Montag 13.12.10, 14:58 Uhr
Niveaulimbo bei der 4. Bochumer Integrationskonferenz

Gesun(g/k)ene Leitkultur

Eine Polemik unseres bo-alternativ Autors Ralf-D.

Rassismen am laufenden Band – es wäre zum Totlachen gewesen, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Das Bochumer Integrationsbüro ist bei der Organisation der 4. Bochumer Integrationskonferenz ganz offensichtlich über sich hinaus gewachsen und hat kaum ein interkulturelles Fettnäpfchen ausgelassen. Es war schon erstaunlich, wie gefasst, ja geradezu erstarrt, die 180 TeilnehmerInnen am vergangenen Freitag im Großen Saal des Rathauses die hochoffiziellen Peinlichkeiten über sich ergehen ließen. Aber der Reihe nach: Es begann mit der Begrüßungsrede der Leiterin des Integrationsbüros, die dort bereits die Richtung für die gesamte Konferenz vorgab. Frau Dogrüer-Rütten erklärte kurzerhand die gesamte Integrationsdebatte zu einer top-down Angelegenheit. Wie ernst ihr dies war, zeigte sich immer deutlicher im Verlauf des Tages. Außer in der kurzen workshop-Phase war eine aktive Teilnahme seitens des interessierten Publikums zu keinem Zeitpunkt vorgesehen – außer vielleicht zum Klatschen oder Schunkeln- dazu aber später. Zuerst einmal wurde eine (evangelische) Wattenscheider KiTa als gelungenes Beispiel interkultureller Öffnung abgefeiert: gemeinsames Einüben kindgerechter Rituale in der Adventszeit, Nationen übergreifendes Schmücken des Christbaumes, Finden der vermeintlich gemeinsamen kulturellen Wurzeln im Urvater Abraham. Toll, dass Eltern mit Migrationshintergrund dazu animiert werden konnten, ihr jeweiliges fremde Essen zu KiTa-Festlichkeiten zu kredenzen und mit folkloristischen Weisen und Gebräuchen aus ihrer „Heimat“ jedem event ein multikulturelles i-Tüpfelchen zu verleihen. Da wurde ohne Scheu von einem Kind aus Polen, acht Kindern aus der Türkei, zwei Kindern aus Senegal und zehn Kleinen aus der ehemaligen UDSSR gesprochen. Beim geneigten Publikum stellte sich jedoch die Frage, ob diese Kinder wirklich direkt aus der Türkei in die Wattenscheider Einrichtung gekommen sind oder doch vielleicht schon deren Eltern oder Großeltern oder gar Urgroßeltern. Na, dem ausgezeichneten und geförderten Projekt ist das piepegal. Die anschließenden sechs verschiedenen workshops waren von unterschiedlicher Güte. Aber gut, dass wir beisammen gesessen haben und zum Beispiel zur Kenntnis nehmen durften, dass eine Akademie für Interkultur in Bochum geplant ist – in enger Anbindung an das Schauspielhaus, der Rest ist aber top secret. Oder dass bei der Ausbildung ausländischer (hä???) Jugendlicher deren Eltern dazu erzogen werden müssen, bei ihren Sprösslingen auf Pünktlichkeit zu achten. (Gilt das nicht für alle Eltern von Azubis oder liegt hier ein migrationsspezifisches Problem vor?) Nach einem dünnen Süppchen („Ist auch ohne Schweinefleisch, das dürfen Sie essen“, wurde meiner charmanten Begleiterin, konfessionslose Deutsche übrigens, proaktiv und ungefragt versichert!) steigerte sich die groteske Veranstaltung bis zum karnevalesken Höhepunkt. Endlich trat der angekündigte Chor der Russlanddeutschen auf. Schön und kräftig ihre Stimmen – die Donkosaken wären glatt vor Neid erblasst. Und dann das sorgsam ausgewählte Repertoire: interkonfessionell bis zum Abwinken. „Freuet euch ihr Christen…“ für Evangelen und ein andächtiges „Ave Maria“ für unsere katholischen MitbürgerInnen erfreuten das Ohr und erwärmten das Herz. Und als dann im Duett – cindyundbertgleich – noch Sternstücke des deutschen Schlagers, wie er sicherlich anno 1950 en vogue war, dargeboten wurden, schien das ehrfürchtige Raunen und begeisterte Schunkeln und Mitklatschen des Publikums kein Ende zu nehmen: Das war sie, die gesungene Leitkultur. „Jetzt wissen wir endlich, was Integration bedeutet“, flüsterte mir eine Teilnehmerin vom Bochumer Forum für Antirassismus und Kultur Augen verdrehend ins Ohr. Und dass diese „Deutschen aus Russland”, wie dem Programmheft zu entnehmen war, ja selbst Menschen mit Migrationsgeschichte sind, machte das Ganze noch authentischer. Selbst Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz war derart beeindruckt, dass sie zunächst ihre vorbereitete Rede mit dem missverständlichen Titel „Bochum macht Integrationsfortschritte“ singend vortragen wollte. Sie machte jedoch (fast) nichts falsch, erwähnte kurz ihren Parteigenossen Thilo Sarrazin („Bei uns in Bochum ist das anders als in seinem Buch beschrieben“ – Ende der Analyse) und bediente sich des hegemonialen Nützlichkeitsdiskurses („Wir brauchen Migration und Integration, damit Bochum zukunftsfähig bleibt!“). Der Saal leerte sich zusehends, die meisten RatsvertreterInnen oder Mitglieder des zuständigen Ausschusses für Migration und Integration glänzten eh durch Abwesenheit – schließlich gab es für die Teilnahme an dieser vergnügungssteuerpflichtigen Veranstaltung ja keine Sitzungsgelder. Als anschließend der knuffige Kinderchor der Carl-Arnold-Kortum Schule auftrat, wurde leider mit keiner Silbe erwähnt, dass diese Grundschule, welche in der Tat eine ausgezeichnete integrative Arbeit macht, eine der Schulen in Bochum ist, die demnächst wegen des so genannten demografischen Wandels geschlossen werden soll. Die HipHop-Jungs vom Jugendkulturprojekt X-Vision („Wir sind coole Checker“) regten mich schließlich zum kopfschüttelnden Fazit der 4. Integrationskonferenz in Bochum an: „Wir sind coole CheckerInnen – das Integrationsbüro leider nicht!“

