Sonntag 24.08.14, 20:32 Uhr
Ausstellungseröffnung: Bochum im ersten Weltkrieg

Gefallene Soldaten

Als 1983 eine Handvoll Antimilitaristen die beiden Krieger vom Denkmalsockel im Stadtpark holten bzw. sägten, war es unvorstellbar, dass die auf die Nase “gefallenen” Soldaten 31 Jahre später den Prolog im Stadtarchiv zu einer Ausstellung zum 100. Jahrestag des Beginns des 1. Weltkriegs darstellen könnten. Das was damals kriminalisiert wurde, schmückt heute die Geschichte des offiziellen Bochums. Die Stadtoberen sind stolz auf diese Tat, als hätte sie selbst gesägt. Das war aber nur eine Überraschung bei der heutigen Ausstellungseröffnung. Die größere Überraschung stellte das enttäuschend schwache Referat des Historikers Prof. Gerd Krumeich zum Thema:Der Erste Weltkrieg – vom Mächtekonflikt zum Vernichtungskriegdar. Etliche der mehr als 200 BesucherInnen kannten Veröffentlichungen von ihm, in denen er differenziert zum Thema 1. Weltkrieg geschrieben hat.
Heute stellte er den ersten Weltkrieg weitgehend als Zwangsläufigkeit dar. Das deutsche Militär drängte darauf, den Krieg zu führen, weil er früher oder später kommen musste. Die Verantwortlichen im Kaiserreich hätten sich im Juni/Juli 1914 noch so überlegen gefühlt, dass sie mit einem kurzen Feldzug einen schnellen Sieg erringen könnten. Das Kräfteverhältnis würde sich zukünftig für Deutschland verschlechtern. Ein Vorwand für den Krieg wurde gesucht und gefunden.
Die Opposition zum Krieg wurde in zwei Sätzen erwähnt. August Bebel hätte als einer der wenigen die Millionen Toten des Krieges vorhergesagt und sei verlacht worden. Mehr Opposition tauchte im Vortrag nicht auf. Ausführlich beschrieb Krumeich die rasante Industrialisierung der Waffenproduktion während des Krieges und wie stolz die Männer und Frauen darauf waren, den Nachschub  für die Front zu schaffen. Dass auch im ersten Weltkrieg Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der Rüstungsindustrie tätig waren, war keine Silbe wert. Sehr undifferenziert war auch seine Darstellung, wie die Kriegsschuldzuweisung an Deutschland durch die alliierten Siegermächte für die Bevölkerung nicht akzeptabel und damit wesentliche Ursache für den späteren Erfolg der Nazis gewesen sei.
Erfreulich an seinem Vortrag war, wie er anfangs auf die verharmlosende Sprache im Zusammenhang mit Kriegsgeschehnissen einging. Soldaten werden nicht getötet, sie werden umgebracht, stellte er klar. Ihm unterlief im Vortrag dann allerdings der Lapsus von “gefallenen” Soldaten zu sprechen: die höchste Form der Verharmlosung dafür, wie Menschen mit Absicht umgebracht wurden. Auch Oberbürgermeisterin Scholz leistete es sich, vom “Ausbruch des 1. Weltkrieges” zu sprechen. Dies ist die sprachliche Ablenkung davon, dass Kriege immer von Menschen gemacht werden und nicht wie Naturgewalten ausbrechen. Der Begriff “Ausbruch” suggeriert, dass ein Krieg eigentlich nicht verhindert werden konnte.
Für eine ernsthafte Beurteilung der Ausstellung reichte die Zeit – nach anderthalb Stunden Ausstellungseröffnung – heute nicht. Auf den ersten Blick sind nicht nur die beiden Soldaten am Eingang sehr eindrücklich. Hier ist Beachtliches zusammengetragen worden. Die AusstellungsmacherInnen erwarten offensichtlich BesucherInnen, die sehr viel Zeit mitbringen.

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25. Aug. 2014, 01:17 Uhr

LeserInnenbrief von Jakob Spatz:

Herr Krummeich wird sich wohl darum bemüht haben, den jüngsten Debatten zum Thema 1. Weltkrieg gerecht zu werden. Und in diesen sind, die letzte Ausgabe der Sozialismus hat es noch einmal -leider nicht online- in´s Gespräch gebracht, die innerstaatlichen Prozesse vollständig augeklammert. Im Falle des Dt. Reiches waren das eben die Kriege von 1864, 1866 und 1870, nach welchen es der preußischen, später deutschen Regierung immer wieder gelungen war, innere Konflikte wie den preußischen Verfassungskonflikt in ihrem Sinne zu lösen. Eine Erfahrung, die auch 1914 Krieg als erstrebenswerte Option, als Weg zur Lösung innerer Konflikte erscheinen ließ.
Aber wenn Innenpolitik für irrelevant erklärt wird – warum dann auf die Friedensbewegung des Jahres 1914 eingehen?
Und diese Lesart, Konflikte und Kriegsbereitschaft nicht als innerstaatliche Konflikte um die Verteilung von Macht und Ressourcen zu lesen, sondern als zwischenstaatliche Konflikte – die kommt nicht vom Jahre 1914 und auch nicht von Christopher Clarks Schlafwandler-Buch sondern von der medialen Verarbeitung der Ukraine-Krise: Der Konflikt erscheint in den Medien nicht als einer um die Frage, ob und wenn ja für wen die mit einer EU-Assotiation verbundenen “Reformen” von Vor- oder Nachteil sind, sondern als Postitonierung für oder gegen die Russische Föderation oder die EU.

Wie also soll in einem solchen Klima von der Friedensbewegung des Jahres 1914 gesprochen werden können? Der inkriminierte Vortrag ist also eher Symptom als Problem.

Einer Friedensbewegung bleit die immer, 1864, 1866, 1870… bewährte sehr gute Frage: Warum will “meine” Regierung den Krieg? Und wie kann ich ihr widersprechen?


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