Mittwoch 14.04.10, 09:00 Uhr
Arbeitsagentur und Arbeitgeber zur Lehrstellensituation:

„Zukunft leicht gemacht”

Gestern haben die Agentur für Arbeit, die Industrie- und Handelskammer zu Bochum und die Handwerkskammern Bochum und Herne auf einer Pressekonferenz eine Zwischenbilanz der Ausbildungsplatzsituation vorgestellt. Die Fakten sind eindeutig: Für 3004 bei der Arbeitsagentur gemeldete und als ausbildungsfähig eingestufte BewerberInnen aus Bochum und Herne gibt es 2058 Ausbildungsplätze. Das steht auch so am Ende einer Pressemitteilung, die den MedienvertreterInnen präsentiert wurde. Für ein Drittel der Lehrstellensuchenden gibt es also kein Angebot, keine Berufsperspektive. Alle HauptschullehrerInnen wissen, dass es in Wirklichkeit noch viel schlimmer aussieht. Niemand in der Runde widerspricht, als der Schreiber dieser Zeilen feststellt, dass in Bochum keine 15 Prozent der HauptschülerInnen einen Ausbildungsvertrag erhalten. Die Pressemitteilung spricht aber nicht von einer Lehrstellenkatastrophe. Sie trägt den Titel: „Zukunft leicht gemacht”.
So rosa-rot beschreiben dann auch der Chef der Agentur Udo Glantschnig und die Arbeitgeberverterter die Lehrstellensituation. Der Vertreter der IHK, Ulrich Ernst, versteigt sich wieder zu der Behauptung, dass alle BewerberInnen, die ausbildungswillig und -fähig sind, eine Lehrstelle erhalten werden. Auf die Frage, wo die 1.000 zusätzlichen Ausbildungsplätze denn herkommen sollen, wirft der IHK-Vertreter ein, dass ja auch nicht alle BewerberInnen ausbildungsfähig seien. Hier widerspricht der Chef der Agentur. Die 3004 BewerberInnen seien ausbildungsfähig. Die Arbeitsagentur habe bereits ca. 1000 SchulabgängerInnen als nicht ausbildungsfähig aussortiert und für Qualifizierungsmaßnahmen vorgeschlagen. Die Zahl von 3004 BewerberInnen ist also bereits geschönt und gibt nicht wieder, wie viele Jugendliche wirklich eine berufliche Ausbildung suchen.
Als Profi in der Runde der Schönredner erweist sich Handwerkskammer-Chef Johann Phillips. Auf jede konkrete Frage kontert er mit einem Beispiel, wo und wie SchulabgängerInnen nach ordentlicher Anstrengung eine Lehrstelle gefunden haben. Seine Botschaft: Wer sich genug bemüht, ist letztendlich erfolgreich. Wahrscheinlich ist das tatsächlich seine Alltagserfahrung. Was er und die übrigen Arbeitgeber völlig ausblenden, ist die Tatsache, dass die beachtlichen Anstrengungen, die Jugendliche bei ihren Bewerbungen unternehmen, nur die Konkurrenz unter den Lehrstellensuchenden verschärfen, aber kaum zusätzliche Stellen schaffen.
Ulrich Ernst von der IHK versucht etwas plump, den gleichen Trick anzuwenden, mit dem er schon bei der letzten Pressekonferenz durch fiel. Auf die Frage nach der Zahl der im vergangenen Jahr abgeschlossenen Ausbildungsverträge nennt er die Gesamtsumme des Kammerbezirks, ohne zu erwähnen, dass auch Witten und Hattingen zur Bochumer IHK gehören.
Dem Chef der Arbeitsagentur merkt man an, dass ihm das eigentliche Ausmaß der Ausbildungskatastrophe bewusst ist. Er muss sich aber um ein gutes Verhältnis zu den Arbeitgebern bemühen, wenn er erfolgreich mehr Lehrstellen gemeldet bekommen will. Auch seine Vorgesetzten in Nürnberg erwarten von ihm schöne Zahlen. Er gibt sich erfolgreich Mühe, die Schönmalerei der Lehrstellensituation zu unterstützen: WAZ und Ruhr Nachrichten berichten heute auch tatsächlich so unkritisch, wie die RedakteurInnen auf der Pressekonferenz gefragt haben.
Beinahe hätte es aber eine Panne gegeben. Der Geschäftsführer der Agentur Thomas Keyen
berichtet, dass es im Mai einen Aktionstag der Agentur geben wird, an dem 200 MitarbeiterInnen in tausend Betriebe aus schwärmen werden, um für zusätzliche Ausbildungsplätze zu werben. Spätestens da hätte es auch bei relativ unkritischen JournalistInnen, die keine Fakten analysieren können, klicken müssen: Offensichtlich gibt es wohl doch ein größeres Problem bei der Versorgung von Jugendlichen mit Ausbildungsplätzen.
Als Glantschnig daraufhin noch mal gefragt wird, wie viele zusätzliche Ausbildungsplätze denn gefunden werden müssten, damit alle BewerberInnen versorgt werden können, weicht er aus und berichtet vom Problem des „Matchings”. Es reiche schließlich nicht aus, Ausbildungsplätze zu finden. Sie müssen auch zu den BewerberInnen passen. Aber dann nennt er doch eine Zahl. Wenn an dem Aktiontag 200 zusätzliche Ausbildungsplätze eingeworben werden könnten, dann wäre das ein großer Erfolg.
Er weiß, dass dann immer noch 800 Plätze fehlen und stellt den Sinn der Pressekonferenz in Frage. Eigentlich sei eine solche Zwischenbilanz ja sehr schwierig, weil sich ja noch viel verändern könne.
Wie lautete doch der Titel für dieses Pressekonferenz: „Zukunft leicht gemacht”. Das gilt evtl. für die Agentur und für die Arbeitgeber. Für viele Ausbildungsplatzsuchende bleibt die Zukunft äußerst düster und schwierig.

 
 
 
 


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