Ruhr Nachrichten - 15. 07. 2001

Die Quadratur des Kreises

Die Versammlung der Ratlosen tagt in der Jahrhunderthalle: Was soll man mit dem Gemäuer nur anfangen? Ein Lehr-Spiel aufführen, wie eine Gruppe ungefragter Außenseiter meint - nun gut, aber kann das dann nicht ein wenig kürzer sein? Die Antwort kommt prompt, und sie ist eher stolze Haltung als demütige Erklärung: "Nein!" Stahlhausen enterprises, die kleine Gruppe im Ring der Ratlosen, ist in der vorerst letzten Spielzeit ihres Jahrhunderthallensommers aufmüpfig geworden. Der eigenen Leistung bewusst, einer ungewissen Zukunft eingedenk, brachten sie am Samstag mit der Premiere des "kaukasischen Kreidekreises" ihre bisher endringlichste Produktion zur Aufführung.

Der vom Autor Bert Brecht geforderte und durch den geschickten Kunstgriff des Bochumer Vorspiels klug eingebaute "Verfremdungs-Effekt" zwischen Theaterbühne und Stuhlreihen ist der zündende Funke dieser Inszenierung. Wie stets, so ist auch diesmal die Halle selbst einer der Hauptakteure, doch noch nie stand sie dabei so im Mittelpunkt. Wehmütig vollzieht man die Bewegungen der Darsteller mit den Augen nach, wie zum Abschied herausgeputzt und nach Leibeskräften winkend kommt einem das alte Gebäude vor, wie eine vertraute Person, der ein letztes Adieu zugerufen wird.

Und in der das Publikum selbst so manche Reise erlebt und mitangetreten hat. Diesmal ist es die Flucht der Magd Grusche, der sich das Industriedenkmal mit all seiner Fläche, seinen Treppen und Leitern, seinen Rohren und Bögen unterordnet. Virtuos und erfahrungssicher hat Regisseur Axel Walter die Spielorte als Blickfänge angeordnet, zugleich opulente Kulisse und neutralen Assoziationsraum dadurch erschaffend. Eine weitere Ebene hat er durch die Erweckung des Chors "eingezogen" - die sensationelle Arbeit der Leiterin Kerstin Gennet schuf aus der Musik Paul Dessaus und Ralf Gotteslebens eine strahlende Klangkuppel unterhalb des Rippengewölbes. Bühnenspiel oder Entwurf der Wirklichkeit - es ist wohl beides, was Regisseur Walter und Dramaturgin Gudrun Gerlach im Blick hatten.

Der "Kreidekreis" begegnet hier dem Publikum als ununterbrochene Fabel, die an jeder ihrer Stationen neue Wendepunkte erreicht. Schicksal und Freiheit des Menschen, zusammengedrängt auf etwas über zwei Stunden, werden mit den Mitteln eines souveränen Ensembles diskutiert und auch nahezu offenbart. Staunend sieht das Publikum immer deutlicher die zagende Frage der Ratlosen beantwortet: Hätten die Jahrhunderthallensommer angesichts ihrer spektakulären Erfolge, dieser Quadratur des Kreises im öffentlichen Kulturbetrieb, nur ein wenig kürzer sein dürfen? Nein.
Peter van Dyk