Sonntag 30.10.11, 13:01 Uhr

Ermutigung in Langendreer

Die gestrige Demonstration in Langendreer war in vielerlei Hinsicht etwas ganz besonderes. Für uns als Redaktion von bo-alternativ.de galt das schon im Vorfeld. Selten zuvor haben wir so plakativ für ein politisches Ereignis geworben. Wir haben das gern gemacht. Denn das Bündnis “Langendreer gegen Nazis” hat uns beeindruckt. Hier haben sich nicht Organisationen zusammengesetzt und überlegt, was gegen die immer bedrohlichere Nazi-Szene in Langendreer unternommen werden kann, sondern bisher politisch nicht organisierte Menschen aus Langendreer haben beschlossen: Uns reicht´s. Wir müssen den Nazis in unserem Stadtteil Einhalt gebieten. Parteien und andere Organisationen in Langendreer hatten versagt und sich zum Teil von den Einflüsterungen des Staatsschutzes der Polizei beeindrucken lassen und das Nazi-Problem verharmlost. Bereits vor der Sommerpause machte deshalb die Initiative mit einem Flugblatt, das an die Haushalte in Langendreer verteilt wurde, auf die unerträglichen Nazi-Übergriffe im Stadtteil aufmerksam. Die LangendreererInnen wussten nun, dass ihre Wahrnehmungen keine zufälligen Eindrücke waren, sondern dass Nazis tatsächlich versuchen, den Stadtteil zu terrorisieren.
Nur die politisch Verantwortlichen und die Polizei blieben unbeeindruckt. Sie verharmlosten die Naziübergriffe weiter als Erscheinung von Jugendrangeleien. Im traditionell organisierten Spektrum von Langendreer nahm nur die Dorfpostille die Nazi-Bedrohung ernst und berichtete darüber.
Nach dem Nazi-Überfall auf drei Menschen am S-Bahnhof Langendreer sah sich die Initiative gezwungen, auf die Straße zu gehen und die gestrige Demonstration zu organisieren. Ziel war es, ein Zeichen zu setzen und deutlich zu machen, dass Betroffene des Nazi-Terrors nicht allein sind, wenn sie dem ein Ende setzen wollen. Es war der Versuch, antifaschistische Solidarität und Widerstand im Stadtteil zu mobilisieren. Die Hoffnung war, ein Zeichen der Ermutigung zu setzen. Niemand in der Initiative hatte die Vision, dass mehr als 1.000 Menschen mitmachen und gegen die Nazis Farbe bekennen. Die Aktiven der Initiative waren gestern schlicht und einfach überwältigt von dem Zuspruch, den sie erfahren haben. Und sie haben es verdient.
Erfreulich war am Ende aber auch das Verhalten der etablierten Politik. Die SPD schaffte es am Anfang der Woche, sich vom Staatsschutz der Polizei zu emanzipieren und das Nazi-Problem ernst zu nehmen. Bezirksbürgermeister Busche, von dem bis dahin nur dümmliche Aussagen in der Presse wahrzunehmen waren, bezog eindeutig Stellung. Die SPD insgesamt gab als klare neue Orientierung aus: Wir sind Teil der Bewegung gegen die Nazi-Umtriebe. Als die Initiative deutlich machte, dass sie nicht von der SPD vereinnahmt werden möchte, hat die SPD dies akzeptiert und sich klug zurückgehalten.
Letztendlich war auch der Ablauf der Demonstration nicht nur wegen der hohen TeilnehmerInnenzahl etwas besonderes. Die Polizei verlangte z. B. erstmals, dass die OrdnerInnen der Demonstration vorher überprüft werden. Die Initiative reagierte daraufhin damit, dass sie prominente BürgerInnen des Stadtteils wie den DGB-Regionsvorsitzenden Michael Hermund, den ehemaligen WDR-Studio-Leiter Erdmann Linde, Rechtsanwalt Erich Eisel oder die Trägerin der Ehrenplakette der Stadt Bochum Annemarie Grajetzky bat, sich als OrdnerInnen zur Verfügung zu stellen. Die Polizei verzichtete dann auch auf eine Überprüfung der Personalausweise. Schön war schließlich auch, wie prominente TeilnehmerInnen wie die Landtagsvizepräsidenten Carina Gödecke oder der Opel-Betriebsratsvorsitzende Rainer Einenkel sich ganz bescheiden als DemonstrationsteilnehmerInnen einreihten und den Reden lauschten, in denen die Empörung über die Zustände in Langendreer artikuliert wurden.
Ärgerlich war eigentlich nur das Verhalten der Polizei. Ein Polizei-Flyer wurde verteilt, der Angst vor Gewalt im Zusammenhang mit der Demonstration verbreitete. Ein völlig überdimensioniertes Aufgebot an Polizeifahrzeugen kurvte den ganzen Samstagvormittag durch den Stadtteil und signalisierte, dass die Warnung vor Gewalt ernst gemeint war. Krampfhaft suchte die Polizei schließlich einen Nachweis linker Gewaltbereitschaft. DemonstrationsteilnehmerInnen, die äußerlich dem Bild von bösen linken gewaltbereiten Antifas entsprachen, wurden durchsucht. Mit großem Erfolg: Kurz vor Schluss der Demonstration wurde im Rucksack eines Demonstranten ein Taschenmesser entdeckt. Er wurde festgenommen.
Welch beeindruckendes Symbol hätte es sein können, wenn die PolizistInnen bei ihrer Absperrung zur Wohnung des gefährlichsten Nazis in Langendreer dem Demonstrationszug den Rücken gekehrt hätten: Seht her, wir beschützen Euch vor den Nazis und nicht umgekehrt.
Die Bevölkerung in Langendreer hat gestern deutlich gemacht: Der Nazi-Terror darf nicht länger von Politik und Polizei verharmlost werden. Und vor allem: Gestern wurde Mut getankt, den Nazis noch entschlossener entgegen zu treten.

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30. Okt. 2011, 19:27 Uhr

LeserInnenbrief von erich eisel:

Auf den furchtbaren Artikel in der WAZ am Freitag “Konflikt schaukelt sich hoch” hatte ich sofort mit einem Leserbrief reagiert: “In Ihrem Artikel wird völlig zu Unrecht ein düsteres Bild von unserem Stadtteil gezeichnet. Bei positiver Sichtweise kommt man allerdings auf den Gedanken, die 3 Bahnunterführungen an der Ümminger-, Lünsender- und Hauptstraße kunterbunt anzumalen und besser zu beleuchten. Langendreer ist und bleibt fröhlich und bunt – und ich hoffe, die Demonstration am Samstag wird dies auch allen nachdrücklich beweisen können.” – der natürlich am Samstag nicht veröffentlicht wurde.
Die Demonstration war überwältigend – nicht nur wegen der Zahl der TeilnehmerInnen. Es haben sich alle Alters- und Berufsgruppen des Stadtteils beteiligt; dies schafft die Hoffnung, dass wir in Langendreer – anders als in Dortmund – es schaffen, dass die braune Brut sich hier nicht langfristig einnistet.
P.S.: Der äußerst peinliche Auftritt der Polizei ist eigentlich nicht einer Fußnote, sondern eines kräftigen Fußtritts wert!
Fröhliche Grüße aus Bochum-Langendreer von Erich Eisel


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