Sonntag 19.03.17, 13:42 Uhr

Gentrifizierung am Kortländer?

Vor vier Wochen gab es an dieser Stelle eine LeserInnen-Diskussion darüber, ob die Gegend am Kortländer von einem Gentrifizierungsprozess betroffen ist. Ob die eher günstigen Mieten in diesem Stadtteil dazu geführt haben, kreative Leute anzuziehen, die das Viertel aufgewertet haben und nun dafür sorgen, dass die Mieten steigen und alt eingesessene MieterInnen vertrieben werden. Die Bochumer Linksfraktion hat das Thema aufgegriffen und lädt zu einer Diskussion am Dienstag,  den 28. März um 18:30 Uhr in der Trinkhalle, Herner Str. 8 ein. DiskussionsteilnehmerInnen sind Martin Krämer (Mieterforum Ruhr), Regina Sidel (Botopia Netzwerk) und einE VertreterIn des Café Eden. Die Moderation übernimmt Sabine Lehmann.

7 LeserInnenbriefe zu "Gentrifizierung am Kortländer?" vorhanden:

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19. Mrz. 2017, 14:51 Uhr

LeserInnenbrief von Norbert Hermann:

Der Kampf zwischen Wohlhabenden, Mittelschicht und Habenichtsen
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Schon erstaunlich dass die LINKE keine kompetenten Gegner*innen von Gentrifzierung aufs Podium gesetzt hat, sondern Verteter*innen der
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” … neuen Mittelschichten”, der “postmodernen Milieus, die die Innenstädte gentrifizieren und Hartz IV-BezieherInnen aus ihrer Lebenswelt (das ist nicht nur die Wohnung) verdrängen …”
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” … die kapitalistischen Verwertungsverhältnisse (sind) längst in die Linke eingesickert … . Da weiß man dann nicht mehr, wer wirklich authentisch ist oder wem es um persönliche Vorteile geht.
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Die Linke ist nur ein Abbild dieser Gesellschaft.
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http://www.trend.infopartisan.net/trd1209/t491209.html

” … Die städtischen Protestbewegungen werden immer häufiger von milieu- und schichtübergreifenden Bündnissen getragen, in denen Angehörige der neuen urbanen Mittelschicht die Wortführerschaft übernommen haben, die über die erforderlichen sozialen und kulturellen Ressourcen verfügen, um ihre Anliegen öffentlichkeitswirksam zu artikulieren.
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Die materiell abgesicherten Singles oder kinderlosen Doppelverdiener aus der wachsenden Dienstleistungsbranche, der Wissensökonomie und der Kreativwirtschaft und die zunehmende Zahl der stadtaffinen Familien mit Kindern und gutem Einkommen gelten als die eigentlichen Adressaten der kommunalen Aufwertungsstrategien, die den Innenstädten zu neuer Attraktivität als Wohn- und Arbeitsort verhelfen sollen. Auf der Suche nach Urbanität lässt sich diese überwiegend junge urbane Mittelschicht bevorzugt in den baulich und kulturell wiederbelebten Innenstadtvierteln nieder, in denen Künstler, kreative Kleinunternehmer und Studenten auf der Suche nach günstigem Wohnraum den Aufwertungsprozess bereits in Gang gesetzt haben. …
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Armin Hentschel vom Institut für Soziale Stadtentwicklung (IFSS) in Potsdam hat kürzlich darauf hingewiesen, dass dort, wo aktuelle stadt- und wohnungspolitische Probleme den Ausgangspunkt der Unzufriedenheit bilden, „die ökonomischen, verteilungs- und migrationspolitischen Hintergründe“ nur selten thematisiert werden. Häufig bleibt der Kampf gegen steigende Mieten und Gentrifizierung auf den Stadtteil beschränkt und erschöpft sich in wohlfeiler Kritik an Investoren und Käufern von Luxuswohnungen oder mündet in die Suche nach alternativen Baugruppen- und Genossenschaftsmodellen, den eher mittelschichtkonformen Lösungen. …”
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http://www.fr.de/kultur/stadtplanung-gentrifizierung-nervoeses-rumoren-in-der-beletage-a-414553
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19. Mrz. 2017, 18:52 Uhr

LeserInnenbrief von Pil:

Jap, sehr guter Kommentar!


