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Konto überzogen?
Von Studiengebühren, Studienkonten und anderem Unfug
Eine Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz hat laut dpa in der Nacht zum
25. Mai 2000 einen so genannten Kompromissvorschlag erarbeitet, der die Aushandlung eines Staatsvertrags zwischen
den Bundesländern ermöglichen soll. Danach hätten die Länder freie Hand in Sachen Langzeit-
und Strafgebühren.
So könnten sie z. B. nach baden - württembergischem Vorbild Studiengebühren bei einer Überschreitung
der Regelstudienzeit um vier Semester erheben, wie es auch in Niedersachsen geplant ist, oder das Studienkontenmodell
des rheinland - pfälzischen Wissenschaftsministers Zöllner (SPD) anwenden, welches sich auch unter ehemaligen
GegnerInnen von Studiengebühren wachsender Beliebtheit erfreut.
Das Zöllner- Modell sieht vor, jedem/ r Studierenden bei der Einschreibung ein gewisses Kontingent an Semesterwochenstunden
auf einem so genannten Studienkonto gutzuschreiben. Wer sein Guthaben verbraucht hat und dennoch weiter studieren
möchte, soll dann von den Ländern zur Kasse gebeten werden. Bei Staatssekretär Wolfgang Lieb klingt
das wie folgt: "Das Zöllner- Modell hält grundsätzlich daran fest, dass Studierende einen Anspruch
auf ein gebührenfreies Erststudium haben. Ob danach eine Gebühr erhoben wird, liegt im Ermessen der Länder.
Es gibt keinen Automatismus." (Kölner Stadtanzeiger vom 25. April 2000).
Die Gebührenfreiheit des Studiums ist kein Gnadenakt, sondern Ausdruck dessen, dass Bildung als öffentliches
Gut und individueller Rechtsanspruch grundsätzlich allen ungeachtet sozialer Herkunft und privater Kaufkraft
zugänglich sein muss. Die Behauptung, dieser Anspruch würde durch das Zöllner- Modell garantiert,
ist gewagt. Studienkonten, deren Überziehung keinerlei Sanktionen mit sich brächten, wären eine
absolut sinnlose Einrichtung. Studienkontenmodelle wie das von Zöllner bedeuten nichts anderes als die Einführung
von Studiengebühren unter einer wohlklingenderen Bezeichnung.
umgefallen?
Auch bei den Grünen stößt das Zöllner- Modell nicht gerade
auf Ablehnung. Die Hamburger Wissenschaftssenatorin Krista Sager und der bildungspolitische Sprecher der grünen
Bundestagsfraktion, Matthias Berninger, haben sich bereits für das Modell ausgesprochen. Der Bundesvorstand
lehnt zwar die Einführung von Studiengebühren weiterhin ab, die Einführung von Studienkonten hingegen
soll "im Hinblick auf die Einwände gegen Studiengebühren [...] intensiv diskutiert werden"
(Beschluss vom 17. April 2000).
Im Rahmen der Bundestagsdebatte über den Entwurf der PDS- Fraktion für ein Gesetz zur Sicherung der Gebührenfreiheit
des Hochschulstudiums am 12. Mai 2000 erklärte Berninger: "In Deutschland soll einheitlich gelten: Jeder
junge Mensch hat für eine gewisse Zeit ein Recht auf Bildung." Somit ist wohl abzusehen, dass die Forderung
nach Gebührenfreiheit des Hochschulstudiums im Zuge der immer offener neoliberalen Ausrichtung der Grünen
wie so vieles andere der sogenannten Regierungsfähigkeit geopfert werden wird.
bildung als ware
Die Einführung von Studiengebühren ist Ausdruck der Auffassung, Bildung
sei kein Rechtsanspruch, sondern eine Ware, für die selbstverständlich bezahlt werden muss. Die Studierenden
werden zu KundInnen degradiert, die bei entsprechender Bezahlung ein entsprechendes Kontingent an Lehrveranstaltungen
konsumieren können. Somit leistet die Einführung von Studiengebühren einen wichtigen Beitrag zur
Umgestaltung der Hochschulen nach dem Vorbild gewerblicher Unternehmen, wie sie auch durch das neue Hochschulgesetz
des Landes NRW vorangetrieben wird. Im Hinblick auf die Markteffizienz erfolgt der Abbau demokratischer Mitbestimmungsmöglichkeiten
zu Gunsten von managementartigen Leitungsstrukturen. Studiengebühren sind als Bestandteil neoliberaler Politik
zu sehen, deren Ziel ist es, gesellschaftliche Aufgaben zu privatisieren und neben Bildung und Ausbildung auch
die Risiken von Beschäftigung, Gesundheit und Altersvorsorge auf die Einzelnen abzuwälzen. In diesen
Zusammenhang sollte auch der Protest gegen Studiengebühren eingeordnet werden. Es handelt sich hier weder
um Lobbyarbeit für Studierende noch um die Vertretung eines herbeihalluzinierten studentischen Allgemeininteresses.
Der Kampf gegen Studiengebühren steht gleichzeitig für vieles andere.
Kerstin Puschke
Für ein gebührenfreies Studium!
Für Chancengleichheit in Bildung, Beruf und Gesellschaft!
Im Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (ABS) haben sich zahlreiche
studentische und nichtstudentische Organisationen und Verbände zusammengeschlossen, um gemeinsam für
den Erhalt der bildungs- und sozialpolitischen Errungenschaft eines gebührenfreien Hochschulstudiums einzutreten.
Für den 7. Juni 2000 ruft das ABS zu einer bundesweiten Demonstration in Berlin, Köln und Stuttgart auf:
Es geht um die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems. Es geht um seine Verteidigung als öffentlichen
Raum. Es geht gegen die Unterordnung von Bildung und Wissen unter eine betriebswirtschaftliche Ideologie.
Wir gehen auf die Straße:
Für eine bundeseinheitliche Studiengebührenfreiheit ohne Wenn und Aber!
Für ein öffentliches, durchlässiges und solidarisches Bildungssystem!
Für einen uneingeschränkten Hochschulzugang!
Für eine Gleichbehandlung berufl icher und akademischer (Aus) Bildung!
Für die grundsätzliche individuelle Kostenfreiheit aller weiterführenden Bildungswege, die dem
Erwerb, dem Erhalt und der Erweiterung einer berufsbefähigenden Qualifikation dienen!
Für die Einbeziehung von zurzeit privat zu finanzierenden Ausbildungswegen in das System dualer Berufsausbildung!
Treffpunkt für die Fahrt zur Demo in Köln ist am 7. Juni 2000 ab
11 Uhr am Bochumer Hauptbahnhof; um 11. 26 Uhr fährt der NRW- Express ab Gleis 3.
Weitere Infos zur Demo und zum ABS unter http:// www. studis. de/ abs.
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