Donnerstag 19.04.12, 13:47 Uhr

Made in Common?!

Das diesjährige Motto des Euromayday Ruhr am 30 April in Bochum lautet: »Made in Common«. Dass die Euromayday-AktivistInnen damit nicht nur dem Slogan »Made in Germany« der kommerziellen Tanzveranstaltung »Mayday« in der Dortmunder Westfalenhalle widersprechen, liegt auf der Hand. Was sie damit nun genau meinen, erklären sie im folgenden Gespräch.
Das Motto »Made in Common« könnte man frei übersetzten mit: »Hergestellt im Gemeinsamen«. Das klingt auf poetische Weise sympathisch bleibt aber etwas abstrakt. Was meint ihr damit genau?
Das was wir unter dem »Gemeinsamen« verstehen, hat für uns ganz unterschiedliche Bedeutungen, die jedoch alle miteinander im Zusammenhang stehen. Zunächst bezieht sich das Motto »Hergestellt im Gemeinsamen« tatsächlich ganz unmittelbar auf die Produktion von Dingen, von Waren, Dienstleistungen und Informationen. Im Kapitalismus von heute werden Wissen und Kommunikation zu den wichtigsten Produktivkräften, und diese entstehen nicht in der Fabrik oder in der Forschungsabteilung eines Konzerns sondern in der gesamten Gesellschaft, im menschlichen Leben als solchen. Die Unternehmen nutzen dieses Wissen und die damit verknüpften Fähigkeiten als Ressource und beuten sie aus. Das funktioniert besonders gut, wenn ein Produkt durch seine immateriellen Eigenschaften seinen eigentlichen Wert erhält.
Könnt ihr das an einem Beispiel einmal erläutern?
Der Computerkonzern Apple verkauft mit dem iPad in erster Linie eine mobile Schnittstelle zum Internet. Ohne das Internet und die von Millionen UserInnen generierten Inhalte darin wäre das iPad bedeutungslos. Innovativ und wertvoll ist die Möglichkeit, vernetzt zu kommunizieren und Wissen zu teilen. Dieses menschliche Handeln macht das Internet zu dem, was es ist und nicht die Hardware. Apples Produkt iPad erhält also erst auf der Basis dieser »Produktion des Gemeinsamen« seinen Wert.
Die Möglichkeiten, die das Internet bietet, wären in diesem Sinne also eine öffentliche Ressource, die ausgebeutet wird?
Ja, die nutzbar gemacht wird für die Entwicklung von Produkten, die dann als Innovation verkauft werden. Oder aber durch Zugangsbeschränkungen und künstliche Verknappungen dieser Ressourcen. Und gleichzeitig werden die KonsumentInnen heute in die Produktion kostenfrei einbezogen, z.B. beim Bestellen im Internet, beim Einstellen von Fotos usw.
Dann könnte man auch sagen, die Automobilkonzerne beuten das öffentliche Straßennetz aus?
Nein, hier geht es zunächst nur um die Frage, wie wird Wissen und Kommunikation hergestellt und in die kapitalistische Wertschöpfung eingespeist. Dazu gehören z.B. auch affektive oder emotionale Fähigkeiten. Am Postschalter steht dir heute nicht mehr der mürrische Beamte gegenüber  sondern die freundliche Servicekraft, die ihr Dienstleistungslächeln lächelt. Aber du hast einen weiteren Aspekt des Gemeinsamen angesprochen – die Gemeingüter, die öffentlichen Einrichtungen und Dienstleistungen, die Schulen und Krankenhäuser. Auch diese tragen zur Produktion des Gemeinsamen bei und stellen eine gesellschaftliche Ressource dar, die verteidigt werden muss. Hier wird Bildung, Mobilität und Vorsorge hergestellt, ohne die eine Gesellschaft und auch die Privatunternehmen nicht existieren könnten. Die bürgerliche Wirtschaftswissenschaft spricht von so genannten »Externalitäten«. Andererseits geraten gerade die Gemeingüter heute unter Druck, weil ihnen das Geld entzogen wird, um die instabile Wirtschaft zu stützen. Man kann hier von einer Enteignung sozialen Eigentums sprechen. Die Gemeingüter werden heute prekär und sind Teil unserer prekären Lebens-, Lern- und Arbeitsverhältnisse.
Was meint ihr, kann eine mögliche Antwort darauf sein?
Wenn wir diejenigen sind, die den gesellschaftlichen Reichtum gemeinsam produzieren, dann sollten wir auch nicht zögern, ihn in sozialen Kämpfen einzufordern. Einerseits schüchtert uns die Verunsicherung unseres Lebens ein. Andererseits steckt in der Produktion des Gemeinsamen ein gewaltiges Potenzial der Befreiung von materieller Not und des Austauschs von Wissen als gesellschaftlichen Reichtum. Das können wir gemeinsam entdecken und auf neue Weise demokratisch nutzen und verteilen. Unsere Lebensverhältnisse, Wünsche und Träume sind sehr unterschiedlich und lassen sich nicht vereinheitlichen. Aber gemeinsam ist uns die Erfahrung der Prekarität. In diesem Sinne versteht sich der Euromayday als Plattform, um »gemeinsam zu werden«, den unterschiedlichen Kämpfen einen gemeinsamen Ausdruck zu geben, sich kennen zu lernen und zusammen zu feiern. Das Motto »Made in Common« soll also auch dieses Potential einer Gegenmacht und neuen Form von Demokratie ausdrücken.

 
 
 
 


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