erwähnung wert. Krieg und dessen (ideologische) Vorbereitung ist dann immer nur das, was man selbst als solches definiert, und dann nimmt sich als FriedensfreundIn selbstverständlich auch die Definitionsgewalt. Die Verlogenheit dieser Praxis ist unerträglich.

Mein Dank und Respekt gilt den drei PfarrerInnen, die mit Wort und Tat (Hausverbot) hier klar Stellung beziehen und hoffentlich dafür sorgen, dass die Linke (die Bewegung, nicht nur die Partei, die mit ihrem Namen jene so gerne in Gänze repräsentieren möchte) sich endlich mit dem Thema Antisemitismus über das Plakative hinausgehend beschäftigt.


 

8. Feb. 2010, 20:59 Uhr

LeserInnenbrief von From Skid Row:

Oh Mensch, da ist aber eine beleidigt. Zu recht? Nun, sie hätte wohl wissen müssen, dass deutsche ParlamentarierInnen völlig zurecht an ihrem Verhalten in Bundestagssitzungen am Holocaust-Gedenktag gemessen werden. Und sie hätte wissen müssen, dass schlecht dasteht, wer gemeinsam mit ehemaligen Angehörigen der fanatisch-antiisraelischen TrotzkistInnen-Sekte Linksruck ausgerechnet dieses Ereignis zum Anlaß demonstrativen Handelns nimmt.

Und war diese Demonstration nötig? Nimmt denn irgendjemand an, diejenigen Abgeordneten, welche sich dem Anlass der Sitzung entsprechend verhalten haben und aufgestanden sind, billigten notwendigerweise eventuelle, auf Eskalation angelegte Schritte der Israelischen Verteidugungskräfte? Hat ihnen die Liebe zumn Frieden irgendjemand abgesprochen?

Der falsche Anlass für eine unnötige Aktion. Unnötig und unangemessen. Und mit den falschen Leuten.

Da muss manund frau sich schon Kritik gefallen lassen. Und ach ja: Man und Frau kann Fehler auch einfach zugeben und, etwa gegenüber der israelischen Botschaft, klarstellen, dass es falsch war, sich nicht zu erheben. Aus der Ablehnung eventueller Militärschläge braucht dabei niemand einen Hehl machen.


 

12. Feb. 2010, 18:33 Uhr

LeserInnenbrief von somjotien:

Rauswürfe haben in der evangl. Kirchengeschichte eine lange Tradition.

Siehe zweiter Prager Fenstersturz 1618

wiki:
“Der Konflikt der evangelischen Stände mit ihrem katholischen Landesherren, (…).

Knapp 200 Vertreter der protestantischen Stände unter der Führung von Heinrich Matthias von Thurn zogen am 23. Mai 1618 auf die Prager Burg und warfen nach einer improvisierten Gerichtsverhandlung die in der Hofkanzlei anwesenden kaiserlichen Statthalter Jaroslav Borsita Graf von Martinitz und Wilhelm Slavata aus einem Fenster in 17 Metern Höhe. Anschließend warfen sie noch den Schreiber Philip Fabricius hinterher.”
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Prager_Fenstersturz zu 2.)


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