Montag 19.07.10, 16:00 Uhr

Die A 40 ist nicht schön zu reden

Wer gestern über die A 40 Auffahrt Bochum-Zentrum an der Herner Straße auf die A 40 ging, musste feststellen, dass es dort kein Kulturhauptstadt-Event gab, sondern dass nur unendlich viele Leute danach suchten. Etwa die Hälfte der Tische waren nicht besetzt. Von Kultur und Kunst war nichts zu sehen.  THW, Kindergärten, Hospize, Wohnungsbaugesellschaften und kuriose Privatfeiern präsentierten sich. Lustig war allein die fahrende Mülltonne des USB. “Achtung auf der A 40 kommt Ihnen eine Mülltonne entgegen.” Wer mit dem Fahrrad versuchte, auf der anderen Spur der A 40 zu fahren, bemerkte bald, dass es hier ein riesiges Forschungsprojekt zum Thema Stau gab. Bei jeder Auffahrt war ein Edeka Verkaufsshop eingerichtet, der die Fahrspur verengte und die RadfahrerInnen zum Halten brachten. Innerhalb kurzer Zeit war damit – wie eigentlich alltäglich der Verkehr auf der A 40 zum Stillstand gebracht worden. Die gestrige Realität auf der A 40 hatte mit dem, was heute in den Medien berichtet wird, nichts zu tun. Die Ästhetisierung der A 40 ist nur medial gelungen. Real war es wie immer nur ein beeindruckendes Massenphänomen auf dem Ruhr-Schleichweg: Bloß schnell weg hier.

10 LeserInnenbriefe zu "Die A 40 ist nicht schön zu reden" vorhanden:

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20. Jul. 2010, 01:53 Uhr

LeserInnenbrief von Nils N.:

Das mit den vielen leeren Tischen ist tatsächlich ein Punkt, der in der Medienberichterstattung völlig verschwiegen wird. Offensichtlich war dieser Teil der Aktion weit weniger erfolgreich als angekündigt. Von einer durchgehenden Tafel konnte jedenfalls nicht im geringsten die Rede sein. Auch der selbstorganisierte Stau durch die Edeka-Wagen wurde treffend beschrieben. Das wirkte wie eine echte Fehlplanung.

Aber was die Kultur angeht: Ist hier mit dem Autor vielleicht ein ziemlich bürgerlicher Kulturbegriff durchgegangen? So nach dem Motto: Kunst ist nur das, was auch im Museum oder Theater seinen Platz hätte? Ich bin weit davon entfernt, die Stilleben-Aktion zu überhöhen – tatsächlich bleibt es peinlich, dass ein paar gelbe Luftballons und eine gesperrte Autobahn die Höhepunkte der Kulturhauptstadt sein sollen. Aber den diversen Kleinkünstlern, Gitarrenspielern, Trommelgruppen, Musikvereinen, Tunnelbemalern und so weiter abzusprechen, dass auch sie Kultur sind, das ist in meinen Augen etwas arrogant.

Die Kulturhauptstadt zu kritisieren ist richtig und wichtig – aber doch bitte zielgenauer auf die Verantwortlichen für die Farce schießen, und nicht auch noch denen den kulturellen Anspruch absprechen, die aus der Not versuchten eine Tugend zu machen und trotzdem mit ihren Trommeln, Gitarren und Kreidemalstiften auf die Autobahn gezogen sind.


 

20. Jul. 2010, 08:43 Uhr

LeserInnenbrief von Martin Budich:

Die Eindrücke des Beitrags beschränken sich auf jeweils einen Kilometer westlich und östlich der Auffahrt “Bochum Zentrum”.
Selbst mit dem denkbar weitreichendsten Kulturbegriff war hier nichts zu entdecken, was darunter zu fassen gewesen wäre.”Kleinkünstler, Gitarrenspieler, Trommelgruppen, Musikvereine oder Tunnelbemaler” waren hier nicht zu finden. Die Realität dort hatte mit der Medienberichterstattung nichts gemeinsam.


 

20. Jul. 2010, 11:52 Uhr

LeserInnenbrief von Uri Bülbül:

Noch am selben Tag habe ich in der Kulturzeitung für freie Kulturarbeit unseres Literaturvereins Schreibhaus e.V. Bochum habe ich mit “Die längste Idiotie der Welt?” getitelt. Und das Fragezeichen war schon ein Kompromiss. Die Erfahrungen, die mein Kollege Jo Ziegler und ich auf der A40 mit dem für die Presse zur Verfügung gestellten Fahrrädern gemacht haben und auch der Ausblick vom Autokran am Pressezentrum bestätigen das Resümee einer inhaltsleeren Massenmobilisierung.

