WAZ Bochum, 22.7.04:
Stadt will ältere Joblose nicht zum Umzug zwingen
Langzeit-Arbeitslosen, die ab Januar unter die Regeln von "Hartz IV" fallen, sollen nicht nur Leistungen
gekürzt werden. Vorgesehen sind auch Beratung und Vermittlung. Eine Beschäftigung könnte vielleicht
20 bis 25 % der 22 000 Betroffenen angeboten werden.
Das erklärte gestern Luidger Wolterhoff, Leiter der Arbeits-Agentur, anlässlich der Unterzeichnung eines
Kooperationsvertrages mit der Stadt. Die bisherigen Träger der Arbeitslosenhilfe und der Sozialhilfe werden
in Zukunft in einer "neuen Firma" gemeinsam Langzeitarbeitslose betreuen.
Gerade den jungen Arbeitslosen unter 25 Jahren - davon gibt´s in Bochum etwa 3000 - wolle man vorrangig ein
Angebot machen. Für Ältere soll es ab Januar Chancen zur zeitlich begrenzten Beschäftigung geben.
Allerdings ist offen, mit welchem Geld wo welche Maßnahmen gestartet werden können. Vieles deutet darauf
hin, dass es sich um Grün- oder Altenpflege handeln wird. Und klar ist, dass es keine sozialversicherten Jobs
sein werden - Rückkehr zum Arbeitslosengeld ist ausgeschlossen.
Den bisherigen Resonanzen hat der Agentur-Chef jedoch entnommen, dass vor allem die Sorge um ihre Wohnung "die
entscheidende Frage" vieler Betroffener sei. Hier versuchen Sozialdezernentin Sophie Graebsch-Wagener und
Sozialamtsleiterin Dr. Heide Ott, jeweils den Einzelfall zu sehen.
Wie den bisherigen Sozialhilfe-Empfängern steht Langzeitarbeitslosen ab Januar nur ein Wohnraum von 35 qm,
Paaren 60 qm und einer dreiköpfigen Familie 75 qm zu. Die Kaltmiete darf maximal bei 4,93 Euro liegen. Wer
wesentlich darüber liegt, kann sich eine neue Behausung suchen.
Graebsch-Wagener: "Wir müssen aber überlegen, wo es Sinn macht. Älteren Arbeitslosen, die bald
in Rente gehen und dann nicht mehr unter Hartz IV fallen, wird man wohl nicht zumuten, ihr Wohnumfeld zu verlassen."
Ebenso sei es Unsinn, wegen 20 Euro Mietunterschied einen Umzug zu verlangen, wenn sich die Kosten für Möbelwagen,
Kautionen und doppelte Miete im Umzugszeitraum erst in einigen Jahren amortisieren.
Wie die Polizeigewerkschaft rechnet Woltershoff zum Jahresende mit steigender Agression auf den Fluren der Arbeits-Agentur.
Möglicherweise ein Viertel der Betroffenen wird dann erfahren haben, wegen zu hoher Einkünfte und Ersparnisse
gar keine Leistung zu bekommen. Das Patrouillieren von "Schwarzen Sheriffs" in seiner Behörde lehnt
Woltershoff aber strikt ab. Besonders erfahrene Mitarbeiter sollen stattdessen die Spannung abbauen. Kommentar
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21.07.2004 von Tom Jost