Samstag 27.02.10, 18:00 Uhr

Der Arbeits„floh”markt in Bochum

Ein Kommentar von Norbert Hermann
Eigentlich ist es müßig, immer wieder auf die geschönten Zahlen des Arbeitsmarktreports hinzuweisen. JedeR weiß es, auch die Agentur selbst, und sie ist nicht glücklich darüber. Wird ihr doch dadurch indirekt unterstellt, es gäbe nichts mehr zu tun für sie, und was sie tut tauge nichts. Die Weisung dazu stammt auch nicht ursprünglich aus Nürnberg, sondern noch vom damaligen Arbeitslosigkeitsminister Scholz.
Bundesweit hat die in der Zahl der Unterbeschäftigung versteckte Arbeitslosigkeit in den letzten 12 Monaten um gewaltige 16,5 % zugelegt. Das sind Menschen, die in Maßnahmen stecken, zeitweise arbeitsunfähig erkrankt sind sowie erwerbsfähige Hilfebedürftig nach Vollendung des 58. Lebensjahres.
Als erste fliegen immer die LeiharbeiterInnen auf die Strasse. Sie und der durch Hartz IV explodierte Niedriglohnsektor stellen einen weiteren Teil versteckter Erwerbslosigkeit dar – den Lebensunterhalt einer Familie können sie dadurch nicht erwerben.
Nun greift auch die ARGE Bochum zur schärfsten ihrer Waffen: zur Kooperation mit BILD.de. Stolz auf www.arge-bochum.de präsentiert, sollen dort Woche für Woche „50 offene Stellen eigens für Kundinnen und Kunden der RuhrgebietsARGEn” von Duisburg bis Hamm vorgestellt werden. Immerhin ein Tröpfchen auf den heißen Stein – wenn es denn so wäre. Tatsächlich kommen kaum mehr als 30 Angebote zusammen, ein Drittel davon Teilzeit- oder Aushilfsstellen, vom Rest etliche wohl auch nicht bedarfsdeckend für eine Familie, 2-3 Angebote für akademische Berufe sind auch dabei.
„Schärftste Waffe” wohl deshalb, weil die ARGEn sich selbst nicht über den Weg trauen: hätten sie sich und ihren „Kunden”-bestand ordentlich organisiert, die paar wenigen Stellenangebote wären bei dem Millionenangebot an Arbeitssuchenden in der Region ratz-fatz weg. Dazu braucht es nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebenen (und nicht vorhandenen) „erforderlichen … Dienste und Ein­richtungen”, die die gesetzlich geforderte „Zweckmä­ßigkeit des Verfahrens” gewährleisten sollen. Aber nehmen wir einmal wohlwollend an, die ARGEn meinen diese Aktion selbst nicht so ernst und versuchen so nur, ihr ramponiertes Image aufzupolieren.
Denn tatsächlich ist die Wandlung des Arbeitsmarktes zu einem Flohmarkt nicht ihnen anzulasten. Seit 35 Jahre werden weltweit Arbeit und Produktion rigide neoliberal strukturiert, begleitend kommt es zu einem zunehmenden Reallohnabbau. Das Dumpinglohnland mit dem „D” im Kennzeichen ist dabei Vorreiter: Frankreich hat seit Jahren mit einem Mindestlohn und deutlichen Lohnsteigerungen die Zahl der Erwerbstätigen um ein Dreifaches mehr gesteigert als Deutschland. Arbeit aus Deutschland wird mit Billiglohn zum Exportschlager, die Unternehmensgewinne sind explodiert.
Hier gilt es umzusteuern, die gnädig gewährten Brotkrumen gegen die geraubte Torte zu tauschen. Am 20. März soll es zu einer großen Demonstration in Essen kommen. Weiteres ist nicht ausgeschlossen.

3 LeserInnenbriefe zu "Der Arbeits„floh”markt in Bochum" vorhanden:

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27. Feb. 2010, 20:31 Uhr

LeserInnenbrief von Paul Schneider:

Sehr guter Beitrag,

AL. über 58 Jahre ca. 1,8 Millionen, welche
nicht mehr in geschönter Statistik erscheinen

Also ca. 3,8 Mi. AL. Lt. Statistik
+ ca. 1,9 Mi. AL. über 58 Jahre
+ ca. 0,5 Mi. AL. in div. Massnahmen
+ ca. 0,8 Mi. Krank
# => 7,0 Mi. Arbeitssuchende

Gruß

HPS


 

28. Feb. 2010, 00:52 Uhr

LeserInnenbrief von Norbert Hermann:

DANKE für die Anerkennung. Deine Zahlen werden aber so nicht stimmen, v.a. die Ü 58 weicht stark ab. Hier sind die Zahlen vom August 2009. Die TN-Zahl in Massnahmen usw. ist seit dem stark gestiegen. Hinzuzurechnen wären auch Menschen, die wegen ihrer Arbeitslosigkeit sich flüchten in Kindererziehung oder in die Pflege Pflegebedürftiger und dann auch nicht mehr gezählt werden.

Tatsächliche Arbeitslosigkeit: 4.624.930
Offizielle Arbeitslosigkeit: 3.471.513
Nicht gezählte Arbeitslose: 1.153.417

Älter als 58, beziehen Arbeitslosengeld II circa 350.000
Älter als 58, beziehen Arbeitslosengeld I (§ 428 SGB III) 19.997
(Sonderpublikation der Bundesagentur für Arbeit)

Ein-Euro-Jobs (Arbeitsgelegenheiten) 332.562
Berufliche Weiterbildung 204.336
Eignungsfeststellungs- u. Trainingsmaßnahmen (z.B. Bewerbungstraining) 12.433
Aktivierung und berufliche Eingliederung (z. B. private Arbeitsvermittlung) 158.719
Beschäftigungszuschuss (für schwer vermittelbare Arbeitslose) 36.879
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen 11.318
Kranke Arbeitslose (§126 SGB III) 27.173

Quelle: Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Deutschland. Monatsbericht
August 2009, Seite 67


 

28. Feb. 2010, 21:14 Uhr

LeserInnenbrief von Jutta:

Die infame Bild-Werbung kannte ich noch nicht. Gut geschriebener Kommentar, mit einer Ausnahme: Ich verstehe nicht, worauf sich folgender Satz bezieht:
Dazu braucht es nicht einmal die gesetzlich
vorgeschriebenen (und nicht vorhandenen)
„erforderlichen … Dienste und Ein­richtungen”,
die die gesetzlich geforderte „Zweckmä­ßigkeit
des Verfahrens” gewährleisten sollen.

Wahrscheinlich bin ich nicht Fachmensch genug, um zu kapieren, was mir das sagen will, und was das mit dem Rest zu tun hat.

Herzlich,

Jutta


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