3 LeserInnenbriefe zu "Gesun(g/k)ene Leitkultur" vorhanden:

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13. Dez. 2010, 17:00 Uhr

LeserInnenbrief von antifascist antiracist:

Über diese Provinzialität des “Integrationsbüros” und ihrer dummdeutschen Diskurs-Reproduktion mag man zwar den Kopf schütteln. Wundern tut es mich dennoch nicht. Der Gipfel der Peinlichkeit dieser “Agentur für Völkerverständigung” war schon erreicht, als die Stadtverwaltung ihnen das Büro der Bochumer NPD-Ratsfraktion in die Junggesellenstraße 8 setzte. Das wurde einfach stillschweigend hingenommen. Hätte es sich doch bloß um ein Büro der “Grauen Wölfe” gehandelt, dann wäre man um ein Angebot zur Integration sicher nicht verlegen gewesen: schwarz-rot-geile Winkelemente im Tausch gegen Türkeifähnchen. Aber nein, das politische Mandat des “Integrationsbüros” geht nicht so weit zu kritisieren, dass die ‘Nazis von nebenan’ im Februar 2010 ihre Kampagne zur Wahl des Integrationsausschuss in rassistischer Manier zu torpedieren versuchte (die NPD forderte an dieser Stelle die Ernennung eines “Ausländerrückführungsbeauftragen”).


 

14. Dez. 2010, 18:26 Uhr

LeserInnenbrief von Aziz Sbai:

Da die Aufgabe nicht in unmittelbaren Zusammenhang mit der Ausübung eines Mandates steht, wird man als AMI-Vertreter – ich weiß aus eigener Erfahrung nicht automatisch vom Arbeitgeber freigestellt. Dies wird sicherlich – wenn auch nur zum Teil – die recht schwache Präsenz von AMI-Vertretern erklären.

Inhaltlich ist die Kritik wenig stichhaltig. Über Geschmack kann man sicherlich streiten, aber auch die Russlanddeutschen verkörpern die Vielfalt, um die wir bemüht sind und die wir fördern wollen, auch wenn das nicht unbedingt jeden Geschmack trifft. Meine persönliche Kritik würde sich viel mehr auf die in Teilen etwas nebulösen Ergebnisse der Workshops beziehen; inwiefern die workshops teilnehmerorientiert besetzt wurden, kann ich leider nicht beurteilen, da am Morgen nicht anwesend.

Was mich aber sehr freut, ist, dass die/der Verfasser/in die Integration primär als soziale Frage auffasst und nicht als eine der ethnischen Herkunft. Das ist eine zutiefst sozialdemokratische Auffassung, die leider nicht konsensual ist.


 

15. Dez. 2010, 19:18 Uhr

LeserInnenbrief von Pooya:

diese ganze sache hat doch ehh nix mit integration zu tun. schon da wo sie angefangen haben zu sagen er gibt eine integrationsproblem in deutschland waren ganz andere sachen in planung als integration von immigranten.
man sollte lieber deutsche aufklären die meisten ausländer müssen sich doch zwangsweise mit der deutschen kultur auseinandersetzen. die mono kulturellen deutschen bräuchten aufklärung!

ich sag nur populismus pur


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