Sonntag 14.08.11, 12:34 Uhr

Das FrauenGesundheitsZentrum schließt

Der Verein zur Förderung der Frauengesundheit im Ruhrgebiet e.V., der das FrauenGesundheitsZentrum (FGZ) in der Alsenstraße und die ‚Aufsuchende Gesundheitsberatung’ getragen hat, wird seine Arbeit zum 30. September einstellen und sich auflösen. AnwohnerInnen der Alsenstraße und Umgebung werden in den Räumen des FGZ dann ein Stadtteilladen betreiben. In einer Pressemitteilung des FGZ heißt es: »„Dieser Entschluss ist uns nach gut 10 Jahren wirklich schwer gefallen”, so die Vorsitzende des Vereins, Gabriela Schorr. „Ausschlaggebend war schließlich, dass wir trotz zahlreicher Bemühungen nicht genügend Nachwuchs im ehrenamtlichen Bereich gefunden haben.” Die Vorstandsarbeit ist zeitaufwendig und mit hoher Verantwortung verbunden. Außer einer Minijobstelle im Verwaltungsbereich der Aufsuchenden Gesundheitsberatung wurde die ganze Hintergrundarbeit wie Veranstaltungsplanung, Strategiegespräche, Emailbeantwortung etc. ehrenamtlich getragen. Als im letzten Jahr erneut unsicher war, in welcher Höhe die städtische Zuschüsse fließen würden, war die Belastung für die Ehrenamtlichen zu groß geworden. Der Verein stand kurz vor der Insolvenz. Nach und nach reifte der Entschluss, den Verein aufzulösen. Im Frühjahr folgte die Mitfrauenversammlung diesem Vorschlag einstimmig.
Alles vorbei? Gabriela Schorr und die anderen Vereinsfrauen hoffen, dass das nicht der Fall sein wird. „Wir würden uns freuen, wenn das erfolgreiche Projekt der Aufsuchenden Gesundheitsberatung für Frauen in sozialer Benachteiligung unter anderer Trägerschaft erhalten bliebe.” Das Projekt der ‚Aufsuchenden Gesundheitsberatung’ unterstützt insbesondere Frauen, die einen schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem haben und von Gewalt betroffen sind. Dazu gehören als Hauptzielgruppen u.a. Prostituierte, Frauen im Frauenhaus und Migrantinnen. Die Migrantinnen sind mit Abstand die größte Gruppe der beratenen Frauen. Die Beratungen wurden vor allem über Gruppenangebote der IFAK organisiert.
Aus diesem Grund hat der Verein Kontakt zur IFAK aufgenommen, um zu klären, ob das Projekt unter ihrer Trägerschaft fortgeführt werden könnte, mit dem Ergebnis, dass die IFAK gerne bereit ist, das Projekt zu übernehmen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, da das Projekt mit einem sehr schmalen finanziellen Budget ausgestattet ist. „Bei der IFAK wüssten wir das Projekt in guten Händen, zumal die IFAK eine unserer wichtigsten KooperationspartnerInnen war”, so Schorr weiter.
Der Sozialdezernentin und dem Gesundheitsamt wurde der Wunsch, die ‚Aufsuchende Gesundheitsberatung’ zu erhalten, vorgestellt. Dies stieß zwar auf Wohlwollen, gleichzeitig steht die Stadt unter einem enormen Kostendruck. „Doch mit der Einsparung von 21.000 € im Jahr wird unseres Erachtens der Haushalt der Stadt Bochum nicht merklich entlastet”, meint Schorr. „Hingegen würde ein gutes etabliertes Frauenberatungsangebot, das so preiswert und schnell nicht wieder aufzubauen sein wird, sterben. Wir würden uns sehr freuen, wenn die ‚Aufsuchende Gesundheitsberatung’ bei der IFAK ein neues Zuhause finden und die erfolgreiche Arbeit dort fortgesetzt werden könnte.”
Doch bei aller Traurigkeit haben die aktiven Vereinsfrauen bei einer Abschiedsfeier auf eine engagierte, arbeitsintensive und erfolgreiche Arbeit mit Höhen und Tiefen zu Gunsten der Frauengesundheit in Bochum zurückgeschaut. „Wir wollten nicht sang- und klanglos verschwinden, sondern mit unseren KooperationspartnerInnen, unseren UnterstützerInnen, unseren Mitfrauen und ehemaligen Weggefährtinnen einen würdigen Abschluss unserer Arbeit finden. Das ist uns gelungen”, schließt Schorr ab. „Nun werden Kisten gepackt, Regale ausgeräumt und am 30. September die Schlüssel übergeben.” Ein kleiner Trost ist es dabei, dass die von ihnen in Eigenarbeit renovierten Räume voraussichtlich von einer Anwohnerinitiative für Stadtteilaktivitäten übernommen werden.«

