Vor wem haben Sie Angst, Mr. Bush?"
Erklärung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas und der Revolutionären Regierung Kubas
*
Am 1. Mai stellte US-Außenminister Colin Powell einen neuen Bericht zur Kuba-Politik des Weißen Hauses
vor. Das Datum war wohlbedacht. Am gleichen Tag hielt in Havanna Kubas Staats- und Regierungschef Fidel Castro
vor Hunderttausenden Menschen in Havanna seine traditionelle Ansprache zum 1. Mai. Neben Passagen aus der kämpferischen
Rede fand sich in den internationalen Presseberichten über den Karibikstaat am kommenden Tag daher auch die
erneute Ankündigung aus Washington, Kuba schnellstmöglich "befreien" zu wollen. Deutlich wurde,
daß die amtierende US-Regierung das völkerrechtswidrige Embargo gegen Kuba weiter verschärfen wird.
Der jüngste Bericht der "Kommission zur Unterstützung eines freien Kuba" ist schließlich
nicht die erste entsprechende Initiative Washingtons. Bereits vor zwei Jahren, im Mai 2002, wurde vom Weißen
Haus eine "Arbeitsgruppe für ein Neues Kuba" ins Leben gerufen - die Ziele waren die gleichen wie
in der neuen Initiative.
In der folgenden Erklärung erläutern das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kubas und die Revolutionäre
Regierung Kubas die neuen Maßnahmen der US-Regierung.
Am 6. Mai gab die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika neue Maßnahmen zur Verschärfung ihrer
ohnehin schon aggressiven Kuba-Politik bekannt. Schon vor der öffentlichen Bekanntgabe der Maßnahmen
nahm Präsident Bush dazu am Vormittag des 6. Mai gegenüber der Presse Stellung. Bush bekräftigte
seinen Haß gegenüber unserem Volk, indem er seine altbekannten zynischen Angriffe wiederholte. Diese
verbalen Attacken gipfelten in der Erklärung, daß ein zentrales Ziel der US-Politik gegenüber Kuba
darin bestehe, "schneller den Tag herbeizuführen, an dem Kuba ein freies Land ist".
Nur wenige Stunden später stellte Roger Noriega, Staatssekretär für Angelegenheiten der Westlichen
Hemisphäre, Ko-Autor des antikubanischen Helms-Burton-Gesetzes und Vertreter der terroristischen Mafia von
Miami in der US-Regierung, Einzelheiten eines Berichts vor, der dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von
der sogenannten Kommission zur Unterstützung eines freien Kubas am 1. Mai 2004 übergeben worden war.
Eine wichtige Rolle spielten dabei die neuen wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen, mit der Washington
gegen Kuba vorgehen will.
Zum Sturz der kubanischen Regierung werden in dem Dokument die folgenden strategischen Aufgaben genannt: Verstärkung
der Unterstützung für die innere Konterrevolution, Intensivierung der internationalen Kampagnen gegen
Kuba, Ausbau von Maßnahmen gegen unser Land, die auf Subversion und Desinformation abzielen, neue Maßnahmen
zur Schädigung der kubanischen Ökonomie sowie das, was sie "Untergrabung der Pläne zur Fortsetzung
des Regimes" nennen.
Dem ersten Kapitel, das den neuen Maßnahmen zur Zerschlagung der Revolution gewidmet ist, ist folgendes zu
entnehmen:
1. Es werden 59 Millionen Dollar in den kommenden zwei Jahren zur Verfügung gestellt, um Aktivitäten
zur Zerschlagung der Revolution zu finanzieren. Dieses Geld soll unter anderem genutzt werden für:
a) die Schaffung eines internationalen Fonds für die Entwicklung der "Zivilgesellschaft" in Kuba.
Mit diesem Fonds soll "freiwilliges" Personal aus Drittländern gewonnen werden, das in unser Land
reist, um den Söldnern in Kuba Hilfe zu leisten. In der Praxis handelt es sich um die Organisation eines Korps
von Kurieren, die der Konterrevolution die finanzielle und logistische Hilfe überbringen sollen.
b) Gemeinsam mit der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) soll ein "Stipendienprogramm" geschaffen
werden, damit ausgewählte konterrevolutionäre Elemente an Universitäten in den USA und in Lateinamerika
studieren können. Es handelt sich dabei im wesentlichen um einen Plan zur Ausbildung von Kadern der Konterrevolution
in Kuba.