Natürlich sind Klein- oder Straßenkunst auch Kultur. Kultur muss und kann sich manchmal gar nicht in den etablierten, den sogenannten Renommierten Häusern und Räumen abspielen. Aber das größte Straßentheater der Welt, wie Pleitgen großspurig vermeldete, war auf der A40 nicht anzutreffen.

Jo Ziegler und ich zogen mit dem Fahrrad von Essen nach Duisburg und waren fünf Stunden unterwegs und können am Ende sagen, dass der Eindruck vieler leerer Tische, neben kleinen Vereinsevents zu bestätigen ist.

Diejenigen, die sich wirklich für freie Kulturarbeit interessieren -siehe in Bochum z.B. Thealozzi, haben ihre Kulturräume schon zur “kulturhauptstadtfreien Zone” erklärt.

Wer Straßenkultur machen will, braucht bestimmt nicht die Ruhr2010 GmbH, Pleitgen und Scheytt dazu.

Schade nur, dass die Profilierungssucht und Geldgier einiger Künstler und Literaten wie Goosen oder Grönemeyer (der käufliche Barde, der Auftragsliedchen als Hymnen verkauft), den Geschäftsführern Alibikünstler verschafft.

Nicht woanders ist es auch Scheiße. Überall gibt es Scheißkünstler.


 

20. Jul. 2010, 12:44 Uhr

LeserInnenbrief von Andree A.:

Mir ist hier was entgangen. Richtet sich die Kritik jetzt gegen die Medienberichterstattung (Ätschibätsch, der Veranstalter hat doch verloren weil Tische frei waren) oder gegen den langweiligen Bochumer, der nicht in der Lage ist sein Stück A40 mit interessanten Aktionen zu beleben (was übrigens meiner Meinung nach spätestens ab Höhe Langendreer nicht mehr zutraf)?

Und Künstler, die die Veranstaltung als inhaltsleer ablehnen, aber dann doch als mobilisierte Masse daran partizipieren sollten auch nochmals erklären, warum sie das tun.


 

20. Jul. 2010, 17:06 Uhr

LeserInnenbrief von Dill:

Danke Andree,

viel mehr bleibt zu diesen Anti Anti Artikeln nicht zu schreiben. Mir scheint auch immer mehr, dass einige frühe Kritiker sich in ihrer früh festgefahrenen Meinung verbissen haben und diese nun mit mit der Lupe suchenden Problemchen zu rechtfertigen versuchen.

Dabei vergessen viele ihre guten journalistischen Manieren. Eine war da mal die Recherche:

Pleitgen: „Wir haben ihm die Kosten für die Technik erstattet. Ein Honorar gab es nicht. Eine Auftragsarbeit von uns hätte Grönemeyer auch gar nicht angenommen.”


 

20. Jul. 2010, 21:37 Uhr

LeserInnenbrief von Maschinenjunge:

Ich stimme den beiden vorherigen zu.

Weiterhin: In Presse und Newslettern war in den Tagen vor der Veranstaltung häufig genug zu lesen das in Bochum ca 700 Tische frei sind, und das man sich noch spontan melden kann. Es waren auf jeden Fall Regionalteil WAZ, WDR, Newsletter Ruhr.2010 sowie Homepage Ruhr.2010 und Bochum.2010. Verschweigen ?

Auf dem Bochumer Teilstück gab es 5.000 Tische. Abzüglich der oberen 700 sowie der Tische die bewusst als Ruhepunkte frei waren, dürften ca. 4.000 belegt gewesen sein. Mach 80 % Belegung. Ist so eine Auslastung, rein rechnerisch, im Kulturbereich nicht ein Erfolg?

Die Lücken waren in dem Bereich Stahlhausen / Hamme und Werne recht groß, ich vermute das hatte etwas mit der Vergabelogistik zu schaffen. Und ich bin mir sehr sicher, den Logistikern in Vergabe und Aufbau haben sicher ganz andere Probleme als zu schauen das die Tischbelegung gemischt ist. Ich habe am Sonntag ein Teil der Logistik mitbekommen. Denen war der Ablauf scheißegal, die hatten nur eine einzige Sorge: Es darf niemand zu Schaden kommen.