 

20. Mrz. 2017, 01:26 Uhr

LeserInnenbrief von Rolf:

Och Norbert,

welche “kompetenten Gegner*innen von Gentrifizierung” aus dem Stadtteil sind denn deiner Meinung nach vergessen worden? Diese Kritik ist mir ein bisschen zu wohlfeil. Vorschlag: Einfach mal vorbei kommen, mitdiskutieren, oder alternativ zumindest mal zuhören, wie die Stadtteil-Diskussion überhaupt läuft.

Der komplette Ankündigungstext, der ein bisschen genauer beschreibt, worum es denn gehen soll, findet sich übrigens hier: http://linksfraktionbochum.de/2017/03/einladung-zur-stadtteil-diskussion-gentrifizierung-in-bochum/

Rolf


 

20. Mrz. 2017, 02:15 Uhr

LeserInnenbrief von Andreas:

Hmmm, wenn Martin und Regina nur „inkompetente VertreterInnen des postmodernen Milieus“ sind, „die die Innenstädte gentrifizieren und Hartz IV-BezieherInnen aus ihrer Lebenswelt verdrängen“, dann stellt sich doch die Frage wie Kompetenz in die Sache kommt.

Eine Methode der 80er Jahre ist die der „militanten Untersuchung“. Ein Beispiel dafür kann mensch hier nachlesen: http://mietenwahnsinnstoppen.blogsport.eu/tag/militante-untersuchung/

Ein Beispiel für die „sozialpädagogische Variante“ ist die „aktivierende Befragung“: http://www.sozialraum.de/aktivierende-befragung-aktivierendes-gespraech.php

Wenn Menschen ihre Gegend um den Kortländer herum also für im Gentrifizierungsprozess befindlich halten, dann sollten sie dies auch entsprechend kompetent untermauern. Die methodischen Mittel dafür gibt es. Mate neben dem Fiege, eine dritte Kampfsportschule im Stadtteil und zum Penny demnächst wieder ein Aldi machen noch keine segregierende Gentrifizierung.

Ich hätte es übrigens von Norbert besser gefunden, wenn er nicht selektiv aus dem FR-Artikel zitiert hätte. Der Hintergrund für den Artikel bilden Entwicklungen in Großstädten mit Mietniveaus „von mehr als 20 Euro pro Quadratmeter und Preisen von einer halben Million für die schicke kleine Eigentumswohnung“.

Aus meiner Sicht haben die großen Auswirkungen auf z.B. das lokale Mietniveau und damit Verdrängungseffekte eher die Neubauprojekte auf dem Lueg-Gelände, das „Quartier 100“ an der Wittener Str., etc.. Wie sich der Neubau durch die „Wohnungsgenossenschaft Krone Bochum“ auf dem Gelände des alten Stadtarchivs auf die Mietstruktur des Stadtteils auswirkt, ist auch noch offen.

Für mich liegen die eigentlichen Probleme vorrangig im fehlenden Bau von Sozialwohnungen und beim zunehmenden Verlust der Mietpreisbindung und nicht in einigen hippen Läden.

Andreas


 

20. Mrz. 2017, 08:57 Uhr

LeserInnenbrief von Pil:

Da fühlt sich die Bourgeoisie mal wieder auf den Schlips getreten, wenn konsterniert wird, dass sie sich anschickt öffentlich inszenierte (Selbstentlastungs)-diskurse zu führen.

Dieser Hang zur Selbstdarstellung – und beweiräucherung ist ja gerade bei staatstragenden Linken aus dem sozialdemokratischen und universitären Milieus stark vertreten.
Und wenn diese eins gelernt haben, dann dass man sich eines Diskurses bemächtigt, wenn es auch nur den Anschein hat das einer entstehen könnte. Denn man will ja an den bestehenden Antagonismen sein Auskommen und seine Reputation finden und nicht dass sich Diskurse entwickeln, die den eigenen bürgerlich-kapitalistischen way of life gefährden.