c) die Finanzierung von Programmen, die sie "Pro Demokratie für Jugendliche, Frauen und Kubaner afrikanischen
Ursprungs" nennen - ein ungewöhnliches Ziel, das von einem Land formuliert wird, in dem es viele Arten
von Diskriminierungen und den Ku Klux Klan gibt.
d) 18 Millionen Dollar sollen für Übertragungen von Fernseh- und Radiosendern genutzt werden, die ungerechtfertigterweise
den Namen José Martís tragen. Ausschließlich zum Zweck dieser Übertragungen soll ein Flugzeug
vom Typ C-130 eingesetzt werden.
e) Aufrechterhaltung und Intensivierung öffentlicher antikubanischer Kampagnen im Ausland, in denen angebliche
Verletzungen der Menschenrechte in Kuba, "Spionage gegen andere Länder", "subversive Handlungen
gegen demokratisch gewählte lateinamerikanische Regierungen" und andere Aktivitäten angeprangert
werden sollen, die eine Bedrohung für die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika darstellen. Des weiteren
soll die Durchführung von internationalen Konferenzen oder nationalen Konferenzen in Drittländen unterstützt
werden, deren Aufgabe in der "Verbreitung von Informationen" über die Politik der USA sowie in der
Förderung des "Übergangs" in Kuba besteht. Für diese internationalen Kampagnen zur Diffamierung
Kubas werden weitere fünf Millionen Dollar zur Verfügung gestellt.
2. Einschränkungen von Geldüberweisungen und Paketsendungen von in den USA lebenden Kubanern an ihre
Familienangehörigen in Kuba, wenn es sich nicht um Großeltern, Enkel, Eltern, Geschwister, Eheleute
oder Kinder handelt. Das heißt, daß seit Anfang des Monats ein Kubaner mit Wohnsitz in den USA der
einzigen Gruppe lateinamerikanischer und karibischer Emigranten angehört, deren Mitgliedern es fortan verboten
ist, einer alten Tante oder einem anderen nahen Familienangehörigen ökonomische Hilfe zukommen zu lassen.
3. Verbot für Kubaner mit Wohnsitz in den USA, Geldüberweisungen oder Pakete an ihre Familienangehörigen
nach Kuba zu schicken, wenn diese "Funktionäre der Regierung oder Mitglieder der Kommunistischen Partei"
sind. So müßte etwa eine 70jährige Mutter auf ihre politischen Rechte verzichten, damit sie eine
Geldüberweisung erhält.
4. Kubaner mit Wohnsitz in den USA dürfen künftig nur noch alle drei Jahre statt wie bisher einmal im
Jahr nach Kuba reisen. Zusätzlich muß entgegen der bis dato geltenden generellen Genehmigung ab sofort
für jede Reise eine gesonderte Erlaubnis eingeholt werden; direkte Familienangehörige sind dabei ausgenommen.
Dazu legt die Regierung der Vereinigten Staaten fest, wer ab jetzt zur Familie gehört, nämlich "Großeltern,
Enkel, Eltern, Geschwister, Eheleute und Kinder". Das heißt von nun an zählen gemäß
Präsident Bush Cousins, Tanten oder andere nahestehende Angehörige nicht mehr als Familienmitglieder.
Außerdem wird festgelegt, daß Kubaner, die seit kurzem in den USA leben, erst drei Jahre nach dem Zeitpunkt
ihrer Emigration nach Kuba reisen dürfen. Während die kubanische Regierung die Besuchsgenehmigungen für
Kuba immer flexibler gestaltet, vervielfachen die Vereinigten Staaten die Hindernisse. Vor wem haben sie Angst?
5. Der Geldbetrag, den Kubaner mit Wohnsitz in den USA bei Besuchen in Kuba ausgegeben dürfen, wird von derzeit
164 Dollar auf 50 Dollar pro Tag begrenzt. Das ist eine neue und willkürliche Diskriminierung der in den USA
lebenden Kubaner.
6. Die nordamerikanischen Behörden werden angewiesen, "verdeckte Operationen" gegen jeden durchzuführen,
der für seine Familienangehörigen Geld in unser Land bringt, das von Kubanern mit Wohnsitz in den USA
stammt. Es wird sogar denjenigen Belohnung angeboten, die illegale Geldzuwendungen an Familien in Kuba verraten.
