Dienstag 05.06.18, 18:04 Uhr
Das Polit-Café Azzancao berichtet:

5 Jahre – Clément ist präsent

5 Ans Clément toujours présent

Anlässlich des 5. Todestags des französischen Antifaschisten Clément Méric fand am letzten Wochenende in Paris das „week-end antifasciste de lutte e hommage“ – „Antifaschistisches Wochenende des Kämpfens und Erinnerns“ statt. Der 18 jährige Student Clément Méric war am 5. Juni 2013 bei einer Auseinandersetzung mit rechten Skinheads im 9. Arrondissement von dem Nazi Estaban Morillo erschlagen worden. Die Tat ereignete sich an einem Mittwoch Nachmittag vor einem Bekleidungsgeschäft in der Rue de Caumartin – mitten in Paris.

Clément Méric war ein libertärer Sozialist und Mitglied der anarcho-syndikalistischen „Confédération nationale du travail“ (CNT). Er war im Jahr 2013 von Brest nach Paris gezogen, um an dem „L’Institut d’études politiques de Paris“, kurz Sciences-Po, Politik zu studieren. In Paris wurde er Mitglied bei der Gruppe „Action antifasciste Paris-Banlieue“ und der syndikalistischen Studentenorganisation „Solidaires étudiant -e-s“. Als Fußballfan besuchte er die Spiele des Pariser Vereins „Red Star Paris“. Vor allem die Kurve „Rino della Negra“, die nach dem kommunistischen Widerstandskämpfer und Mitglied der „Gruppe Manouchian“ benannt ist, hatte es ihm angetan. Clément engagierte sich gegen die homophobe und rechte Massenbewegung den „Manifestations contre le mariage homosexuel“, die im Jahr 2013 ihren Höhepunkt fand und hunderttausende rechtsgerichtete Französ*innen zu Großdemonstrationen nach Paris mobilisierte.
Der 20 jährige Naziskin Estaban Morillo war zwei Jahre zuvor nach Paris gezogen. Der gelernte Fleischer stammt aus einer kleinen Gemeinde im Département Aisne und arbeitete in Paris in der Security-Branche. Schon 2010 fiel er den Behörden wegen seiner extrem rechten Gesinnung auf. Er war Mitglied der national-revolutionären Kleinstpartei „Troisième Voie“, die 2010 durch den bekannten extrem rechten Skinhead Serge Ayoub reaktiviert wurde, der in Paris den rechtsradikalen Treffpunkt „Le Local“ betrieb. Serge Ayoub, Jahrgang 1964, war in den 80er Jahren ein bekannter rechter Skinhead und trug den Namen Batskin. 1987 gründete Ayoub die national-revolutionäre „Jeunesses Nationalistes Révolutionnaires“ (JNR), die als der schlagende Arm des „Troisième Voie“ galt. Heute ist es vor allem die neu gegründete extrem rechte Bewegung „Bastion Social“, die in Frankreich die national-revolutionären Töne anschlägt. (http://antifra.blog.rosalux.de/casapound-macht-schule-bastion-social-nachahmer-in-frankreich)

Um an diesen Mord zu erinnern organisierte das „Comité pour Clément“ zum fünften Mal in Folge eine Erinnerungsveranstaltung in Paris. Der diesjährige Treffpunkt für eine Vielzahl von Zusammenkünften antifaschistischer und antirassistischer Initiativen war das „La Parole errante“ in der Rue François Debergue, im Stadtteil Montreuil. Dort trafen sich über zwei Tage Antifaschist*innen und Antirassist*innen aus Frankreich, Spanien, dem Baskenland, Italien, Griechenland, der Schweiz und Deutschland zur Information, Diskussion und Austausch. Am Samstag fanden sich zur Erinnerung an Clément Méric am Place Gambetta einige Hundert Antifaschist*innen ein, um mehrere Stunden durch die Straßen des 20. Arrondissement zu ziehen. Der Demozug vergrößerte sich immer mehr und zählte schließlich ungefähr 1.000 Personen. Am Abend spielten mehrere Bands in Montreuil. Die Halle und der Innenhof des „La Parole errante“ waren gut gefüllt.
An diesem Wochenende waren zudem Eltern ermordeter und inhaftierter Antifaschist*innen aus Frankreich, Spanien und Italien nach Paris gekommen, um gemeinsam an Clèments zu erinnern, sowie um sich zu koordinieren und eine gemeinsame Organisation zu gründen.
Am Sonntag Nachmittag fand zu Ehren Clèments ein Freundschaftsspiel im Stade Département al La Motte 7 in Bobigny statt.

