Montag 29.05.17, 08:46 Uhr
Silke Brockmann erinnert an den Herbst 1980:

Die erste Hausbesetzung in Bochum


Die Hausbesetzung in der Hernerstr. 131 hat Silke Brockmann zum Anlass genommen, die “Geschichte der Hausbesetzungen in Bochum” als Zeitzeugin zu vervollständigen und an die erste Hausbesetzung in Bochum zu erinnern: »Das erste in Bochum besetzte Wohnhaus war das in der Bergstrasse 115, das bis kurz vor der Besetzung der Stadt Bochum gehört hatte und – leider – nur wenige Tage vor der Besetzung, nämlich am 1.10.1980, auf die Firma Schneiderbau Trägergesellschaft umgeschrieben worden war (was dafür spricht, dass es einen V-Mann in Umkreis der Vorbereitenden gab…spekuliere ich mal, denn unserer Aktion sollte natürlich ausdrücklich gegen einen öffentlichen Eigentümer gerichtet sein, so wurde die ganze Stoßrichtung verkompliziert). Federführend war damals der sog. “Rote-Punkt”, der vom AStA der RUB (getragen von SHB und MSB) unterstützt wurde.
Für die Durchführung der Aktion hatten Bernd Leimann (Lehrer) und ich die Verantwortung übernommen (damals Medizinstudentin). Ziel der Besetzung war, auf die Wohnungsnot (damals insbesondere für StudentInnen) aufmerksam zu machen. Der Zeitpunkt war so gewählt, dass eine maximale Aufmerksamkeit erzielt werden konnte – auch für eine mögliche Räumung, mit der wir rechnen mussten: kurz vor der Bundestagswahl am 5. Oktober 1980. Wenn ich mich richtig erinnere, sind wir Anfang der Woche vor dem Wahlsonntag mit Leitern ausgestattet durch ein Fenster (das nicht gesichert war) eingestiegen. Das “Programm” war dann ähnlich wie bei der aktuellen Besetzung in der Hernerstrasse, Matratzen auslegen, das Haus bewohnbar machen, Sympathiewerbung in der Nachbarschaft machen und Sympathisanten mobilisieren, nur dass uns die neuen Medien zur Bekanntmachung fehlten und alles nur über Flugblätter, Mundpropaganda, Telefon lief. Am Samstagabend war dann eine Fete angesetzt mit Auftritten von Bochumer KünstlerInnen, MusikerInnen, gespendeten Getränken und Essen. Es gab so viel Andrang von Bochum SympathisantInnen und auch PolikerInnen (z.B: der SPD), dass wir nicht alle Personen in die Villa einlassen konnten, wie z. B. identifizierte V-Leute, DrogendealerInnen oder stark Alkoholisierte…. Womit ich auch gleich auf ein Grundproblem bei Besetzung hinweisen möchte.
Zur Räumung rückten dann ca 20 Polizeibullis an – vermutlich am Montag nach der Bundestagswahl – also am 6.10.1980. Die 12 anwesenden Personen wurden in Gewahrsam genommen (und übrigens NICHT erkennungsdienstlich behandelt. Das war damals nicht erlaubt). Wir kamen in Gefängniszellen am Polizeipräsidium. Den Blick auf das Bergbaumuseum habe ich damals aus der Gefängniszelle fotografiert.
Später gab es diese “gefährlichen” Verhöre des 14. K, mit Einschleimen und Pseudoverständnis…nach dem Motto, wir waren ja alle mal jung…und sind Sie nicht auch aktiv in der Jugendzentrumsbewegung?.. Sie haben ja so recht mit Ihrem Anliegen! etcetc…Es war vorher ausgemacht, dass keine/r ein Wort sagt…
Das Ermittlungsverfahren gegen mich wurde am 26.3.1981 eingestellt – letztlich aufgrund des politischen Drucks, den insbesondere die StudentInnenschaft ausübte, der sogar den damaligen SPD-OB Eikelbeck bemüßigte, sich bei der Firma Schneiderbau für die Rücknahme des Strafantrags zu verwenden.
Im Anschluss an die Besetzung der Bergstrasse 115 haben wir dann übrigens die Besetzung Auf dem Holln unterstützt, wiederum daraus und mithilfe des damaligen Fachschaftsrats Medizin wurde dann die Besetzung im Heusnerviertel angegangen (wo ich nicht mehr aktiv dabei war).
Ich sehe, dass die Besetzung in der Hernerstrasse gerade ganz ähnlich abläuft und hoffe sehr, dass es zu einer friedlichen konstruktiven Lösung kommt.
In der Stadt Bern in der Schweiz, in der ich arbeite und deshalb z.Z. noch grösstenteils lebe, hat die Stadt auf die zahlreichen Hausbesetzungen mit der Einrichtung einer Zwischennutzungsstelle reagiert, die proaktiv zwischen den BesetzerInnen und den EigentümerInnen vermittelt, was in der Hernerstrasse auch wünschenswert wäre, siehe: http://www.20min.ch/schweiz/bern/story/10854990«

Siehe auch:
Vor 30 Jahren: Politik, Polizei und die Räumung des Heusner-Viertels
Gedenktage – von Birnen und Kesseln
von Wolfgang Czapracki-Mohnhaupt

 
 
 
 


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