7. Die Restriktionen bei der Vergabe von Genehmigungen für Bildungsreisen und akademischen Austausch an nordamerikanische
Bürger und Institutionen werden durch strengere Bestimmungen weiter verschärft. Wir erinnern daran, daß
die Vergabe von Genehmigungen für den sogenannten "Austausch von Volk zu Volk" von der Bush-Administration
bereits eingestellt worden ist.
8. Anfertigung einer gründlichen Studie über die Anwendung von Teil III des Helms-Burton-Gesetzes. Es
soll eingeschätzt werden, ob sich die darin enthaltenen Bestimmungen gegen die Interessen der Vereinigten
Staaten richten oder ob ihre Anwendung den Sturz der Kubanischen Revolution beschleunigen kann. Der dritte Teil
dieses Gesetzes ermöglicht es nordamerikanischen Gerichten faktisch, gegen Unternehmer aus Drittländern,
die mit Kuba Geschäftskontakte unterhalten, juristisch vorzugehen; diese Bestimmung wurde bislang nicht angewendet.
9. Konsequente Anwendung der in Teil IV des Helms-Burton-Gesetzes festgelegten Sanktionen, die das Verbot zur Ausstellung
von Einreisevisa in die USA für diejenigen beinhalten, die in Kuba investieren. Zusätzlich sollen für
die Anwendung der Bestimmungen des Helms-Burton-Gesetzes mehr Personal und Ressourcen eingesetzt werden.
10. "Neutralisierung" der kubanischen Unternehmen, die in Zusammenarbeit mit ausländischen Geschäftspartnern
Produkte vertreiben. Zu diesem Zweck wird eigens eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die kubanische und ausländische
Unternehmen sowie deren Geschäftsverbindungen bewerten soll.
11. Verstärkung der Anstrengungen zur Einbeziehung von Regierungen dritter Länder in die Kampagnen gegen
die kubanische Revolution.
12. Unterstützung von Aktionen in dritten Ländern, um demotivierend gegen Touristenreisen nach Kuba zu
wirken.
13. Beibehaltung der Praxis der Visaverweigerung für kubanische Funktionäre, die in die USA reisen müssen.
14. Im State Department wird eine Koordinierungsstelle für den politischen Übergang in Kuba geschaffen,
die die Durchführung aller festgelegten Maßnahmen kontrollieren soll.
Die weiteren fünf Kapitel erörtern mit Dreistigkeit die Maßnahmen, die durch die Regierung der
Vereinigten Staaten in unserem Land in Kraft gesetzt werden könnten, nachdem ihr Traum von der Vernichtung
der kubanischen Revolution in Erfüllung gegangen ist. Wir wollen uns an dieser Stelle nicht mit der Analyse
dieser Maßnahmen aufhalten. Es sei nur ein Beispiel genannt: Eine der vorgeschlagenen Maßnahmen ist
die "sofortige Impfung aller minderjährigen Kinder bis zum fünften Lebensjahr, die noch gegen die
wichtigsten Kinderkrankheiten geimpft werden müssen". Unsere Bevölkerung kann daraus ihre eigenen
Schlußfolgerungen ziehen.
Der jüngste Bericht kommt einem Plan für die Annexion Kubas und der Rückkehr zu jener Republik gleich,
die vor der "Enmienda Platt" (im Jahr 1901 aufgenommener Zusatz zur ersten kubanischen Verfassung, der
der US-Regierung Interventionsrechte auf kubanischem Territorium zubilligte - d.Red.) buckelte.
Unvorstellbar sind die Härte und der Haß, von denen sich dieser erneute Angriff gegen unser Land leiten
läßt. Es geht darum, mit allen möglichen Mitteln die schwierigen Bedingungen, die uns durch die
kriminelle nordamerikanische Blockade auferlegt sind, weiter zu verschlechtern. Diese Maßnahmen sind eine
flagrante Verletzung der Menschenrechte von elf Millionen Kubanern, die durch Hunger und Krankheiten gezwungen
werden sollen, sich zu ergeben. Und das nur wegen eines einzigen "Deliktes", frei und unabhängig
zu sein und sich nicht dem imperialen Befehl unterordnen zu wollen.
Die am 1. Mai angekündigten Maßnahmen verletzen auch die Rechte der Bürger kubanischer Herkunft
mit Wohnsitz in den USA, die von jetzt ab bei Reisen und der Entsendung ökonomischer Hilfe für ihre Familienangehörigen
in Kuba neuen und drastischen Einschränkungen unterliegen.