3 LeserInnenbriefe zu "Das FrauenGesundheitsZentrum schließt" vorhanden:

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16. Aug. 2011, 12:32 Uhr

LeserInnenbrief von Rosa Rot:

Wieso diese Anbiederung an die IFAK? Die Sozialarbeit der IFAK – zumindest in der Bochumer Hustadt – ist nicht überzeugend. Sie verfolgt eher Klientelpolitik, statt die Aufbrechung der Parallelgesellschaft. Auch der Gender-Aspekt ist bedauernswert: Frauensozialarbeit der IFAK beschränkt sich auf Teetrinken, Rauchen, Essen, Essen und nochmal Essen und Nähmaschinenarbeiten. Auf der Leitungs- bzw. Mitarbeiter/innenebene dagegen gibts ein Kommen und Gehen. Es wird gemunkelt, dass die Filiale schließen wird. Es bleibt zu hoffen, dass bessere Konzepte als die der Segregation mit multikultutellem IFAK-Vorzeichen (ethnisch und geschlechtlich)gelebt werden können.


 

16. Aug. 2011, 15:14 Uhr

LeserInnenbrief von Sebastian Hammer:

Liebe Rosa Rot,

die IFAK e.V. besteht nunmehr seit über 36 Jahren auf dem Feld der Integrationsarbeit. Frühzeitig haben wir, als Migrant_innenselbstorganisation, die Chancen und Potenziale, aber auch Schwierigkeiten erkannt, welche in einem multikulturellen Zusammenleben verborgen liegen.

In der Hustadt gibt es die IFAK mit einer Einrichtung seit circa 22 Jahren. Es stimmt, dass es in den letzen Jahren tatsächlich Mitarbeiter_innenwechsel gab in der Hustadt. Die Leitungskraft, welche Jahrzentelang in der IFAK gute Arbeit geleistet hat, hat sich für einen anderen Träger dort entschieden.
Segregation jedoch ist ein unhaltbarer Vorwurf, welchen mensch hier so nicht stehen lassen kann. Alleine unsere Arbeit, welche wir in allen Feldern der Migrationssozialarbeit und Integrationsarbeit bzw. dem Cultural Mainstreaming leisten zeigt die positive Entwicklung, welche wir zu gestalten versuchen und auch gestalten.
Für uns ist es von großer Bedeutung, dass neben den Werten der Mehrheitsgesellschaft auch eine eigene Identität nicht verloren geht.
Wir selbst leben in multikulturellen, multiethnischen und multikonfessionellen Teams vor, wie wir uns die Gesellschaft vorstellen.
Hier sehen wir eine Brückenfunktion.