Azzoncao, Juni 2018

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Aus Anlass des 5. Todestages von Clément Méric veröffentlichen wir hier noch einmal das Interview mit dem Musiker Fred Alpi aus dem Juni 2013 zu den Ereignissen und den Mord in Paris. Fred Alpi war Mitglied bei der Anarcho-Skinhead Band „Brigada Flores Magon“. Heute tritt er mit seiner Band „The Angry Cats“ auf. Er ist Mitglied der anarchosyndikalistischen CNT, bei der auch Clement aktiv gewesen war.

Interview mit Fred Alpi „Der Mord an Clément Méric“ (Juni 2913)

Azzoncao: Salut Fred, erzähl bitte was sich am letzten Mittwoch in Paris ereignete.

Fred: Clément war mit einigen Freunden in einem Kaufhaus einkaufen. Er hatte einen Gutschein für Ben Sherman Kleidung, was ja bei uns Skinhead eine traditionelle Marke ist. Clement war kein Skin, aber er stand auf den Stile. Sie sind dort einer Gruppe Nazis begegnet. Diese erkannten Clément von einer antifaschistischen Demonstration gegen die reaktionären homophoben Demonstrationen der letzten Wochen.

Azzoncao: Wer waren die Nazis? Welchem politischen Umfeld entstammen sie?

Fred: Diese Nazis sind aus dem Umfeld der „Troisième Voie/Jeunesses Nationalistes Révolutionnaires“. Der Gruppe von Serge Ayoub, einer bekannten Figur der Nazi-Skinheads aus Frankreich.

Azzoncao: Wie reagierte die Polizei, die Behörden?

Fred: Die Täter sind sehr schnell von der Polizei gefasst geworden. Innerhalb weniger Tage. Fünf sind noch im Gefängnis.

Azzoncao: Laut des Obduktionsberichts war es nicht der Sturz auf den Metallpoller, der Clement tötete. Sondern die Frakturen, die er durch die Schläge in sein Gesicht erlitt. Dementsprechend hart müssen die Schläge ausgeführt worden sein. Es heißt Esteban Morillo habe mit einem „Poing américain“, einem Schlagring, zugeschlagen. Dennoch ermittelt der zuständige Untersuchungsrichter auf „fahrlässigen Totschlag“ statt auf „vorsätzlichem Totschlag“. Wie ist das zu erklären?

Fred: In einer Schlägerei geht alles sehr schnell. Und Esteban Morillo wollte vielleicht Clément wirklich nicht töten, nur verletzen. Das weiß noch keiner. Ein Schlagring ist aber eine gefährliche Waffe. Esteban war sehr viel stärker als Clément. Die Benutzung von einem Schlagring ist da wirklich eine Feigheit.

Azzoncao: Wie hast du von dem Ereignis erfahren?

Fred: Ich habe eine SMS bekommen und bin mit Freunden sofort ins Krankenhaus gefahren.

Azzoncao: Wie haben die Genossinnen der CNT, der Antifagruppe, die StudentInnen und KommilitonInnen von Clement reagiert?

Fred: Es ist ein Schock für alle gewesen. Es gab es eine Welle von Sympathie und Solidarität. Sehr schnell und spontan wurden Demonstrationen organisiert. Auch ein Solidaritäts Konzert, um Geld zu sammeln.

Azzoncao: Welche Demonstrationen und Aktionen gab es?

Fred: Sofort am nächsten Tag, an dem Ort wo Clément erschlagen wurde, hat AFA Paris-Banlieue eine Kundgebung organisiert. Eine weitere Kundgebung von anderen linken Organisationen gab es am Saint Michel. Und am Samstag fand eine große Demonstration mit anschließendem Konzert in Paris statt.

Azzoncao: Wie waren die Reaktionen in den Medien, der Politik?

Fred: Sie veranstalteten ein Spektakel nach dem Motto linksextrem gleich rechtsextrem. Aber auch die Masche, dass alle Skinheads schlecht und gefährlich sein. Das kam vor allem von den rechten und konservativen Medien und Parteien. Serge Ayoub, der Führer der Naziorganisation wurde überall eingeladen und interviewt. Er präsentierte in großer Selbstgefälligkeit seine Lügen. Diese Show haben aber auch Antifa Skinheads bedient. Und den Mythos der alten 80er Jahre bedient, um sich im öffentlichen Interesse und Fokus der Medien zu sonnen.

Einige Medien haben aber auch angefangen sich mehr für die politischen Inhalt der Antifagruppen zu interessieren. Aber das wird nicht lange andauern. Der Regierung hat jetzt die Gruppen „Troisième Voie“ und „Jeunesses Nationalistes Révolutionnaires“ verboten und das reicht den meisten Beobachtern.

Azzoncao: Viele rechte Parteien wie die Front National unter Marine Le Pen gingen sehr schnell auf Distanz zu Esteban Morillo und der Tat. Aber keine zwei Tage später konnte man schon die ersten Solidaritätsbekundungen zu dem Mörder im Internet finden. Vor allem von so genannten Nationalrevolutionären, die sich als Linke am Rechten Rand aufspielen. Kannst Du was zu der Szene erzählen in der sich Morillo bewegte?