Alle diese Maßnahmen, die Politik der Vereinigten Staaten in ihrer Gesamtheit, verleugnen offen die wirklichen
Interessen der nordamerikanischen Bevölkerung, der übergroßen Mehrheit der Kubaner mit Wohnsitz
in den USA, der Mehrheit der Mitglieder des nordamerikanischen Kongresses und von breiten Schichten des Landes,
die sich normale Beziehungen mit Kuba wünschen.
Die Ausgabe von zig Millionen Dollar zur Unterstützung von Söldnern in Kuba, die Verletzung internationaler
Gesetze durch den Einsatz eines Flugzeuges zur Übertragung subversiver Sendungen in Kuba, dazu die skandalöse
und international kritisierte Einrichtung eines entsetzlichen Konzentrationslagers auf widerrechtlich besetztem
Gebiet unseres Landes - das alles sind ungewöhnliche Provokationen gegen die Normen und Prinzipien des Völkerrechts
und müssen in den verschiedenen internationalen Foren diskutiert werden, einschließlich der Menschenrechtskommission
in Genf.
Der zynische und grausame Charakter der gegenwärtigen US-Administration wird klar in der Tatsache ersichtlich,
daß diese Maßnahmen gegen unser Volk zu einem Zeitpunkt festgelegt werden, in dem sich die Weltmarktpreise
für Lebensmittel und deren Transport fast verdoppelt haben, während der Zuckerpreis gerade einmal an
die Produktionskosten herankommt und der für Treibstoff nachhaltig steigt und schon fast die bedrückende
Höhe von 40 Dollar pro Barrel erreicht hat. Zusätzlich wird beabsichtigt, mit größtmöglicher
Kraft dem Tourismus einen Schlag zu versetzen, der gerade im Aufschwung begriffen ist.
Es reizt zum Lachen, wenn man die Versprechen hört, künftig die Kinder in einem Land impfen zu wollen,
in dem die vorbeugende medizinische Betreuung und Impfungen höchstes Weltniveau erreichen. Und das wird ausgerechnet
von einem Land proklamiert, in dem Millionen Männer, Frauen und Kinder keine medizinische Betreuung haben,
in dem mehr Kinder pro tausend Lebendgeburten sterben als in Kuba. Die Tatsache der Existenz des enormen Humankapitals,
das von unserem Volk geschaffen wurde, seine Fähigkeit, Zehntausende Ärzte in die entferntesten Winkel
der Dritten Welt zu entsenden - was die Möglichkeiten aller entwickelten Länder zusammengenommen übersteigt
-, seine Fortschritte in Bildung, Gesundheitswesen und Kultur, die Kuba in diesen Bereichen sehr bald weltweit
an die erste Stelle bringen wird - das alles bringt den Führer der USA um den Verstand. Die feste Unterstützung
für die Revolution, die ihr fast die gesamte Bevölkerung entgegenbringt, macht sie unverwundbar gegenüber
der Ideologie des Herrn Bush. Das Beispiel Kubas soll von der Landkarte verschwinden. Das ist das Ziel des verrückten
Programms für einen Übergang in Kuba, vorgelegt von einem Präsidenten, der durch Wahlfälschung
in sein Amt gelangt ist.
Damit soll alles zerstört werden, was ein heldenhaftes Volk mit großer Hingabe aufgebaut hat. Kuba kann
von der Landkarte ausgelöscht werden. Doch keine Drohung, keine wahnwitzige Idee des Herrn Bush wird es entmutigen
können. Die unmenschlichen und feigen Maßnahmen des Herrn Bush werden ohne Zweifel Opfer von unserem
Volk fordern. Aber sie werden es keine Sekunde lang auf seinem Weg für die Umsetzung menschlicher und sozialer
Ziele aufhalten können, auf dem niemand allein gelassen wird. Kuba wird nie wieder zu den schrecklichen, unbarmherzigen
und unmenschlichen Bedingungen der kolonialen Beherrschung durch die Vereinigten Staaten zurückkehren.
Wie der Oberkommandierende Fidel Castro auf der Kundgebung zum 1. Mai vor Millionen Kubanern sagte, wird sich "dieses
Land ohne Verletzung der Normen, die es immer in seinem Kampf beachtet hat, unter Wahrung der Gesetze verteidigen,
falls nötig auch mit der Waffe, bis zum letzten Blutstropfen".
Havanna, 7. Mai 2004