Und ja, es braucht nicht die Kulturhauptstadt und deren Büro für Off- / Klein- oder sonstige Kunst. Ja, die habe ich auch auf der A 40 vermisst. Aber, wo waren die denn? Warum haben sie nicht mal diese Chance genutzt um sich zu präsentieren? Ist es so schwer mal für einen Tag über seinen Schatten zu springen? Vielleicht schon …

Aber in dem Zusammenhang Frank Goosen, der annehmbares Kabarett macht, und der definitiv sehr beliebt ist und in seinem Job erfolgreicht ist, als Scheißkünstler zu bezeichnen, kling, gerade von anderen schreibenden Künstlern, nicht nach Kritik, sondern nach Neid.

Die Hauptaussagen von Herrn Pleitgen zu Still-Leben im Vorfeld waren grob gesagt a) etwas zu machen was keiner für möglich hält oder glaubt das die Leute es annehmen kommen, b) eine Aktion zu machen an der alle teilnehmen können (wenn sie wollen) und c) mit dieser Aktion Bilder zu produzieren die selbst noch in China und Australien in den Tagesthemen laufen. Wir reden von einem Fernsehmenschen, der Fernsehbilder abliefern wollte, und klappern gehört zum Handwerk der Medien und Kultur (wie auch die Kritiker wissen müssten). Bei aller, auch gerechtfertigten, Kritik an Still-Leben, ich kann hier nicht erkennen das dieses Ziele nicht erreicht wurden.

Ich war den ganzen Tag auf der Strecke, freiwillig in der Sicherung arbeiten, und man hat vor Ort sehr viel postive Resonanz (mit-) bekommen. Dem Volk hat es gefallen. Zählt das nicht ? Oder darf das nicht (auch) ein Ziel einer Kulturhauptstadt sein ?


 

21. Jul. 2010, 14:49 Uhr

LeserInnenbrief von w.müller:

ich halte das kulturhauptstadt-jahr für einen großen fake. es findet kaum was statt, was nicht auch sonst schon läuft.

die kohle für das kulturhauptstadtjahr (wohlgemerkt eine demokratisch denkbar unlegitimierte gmbh) in den hype gezogen, die kreativwirtschaft in den pott zu holen, der von vorneherein zum scheitern verurteilt ist.

einiges der kohle für dieses event kommt aus den pleitekommunen im ruhrgebiet. die haben aber immer weniger mittel, ziehen die also woanders ab, was spätestens 2011 krasse kürzung in der freien kulturszene und der infrastrukturen der städte (büchereien, schwimmbäder…) zur folge hat.

für die bewohner/innen, die hier bleiben wollen, geschieht immer weniger. das “mittelmaß als religion” (stefan bei den ruhrbaronen) sorgt sogar noch dafür, dass kleine ansätze wie die freiraum2010-besetzung in essen in den letzten tagen keine unterstützung erhalten und von kulturkonservativen im dgb gar noch mit einer strafanzeige belohnt werden.

und trotzdem: die sperrung der a40 fand ich eine ganz nette idee. im gegensatz zu allen anderen aktionen, die wie die loveparade in einem vergnüg-mich-alkoholismus enden, musste jede/r seinen tisch selber gestalten. da waren viel selbstbezogene tische dabei (warum auch nicht), aber auch viel interessantes. wo trifft mensch sonst männergesangsvereine oder die initiative großer menschen? musikalische darbietung unterschiedlichster art habe ich auch viele gesehen.

das stillleben war im besten sinne eine kombination aus der handelnden kommune, die einen ort öffnet, und der selbstorganisierung der ruhries. sollte das nicht nur ein k2010-hype sein, müssten die städte den leerstand an flächen und gebäuden für soziale, kulturelle und gesellschaftspolitisch interessierte gruppen und vereine öffnen.

ökologisch war es auch spannend: das stillleben sorgte wohl erstmals im ruhrgebiet dafür, dass mehr fahrräder als autos unterwegs waren.


 

21. Jul. 2010, 15:45 Uhr

LeserInnenbrief von Ben:

@Nils N.: Es gab im Stillleben-Special von derwesten einen Artikel über leere Tische. Der ist etwa zeitgleich mit dem Artikel hier online gegangen und wurde über Twitter und Facebook gestreut. “Völlig verschwiegen” ist also nichts weiter als eine Lüge.

@Topic: Sich einen Mikroausschnitt der Aktion anzuschauen und dann auf das gesamte Projekt zu schließen ist ein ziemlicher fail und auch irgendwie alles andere als journalistisch. So waren z.B. zwischen Wattenscheid und Essen die Stände von Edeka so aufgestellt worden, dass sie möglichst wenig Platz wegnahmen und weder die Tischspur, noch die Fahrradspur behinderten (übrigens standen die nicht immer an Ausfahrten, sondern auch manchmal mitten auf der Strecke). Lediglich an der Ausfahr Dückerweg war der Edeka-Stand schlecht gestellt, was aber auch einfach den Platzproblemen geschuldet war. Obige Kommentatoren haben es ja auch schon erwähnt, aber ich für meinen Teil habe z.B. auch afrikanische Trommler, ‘ne Nachwuchsrockband, Heimatvereine, Künstlergruppen und Karnevalisten gesehen. Natürlich kann man gerne den kulturellen Gehalt dieser Gruppen anzweifeln, nur sollte man das nicht auf einer (offenbar ja nur pseudo-) alternativen Seite tun. Im Forum elitärer Snobs ist man da besser aufgehoben!


