Sonntag 21.04.13, 18:45 Uhr
Für mehr als ein Drittel der BewerberInnen fehlen Lehrstellen

Die normale Ausbildungskatastrophe

ArbeitgeberInnen und Arbeitsagentur lassen sich viel einfallen, damit nicht angemessen über die Weigerung der Unternehmen, genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen, berichtet wird. So gehen sie z. B. einfach recht frühzeitig – also bevor die meisten Ausbildungsverträge unterzeichnet sind – an die Öffentlichkeit und präsentieren die gute Nachricht, dass viele Ausbildungsplätze noch nicht vergeben sind. Das ist zu diesem Zeitpunkt zwar eine Binsenweisheit und keine Nachricht, aber die meisten Medien spielen bei dieser Irreführung mit. Auf einem Pressetermin präsentieren dann IHK und Handwerkskammer zur Abrundung der PR-Aktion noch ein paar Geschichten von Unternehmen, die tatsächlich Auszubildende suchen.  Die WAZ schrieb am 28. 4. 2013 z. B. in ihrem Artikel: “Fast für jeden Bewerber habe man rechnerisch einen angebotenen Ausbildungsplatz” und: “Noch gibt es reichlich unbesetzte Lehrstellen in Bochum”. Die realen Zahlen wurden von den Medien nicht erwähnt. Nach Angaben der Arbeitsagentur werden bisher in Bochum und Herne den 3.250 gemeldeten Lehrstellensuchenden nur 2.077 gemeldete Lehrstellen angeboten.
Offiziell wird also für den Bereich der Bochumer Arbeitsagentur zumindest das Fehlen von 1.173 Ausbildungsplätzen eingeräumt. Das bedeutet: Für mehr als ein Drittel der “Ausbildungsfähigen” existiert also nicht einmal theoretisch eine Stelle. Wenn der von der Arbeitsagentur gewählte Begriff “Ausbildungsplatzsuchende” ernst genommen würde, wäre die Differenz noch erheblich größer. Die Agentur siebt für die Statistik BewerberInnen aus, die sie nicht als ausbildungsfähig einstuft.
Das Fazit aller Zahlen ist eindeutig: Es gibt objektiv nach wie vor eine Ausbildungskatastrophe.  IHK, Handwerkskammer und Arbeitsagentur haben es allerdings geschafft, der Öffentlichkeit diesen gesellschaftlichen Skandal als Normalität und das völlig unzureichende Ausbildungsangebot als Erfolg zu verkaufen. Alle Beteiligten wissen, dass sie schon mittelfristig gegen ihre eigenen Interessen handeln. Ein schönes Beispiel also, um das Funktionieren von Wirtschaft, Medien und Politik in unserer Gesellschaft zu veranschaulichen.

3 LeserInnenbriefe zu "Die normale Ausbildungskatastrophe" vorhanden:

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21. Apr. 2013, 23:43 Uhr

LeserInnenbrief von Ben:

Die Angaben der WAZ erklären sich übrigens mit Blick auf die Zahlen der Arbeitsagentur: Die WAZ bezieht sich auf die Stadt Bochum. Hier kommen auf 1.732 offene Stellen insgesamt 1.973 Bewerber. Bei einem solchen Verhältnis ist es durchaus legitim davon zu sprechen, dass für fast jeden Bewerber eine Stelle gefunden werden kann. Im Pressegespräch der IHK – bei dem ich anwesend war – wurde aber auch auf die katastrophale Lage in Herne hingewiesen. Diese ist jedoch nicht Teil des Regionalteils Bochum – egal welchen Mediums – sondern muss entweder im Lokalteil Herne oder im überregionalen Teil behandelt werden. Die Zahl der Ausbildungsunfähigen beläuft sich im Übrigen auf 40-50 Personen und ist seit Jahren konstant niedrig.


 

22. Apr. 2013, 09:47 Uhr

LeserInnenbrief von Martin Budich:

@Ben
1. Den WAZ-LeserInnen in Bochum zu erzählen, dass „für fast jeden Bewerber eine Stelle gefunden werden kann“ ist eine grobe Täuschung. Die Arbeitsagentur Bochum-Herne bietet selbstverständlich allen BewerberInnen aus Herne alle Bochumer Stellen an. Ein seriös geschriebener Artikel muss im Lokalteil Bochum darauf hinweisen, dass sich bei der zuständigen Arbeitsagentur 3.250 “ausbildungsfähige” SchulabgängerInnen um 2.077 Stellen bewerben.
Wenn sich JournalistInnen die Mühe machen und bei den Bochumer Hauptschulen anrufen, dann werden sie erfahren, dass in den meisten Abgangsklassen nicht einmal 10 Prozent der SchülerInnen eine Aussicht auf eine Lehrstelle haben.
2. Die Arbeitsagentur siebt etliche hundert BewerberInnen als ausbildungsunfähig aus. Die meisten geben auf und akzeptieren, dass sie sich in eine Warteschleife begeben und weiter zur Schule gehen müssen. Sie werden dann statistisch als Ausbildungsplatzsuchende bereinigt. Nur ein paar Dutzend werden dann von der Arbeitsagentur „zwangsweise“ als ausbildungsunfähig eingestuft.


 

22. Apr. 2013, 19:18 Uhr

LeserInnenbrief von "Falk Moldenhauer:

“DER BAUSTOFF FÜR UNSERE ARBEIT IST
DIE JUGEND.” (CHE GUEVARA)

Ich glaube schon seit langer Zeit dieser pseudo-demokratischen Presse nichts mehr.

Was sie liefert sind “Brot und Spiele”, wobei die Spiele sehr bunt sein müssen bei dem trockenen Brot.


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