Ich zitiere hierzu gern aus unserem Leitbild:

“Leben, Lernen und Arbeiten in Vielfalt

Wir arbeiten in multikulturellen Teams. Dadurch üben und lernen alle täglich von Neuem den konstruktiven Umgang mit kultureller Vielfalt und den Unterschieden.
Unser primäres Ziel ist es, die freie
Persönlichkeitsentfaltung zu fördern, gesellschaftliche Teilhabe insbesondere durch den Erwerb und Ausbau von interkulturellen Kompetenzen zu stärken und die Anforderungen der in hohem Maße vom Multikulturalität geprägten Alltag, Schule, Erziehung und Arbeitswelt
konstruktiv bewältigen zu helfen.
Für uns ist „nicht der Unterschied das Problem, sondern der Umgang damit“. Wir sehen diesen Prozess als den Weg zur gegenseitigen Bereicherung. In der IFAK leben und erproben wir das, was wir gesellschaftlich anstreben.”

Zu interkultureller Kompetenz schreiben und leben wir:

“Der Ansatz unserer Arbeit ist interkulturell. Wir fördern die interkulturelle Kompetenz unter Mitarbeiter_innen und Besucher_innen. Wir:

• nehmen unterschiedliche Lebensformen wahr und
akzeptieren sie,

• fördern kulturelle Vielfalt,

• stärken Mehrsprachigkeit,

• fordern Respekt vor und vermitteln Kenntnisse
über andere Kulturen,

• treten ein für eine ofensive
Auseinandersetzung mit offenen und verdeckten
Formen von Nationalismus, Rassismus und
Diskriminierung,

• stärken die Kommunikation zwischen den
Kulturen auf der Grundlage von Transparenz
und demokratischem Miteinander,

• unterstützen die Kommunikation zwischen den
Religionen auf der Grundlage von Ofenheit,
Transparenz und pluralistischem Miteinander”

Zuletzt möchte ich noch auf den Aspekt der Frauensozialarbeit eingehen. Hier reicht es auch das Leitbild zu zitieren, weil die Vorwürfe jeglicher Grundlage entbehren:

“Gender Mainstreaming

Die Verwirklichung der Chancengleichheit und
Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern nach innen wie nach außen ist durchgängiges Leitprinzip der IFAK.
Zum Umsetzungsprozess gehören für uns sowohl die
Hinterfragung der unterschiedlichen Lebenssituation von Frauen und Männern als auch die Einbeziehung der Konsequenzen solcher Analysen bei allen fachlichen, personellen, organisatorischen und fnanziellen Entscheidungen und Maßnahmen.”

Die Behauptung, die Einrichtung stände vor einer Schließung ist wohl der Versuch eines Strohfeuers und mensch sollte Gerüchte nicht weitertragen, wenn man keine Ahnungvon Hintergründen und dem Wahrheitsgehalt hat.


 

17. Aug. 2011, 14:18 Uhr

LeserInnenbrief von Rosa Rot:

Lieber Sebastian Hammer,
vielen Dank für die umfangreiche Worte. Dennoch haben sie mich nicht überzeugt, weil vollmundigen Worten Taten folgen sollten. Kur: Das, was wohl auf dem Papier stehen mag und leidbildprägend sein soll, zeitigt bzgl. der Frauensozialarbeit IFAK Hustadt nichts Vorweisbares noch sichtbare Erfolge. Essen, Trinken, Essen, Nähen allein ist keine stark machende Frauen- und Mädchenarbeit. Unter dem Aspekt “kultureller Vielfalt” scheint sie diskursiv hier sogar festzementiert – und das schon nahezu über 20 Jahre lang. Als weltzugewandte Frau würde mir solch ein “(Un)Bildungsprogramm” nicht schmecken – das streckenweise eher Verwahr- oder Verwöhncharakter, schwerpunktmäßig für Hausfrauen, hat, als das es fit für ein Leben im urbanen Industriezeitalter macht. Nichts für ungut – wenn sich da zukünftig nichts ändert, werden in weiteren 20 Jahren unter anderen neuen Leidbildlabels die immergleichen Suppenrezepte weiter gerührt. Na dann, afiyet olsun!


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