 

21. Jul. 2010, 17:50 Uhr

LeserInnenbrief von Ralf Lambrecht:

Tja, jenseits des Quantums an Volksauflauf hat sich mir der qualitative Unterschied zwischen dem Still-Leben Ruhrschnellweg A40/B1 und einem verkaufsoffenen Sonntag in der Fußgängerzone Herne oder Bochum leider nicht so ganz erschlossen. 25 % der Involvierten sitzen mit Messer & Gabel bewaffnet vor einem mehr oder weniger opulent gefühlten Teller und konzentrieren sich hingebungsvoll auf ihre Geschmackspapillen, 25 % dösen satt mit befriedigten Geschmackspapillen bei mehr oder weniger angeregter Verdauungstätigkeit vor sich hin, die übrigen 50 % flanieren dumpf vor sich hinrempelnd daran vorbei. Nur, dass der stilgebende Rahmen diesmal nicht von Schaufenstern sondern von Lärmschutzwänden gebildet wird.
Dennoch hat mir die Rezeption dieses Jahrhundert-Events drei wichtige Erkenntnisse gebracht:
1. Der Ruhr.2010 GmbH, die Betonung liegt ganz klar auf mbH, fehlt es an jeglichem Bewusstsein von Savoir vivre jenseits des repräsentativen Sektempfanges am Stehtisch mit Lackdeckchen und Blumenbuquet.
2. Der Ruhr.2010 GmbH und vor allem dem Auswahlgremium der Kulturhauptstadt 2010 Projekte fehlt es an praktischem und kulturdidaktischem Verständnis von Volxkultur und derem echten gesellschaftlichen und künstlerischen Potential.
Kulturhauptstadt 2010 ist leider zu 90 % ein Projekt von Kulturfunktionären, die zum eigenen Renommée und für den eigenen Proporz entweder Kulturprojekte nach Kriterien des Guinnees Buches der Rekorde ohne künstlerische Vision am Reißbrett an den potentiellen Möglichkeiten vorbeiplanen oder hoch dotierte Topacts in´s Ruhrbiet holen, um sie einem Publikum zu präsentieren, das aus anderen Metropolen einfliegt.
3. Still-Leben Ruhrschnellweg A40/B1 ist der lebendige Beweis dafür, dass es dem Ruhrgebiet seit Jahrzehnten an einem gut erschlossenen barrierefreien Radwegenetz fehlt.


 

21. Jul. 2010, 18:01 Uhr

LeserInnenbrief von Ralf Lambrecht:

Also, nichts gegen breite Basiskultur, meinetwegen auch Volxkultur in Form von Straßenfesten oder auf öffentlichen Plätzen, im Gegentum. Warum nicht endlich mal echte Basiskultur in den verwaisten Fußgängerzonen, warum nicht den öffentlichen Raum für eine öffentliches kulturelles Leben entgegen der allgemeinen Kommerzialisierung zurückerobern?
Aber die A-40? Hat mal einer überlegt, was der ganze Spaß an Organisation, Infrastruktur etc. gekostet hat? Und das alles nur für Pleitgens Filmchen? Von dem Geld hätte man in allen Ruhrstädten an mindestens 10 Sonntagen gut organisierte Straßenfeste mit breitem Programm auf die Beine stellen können.
Gleichzeitig muß man sagen, dass die Leute, die aus reinem Massenhype solche Veranstaltungen besuchen, kulturpolitische Abstimmung betreiben. Nicht umsonst denkt Frau Kraft an eine Wiederholung. Das Ganze wird dazu führen, dass sich die Kultur im Ruhrgebiet noch weiter in Massenveranstaltungen für das “gemeine Volk” und special Events in der Jahrhunderthalle für die “kulturelle” Haute Vole aufsplittet. Eine echte “Allgemein-Kultur”, an der alle aktiv partizipieren können und die auch bei geringem Aufwand als bei den Massenveranstaltungen & special Events auch hohes Niveau bringen, verschwinden sang und klanglos in der dazwischen klaffenden Lücke.


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