Fred: Die Mitglieder von „Troisième Voie“, das heißt auf Deutsch „Dritter Weg“, und „Jeunesses Nationalistes Révolutionnaires“ arbeiten seit Jahren mit der Front National zusammen. Das soll aber nicht deutlich werden. Die Strategie der FN-Chefin Marine Le Pen ist es die Front National respektable aussehen zu lassen. Ein seriöses konservatives Image, ohne rechtsradikale Schläger, zu erzeugen. Die Wahrheit ist, dass die Nazis aus diesen Gruppierungen sehr oft bei Plakatieraktionen oder bei dem Sicherheitsdienst der rechten Demonstrationen eingebunden sind.

Azzoncao: Es sind jetzt mehrere der extrem rechten Gruppierungen verboten worden. Was denkst Du darüber?

Fred: Das löst die Ursachen des Problems nicht. Die faschistischen Gedanken befruchten seit geraumer Zeit alle politischen Programme der konservativen oder sozial-demokratischen Parteien. Vor allem was den Rassismus gegen Muslime und Roma angeht. Und die verbotenen Gruppen? Sie werden so oder so unter neuen Namen weitermachen.

Azzoncao: In Frankreich sind in dem letzten Jahr eine ganze Reihe von rechten Gewalttaten im Windschatten der Kampagne gegen die Ehe für gleichgeschlechtliche PartnerInnen passiert.
Kannst Du etwas zu diesen Übergriffen erzählen. Zu der Kampagne der Rechten gegen die „Homoehe“ und dem generellen Klima in Frankreich?

Fred: Das Problem ist, dass diese reaktionären Positionen nicht nur von der extremen Rechten kommen. Sondern von den klassisch konservativen Parteien, die diese Politik für sich als Werbung und Programm nutzen. Die sozialdemokratische Regierung macht ökonomisch das Gleiche was Sarkozy gemacht hat. Um eine Differenz zu dieser ausbeuterischen und konservativen Politik der Sozialdemokraten zu erzeugen, beziehen sich die konservativen Parteien immer offener auf rechtsextreme Positionen. Ein Wettrennen, wer rechter sein kann. Die französische Kirche hat sich auch mit viel Geld bei der Kampagne gegen die Homoehe beteiligt. Sie will mehr Einfluss in der Gesellschaft gewinnen.

Azzoncao: Was passiert von der radikalen Linken angesichts dieser Entwicklung?

Fred: Leider nicht viel. Es existieren so gut wie keine politischen Ideen oder Perspektiven. Kaum Kontakte mit Leuten, die Freiheit, Gleichheit und Solidarität wirklich brauchen könnten. Zu Arbeitslosen, armen Arbeitern, alleinerziehenden Frauen, Homosexuellen, Opfern täglicher rassistischer Gewalt, etc.p.p.. Schwere Zeiten für die radikale Linke.

Azzoncao: Kannst Du uns mehr zu Clément erzählen? Wer war er?

Fred: Clément war kaum 18 Jahre alt, aber schon sehr an Politik interessiert. Ein Studium der Politischen Wissenschaft war der Grund warum er nach Paris gezogen war. Er war Veganer und Anarchist. Er liebte Musik, besonderes Punk und Ska. Er hatte Leukämie gehabt, aber die Krankheit besiegt. Er war alles andere als ein „Hooligan“. Aber er war mutig. Das war er auf jeden Fall. Er war immer in der ersten Reihe bei den Demos. Clément war das Gegenteil von den Angebern, die man leider auch bei uns trifft. Als er noch in Brest lebte war er Mitglied der CNT. An der Universität Sciences-Po Paris gibt es aber kein CNT StudententInnen-Syndikat. So wurde er Mitglied bei der Gruppe Sud Étudiant. Auch war er Mitglied bei der Antifagruppe Action Antifasciste Paris-Banlieue.

Azzoncao: Es hat in Europa in England, Spanien, Griechenland, Deutschland und anderen Ländern Solidaritätsbekundungen zu den Hinterbliebenen und Proteste gegen die französischen Verhältnisse gegeben. Wie bewertest Du die?

Fred: Clément ist ein Symbol geworden. Ein Symbol für die Gewalt des Faschismus. Gewalt ist das einzige Argument über das die extreme Rechte verfügt, um Menschen zum Nachgeben zu bewegen. Es ist für Faschisten unerträglich, wenn Menschen widerstehen um frei zu sein, oder anderen Menschen helfen frei zu werden. Faschisten haben eine Sklavenmentalität. Clément war aber ein Genosse für alle die die Freiheit lieben. Deswegen ist er gestorben.

Azzoncao: Vielen Dank für das Interview. Bitte richte unser Mitgefühl und unsere Solidarität der Familie Cléments und den GenossInnen in Paris aus.

 
 
 
 


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