Und so wird man (der Ort dafür ist gut gewählt) unter sich bleiben und sich mit- und untereinander unterhalten.
Vielleicht lohnt es sich ja statt dessen wieder bei Friedrich Engels “Zur Wohnungsfrage” von 1872 nachzulesen.
Aber es ist ja Wahlkampfzeit, da folgt man lieber dem Twitter-Account anderer karrieregeiler “Linker”.
Und Engels, who the fuck was Engels?


 

21. Mrz. 2017, 14:10 Uhr

LeserInnenbrief von werner müller:

Völlig in Ordnung, die Schwäche der verteilungspolitische Debatte zu beklagen. Nur wo kommt die her? Als abstrakte Forderung ist das ja richtig. Wie kommen wir dahin, daß dies auch die mittelschichtigen Protestierenden als Forderung aufnehmen? In der Realtät fehlen meinem Eindruck nach andererseit hier die öffentlich sichtbaren Widerstände der Marginalisierten. Oder gibt es die doch?

Ob es sinnvoll ist Marginalisierte gegen prekäre Akademiker*innen und Kreative auszuspielen, finde ich ja fragwürdig. Wer davon profitiert und daran Interesse hat, ist ja wohl klar. Spannender sind doch die solidarischen Verbindungen zwischen den beiden Gruppen zu schaffen, die beide von Verdrängungen betroffen sind.

Und die gibt es in Berlin oder Hamburg durchaus. Armin Hentschel ist glaube ich nicht der große Bewegungskenner, sonst würde er nicht komplett die im MietrebellenFilm beschriebenen Proteste, deren Protagonist*innen fast alle von außerhalb der klassischen Mittelschichten herkommen, übergehen.

Seine Kritik an manchen realen AntiGentrifizierungsBewegung hat aber ein interessantes Moment. Gentrifizierungskritik hat die fatale Tendenz nur an den Auswüchsen der völlig vermarkteten Wohnungspolitik anzusetzen statt dieses als grundsätzlich falsche Verteilungspolitik anzugehen. Nur die schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus zu kritisieren, finde ich dann doch etwas viel Einrichten im realen Kapitalismus.

Vor diesem Hintergrund verstehe ich nicht, warum du Norbert einerseits Gentrifizierungskritiker*innen eingeladen sehen willst, andererseits aber deren Kritik verkürzt findest.


 

21. Mrz. 2017, 19:08 Uhr

LeserInnenbrief von Norbert Hermann:

@ Werner Müller:
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Ausser den drei Zeilen Vorbemerkung ist hier kein Wort von mir, insbesondere auch keine Kritik an “gentrifizierungskritiker*innen …. deren Kritik verkürzt …” sei..
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Es ist auch nicht mein Anliegen hier meine Meinung zum Besten zu geben. Vor allem nicht auf akademische Weise.
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Ich könnte aber gerne etwas sagen zu “öffentlich sichtbaren Widerstände der Marginalisierten”. Darüber hat in den 1930er Jahren schon die alte KPD geschrieben, die Untersuchung über Marienthal ist bekannt, ebenso Frances Fox Piven und Richard A. Cloward mit ihrer Studie »Aufstand der Armen«. Ich könnte aber auch etwas sagen zu kaum sichtbaren Widerständen nicht Marginalisierter und auch deren geringe Bereitschaft sich zu organisieren.
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Was ich aber nicht verstehe: Dass Solidarität erst dann interessant ist, wenn wer selbst betroffen zu sein droht. Dass nenne ich nicht Solidarität sondern vielleicht Bündnispolitik – legitim aber schwach. Und neben einer Solidarität mit Marginalisierten hätten politische Menschen auch noch die Möglichkeit strategisch zu denken.
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Nebenbei: inzwischen entstammen etwa 10% der Erwerbslosen in Deutschland dem Kreis der in den letzten zwei Jahre hierher Geflüchteten. Von den übrigen 90% ist ein sehr grosser Teil ehedem geflüchtet oder sonstwie zugewandert. Eher ohne ” öffentlich sichtbaren Widerstand”. Nur mal so angefügt.


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