Sonntag 14.12.25, 15:03 Uhr
Treffpunkt Stolperschwelle vor der JVA in Bochum

Bochum – eine Station des Leidensweges von „Stin dem Färber“ 1


Aendenhof mit Portrait ihres Großvaters an der Stolperschwelle an der JVA
Mitch, Michael und Frankie Aendenhof mit Portrait ihres Großvaters an der Stolperschwelle vor der JVA

Bericht von Alfons Zimmer
Für den Belgier Frankie Aendenhof und für seine Söhne Michael und Mitch ist es schon die zweite Reise auf den Spuren des Großvaters bzw. Urgroßvaters Augustinus Herreman (1885-1945). 2019 waren sie an seinem Todesort im KZ Gusen beim Lager Mauthausen in Österreich. Dort verstarb der 59-jährige Stin am 10. Januar 1945, geschwächt von dreijähriger Odyssee durch deutsche NS-Strafanstalten.

Als „Stin der Färber“ ist Augustinus Herreman aus Hamme zwischen Antwerpen und Gent bekannt. 1885 geboren bekommt er nach Heirat mit Celestine Vereecken drei Kinder, darunter auch Rachel, die Mutter von Frankie. Von 1914 – 1919 ist er Kriegsgefangener im für Belgien fürchterlichen Ersten Weltkrieg. Als NS-Deutschland die Benelux-Staaten besetzt, betätigt Augustinus sich in der NKB, der konservativ-patriotischen königsnahen Widerstandsbewegung „Nationale Koningsgezinde Beweging“. Die NKB unterstützt Zwangsarbeitsverweigerer, sammelt militärische Informationen, hilft untergetauchten Juden und alliierten Piloten, legt Verstecke für Waffen und Dokumente an.

1942 wird Augustinus denunziert, von der Feldpolizei verhaftet und als Nacht-und-Nebel-Häftling mit der Nummer NN 17397 von Gent ins Strafgefängnis Bochum überstellt. Dort kommt er am 23. September 1942 an und erhält als 1601. Zugang des Jahres die Nummer 1601/42. In Bochumer Haft sitzen gleichermaßen Mitglieder patriotisch-königsnaher Résistance-Gruppen als auch kommunistischer Geheimbünde. In einem Interview sagt der überlebende Bochumer Häftling Gustave Vandepitte, viele seien nicht politisch gewesen, nur patriotisch, ob als Katholiken, Sozialisten oder Liberale. Nur freie Belgier wollten sie sein.

Frankie, Mitch und Michael wollen ihre zweite Reise auf den Spuren von Augustinus an seinem ersten deutschen Haftort beginnen, eben am Gefängnis Bochum. Sie bitten das Stadtarchiv um Hilfe, werden vermittelt zu den Paten der Stolperschwelle an der JVA, Uli Borchers (Bochum gegen Rechts) und Alfons Zimmer (ehemaliger Gefängnisseelsorger). Kurzfristig wird eine Begegnung verabredet für Besuch mit Außenbesichtigung und Gespräch mit Kaffeetrinken am Nikolaustag 2025. Die JVA erlaubt unter engen Bedingungen die Begehung des Bediensteten-Parkhauses mit Blick auf die Gebäude der alten Strafanstalt.

Familie Aendenhof blickt von oben auf die alten Gebäudeteile der JVA
Familie Aendenhof blickt von oben auf die alten Gebäudeteile der JVA

Nach dreieinhalbstündiger Fahrt durch Belgien und die Niederlande kommen Frankie und seine Söhne am 6. Dezember pünktlich an der Krümmede an, finden trotz VfL-Heimspieles in der Nähe einen Parkplatz. Ihr erster Blick nach Umrundung der hohen Anstaltsmauer gilt der neuen Stolperschwelle am Haftgelände-Eingang. Sie entdecken schnell den eingravierten Hinweis, dass unter den über 2000 Politischen Gefangenen in den NS-Jahren auch „Angehörige des Widerstandes aus Frankreich, Belgien und anderen besetzten Ländern Westeuropas“ waren. Uli Borchers putzt auf die Schnelle noch einmal die schwarz angelaufene Schwelle blank. Vom Parkhaus aus kann auch der Flügel A erblickt werden, in dem 1942 die meisten NN-Gefangenen inhaftiert waren. Flügelbezeichnungen und Zellennummern der modernen Anstalt sind immer noch dieselben wie vor über 80 Jahren.

Wegen alliierter Bombenangriffe auf Bochumer Industriebetriebe, auch auf das nahe gelegene Stahlwerk entstehen 1942 und 1943 Schäden an der Anstalt, sieben NN-Häftlinge werden getötet. Man befürchtet Fluchtversuche. Die Vollzugsbehörde beschließt, viele NN-Gefangene aus der überfüllten Krümmede ab Mitte 1943 ins Strafgefangenenlager Esterwegen zu verlegen und in andere östlichere Gefängnisse. So wird Augustinus Herreman am 22. Mai 1943 ins Zuchthaus Hameln überstellt.

Sein weiterer Weg sieht so aus: Gerichtsgefängnis Hameln, Polizeigefängnis Hannover, KZ Sachsenhausen bei Berlin, KZ Natzweiler bei Straßburg, KZ Dachau (ab 6.9.1944), KZ Mauthausen (ab 16.9. 1944), Tod am 10. Januar 1945 im KZ Gusen bei Mauthausen, angeblich wegen „Herzmuskelschwäche und eitrigem Dickdarmkatharr“.

Der Ruf von Mauthausen ist schon bei Bochumer Häftlingen bekannt. Sie nennen den Ort zu Recht „Mordhausen“. Für belgische NN-Häftlinge sind Mauthausen und Gusen besonders tödlich. Von 1000 dorthin deportierten Belgiern versterben 800! Darunter war auch „Stin, der Färber“ aus Hamme, Großvater von Frankie, Urgroßvater von Mitch und Michael Aendenhof.

Die Begegnung mit der Familie Aendenhof wird auch im Sinne der Völkerverständigung sehr ernst genommen. Frankie erzählt, dass seine Mutter Rachel, die Tochter von Augustinus, in den 60er Jahren immer am Strand mit den Kindern weggegangen ist, wenn deutsche Touristen in die Nähe kamen. Später arbeitet Frankie lange in Köln, was der Mutter nicht recht ist. Frankies Kinder machen Urlaub in Deutschland. Sie rechnen den heutigen Deutschen die Untaten am Urgroßvater nicht mehr persönlich zu. Familie Aendenhof wird eingeladen zu einem Kaffeetrinken und zu einem langen Gespräch im Warmen. Sie bedankt sich herzlich mit einem kleinen Gastgeschenk, bevor sie weiterfährt nach Hameln. Dort schläft sie in einem Hotel an der Weser, welches genau auf dem Platz des ehemaligen Zuchthauses erbaut ist. Am nächsten Morgen werden die Drei am Denkmal der Hamelner Opfer empfangen vom Geschichtslehrer und ehrenamtlich im Gedenken engagierten Bernhard Gelderblom. Seit Jahrzehnten fahren dorthin Nachfahren der damaligen Opfer auf den Spuren ihrer Vorfahren. Genau wie auch bis heute nach Bochum an die Krümmede.

Mitch, Michael und Frankie Aendenhof mit den Iniatoren der Stolperschwelle vor der JVA Uli Borchers und Alfons Zimmer
Mitch, Michael und Frankie Aendenhof mit den Initiatoren der Stolperschwelle vor der JVA Uli Borchers und Alfons Zimmer

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