Rede von Knut Rauchfuss zur Friedensdemonstration in Bochum am 9. Oktober 2001

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Passantinnen und Passanten,

 

nun ist es also doch passiert. Die Luftangriffe auf afghanische Städte haben begonnen.

 

Fast vier Wochen nach den aufwühlenden Bildern aus New York laufen wieder Menschen um ihr Leben - um nicht von Explosionen in Stücke gerissen, verbrannt oder von herabstürzenden Trümmern erschlagen zu werden.

 

Diesmal haben die Opfer einen afghanischen Pass und wir sehen sie nicht mit schreckverzerrten Gesichtern durch die Strassen rennen. Die Bilder, die uns live in unseren Wohnzimmern serviert werden, haben das menschliche Antlitz abgelegt. Die Lichtblitze vor grünem Hintergrund gleichen Bildern von Feuerwerken oder Wetterleuchten. Sie schaffen Anonymität und Distanz. Sie kennen keine Opfer.

 

Denn nur wer die Leichen nicht sieht, - nicht die Verletzten und nicht die Verstümmelten - kann ernsthaft annehmen, dass Raketen, Bomben und Marschflugkörper zwischen Tätern und Unbeteiligten unterscheiden.

Doch nicht erst seit den Bomben auf Bagdad oder Belgrad, wissen wir, dass das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist.

Seit jeher ist der saubere oder der gerechte Krieg die Lüge, mit der die KriegstreiberInnen aller Seiten uns Sand in die Augen zu streuen versuchen.

 

„Die ohne-mich Position geht nicht mehr“ begründet Ralf Fücks in der heutigen taz das Einschwenken der Grünen Partei auf die Illusion vom sauberen Militärschlag.

Wir aber halten unseren einstigen MitstreiterInnen auch heute noch entgegen:

Ohne uns!

Wir machen nicht mit – und schlimmer noch, wir halten dagegen!

Wir werden den Sand, den Ihr in unsere Augen streuen wollt,

in das Getriebe Eurer Kriegsmaschinerie zurückwerfen.

 

Denn, liebe Freundinnen und Freunde, wir lassen uns nicht blenden: nicht durch das Märchen von den chirurgischen Schlägen und nicht durch das Märchen vom Krieg gegen die Täter. Krieg sucht sich seine Opfer selbst. Ob sie in den Trümmern Kabuls oder Kandahars sterben, oder ob sie auf der Flucht über den Kyberpass verhungern oder erfrieren.

 

Aber, liebe Freundinnen und Freunde, Ihr werdet vielleicht auch bemerkt haben, dass ich zu Beginn meiner Rede sehr bewusst gesagt habe:

„Die Luftangriffe auf afghanische Städte haben begonnen.“

Und nicht :

„Der Krieg hat begonnen.“

Denn der Krieg ist bereits älter als die Bomben, die seit gestern in Afghanistan töten.

 

Denn Vorsicht!

Lassen wir uns durch den berechtigten Zorn über diesen Angriff nicht verwirren

und nicht in falsche Allianzen treiben. Der Krieg ist älter als die Bomben auf Kabul.

 

Unser Gedächtnis ist gut genug, um ans an die Verzweifelten zu erinnern, die sich vor vier Wochen aus den brennenden Hochhaustürmen in die Tiefe stürzten. Wir haben noch die Bilder der weinenden Angehörigen vor Augen, die ihre Verwandten Freundinnen und Freunde verloren haben, weil fanatische Ideologen mit ihrem Massaker in New York und Washington ein Exempel statuieren wollten.

Wir haben die Worte Bin Ladens nicht vergessen, der dieses Kriegsverbrechen gestern begrüßt hat und medienwirksam seinen Schwur verbreitete, die USA nicht eher zur Ruhe kommen zu lassen „.... bis in ganz Palästina Mohammeds Lehre regieren wird.“

Und wir erinnern uns auch, dass der Krieg älter ist, als die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon.

 

Wir wissen um die Menschen, die in israelischen Diskotheken oder auf Busbahnhöfen zerfetzt wurden und wir kennen die Bilder erschossener palästinensischer Kinder.

 

Die Bilder der Explosionen in Kabul unterscheiden sich nicht von den todbringenden Blitzen, die vor 10 Jahren Bagdad in Schutt und Asche legten.

 

Seit langem schon versuchen Menschenrechtsorganisationen verzweifelt, das internationale Interesse auf die algerische Tragödie zu lenken

 

Und wir erinnern uns sehr genau, dass fanatisierte jüdische und moslemische  Killer in Israel und in Ägypten jene Präsidenten und Nobelpreisträger erschossen, die bereit waren, Frieden zu schließen.

 

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Passantinnen und Passanten,

 

wenn wir heute hier demonstrieren, dann demonstrieren wir eben nicht für die Taliban, nicht für Osama Bin Laden, nicht für George Bush und auch nicht für Donald Rumsfeld.

Wir demonstrieren gegen Krieg, Hass und Fanatismus ganz gleich, in welchem Gewand er daherkommt.

 

Denn der Krieg ist keine Lösung - nicht nur, weil er ungeeignet ist, diejenigen zur Verantwortung zu ziehen, die das Massaker vom 11. September begangen haben – nein! - Krieg ist niemals ein geeignetes Mittel um Gewalt zu bekämpfen.

 

Krieg schafft nur weitere Opfer. Krieg schafft nur weiteren Hass, Krieg ist Terror und wird weiteren Terror hervorbringen. Krieg schafft neue Täter, neue Sieger und neue Machthaber.

 

Nun, gegen den Krieg zu sein, heißt selbstverständlich nicht, die Hände in den Schoss zu legen und zu warten, bis Krieg, Terror und Unterdrückung von alleine weichen und sich der Frieden als Zustand einstellt. Nein, Frieden ist kein Zustand und Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Frieden ist ein Prozess, der ständig neu erkämpft werden muss.

 

Weil wir den Krieg als Mittel der Politik verachten, stehen wir radikal auf der Seite der Opfer:

-          auf der Seite der Opfer, unabhängig davon, ob diese in den Ruinen von Bagdad oder den Trümmern des World Trade Center begraben liegen;

-          auf der Seite der Opfer, unabhängig davon, ob sie von israelischen Scharfschützen oder palästinensischen Killerkommandos ermordet wurden;

-          auf der Seite der Opfer, unabhängig davon, ob sie mit militärischen oder ökonomischen Mitteln ihrer Freiheit, ihrer Würde oder ihrer Überlebensgrundlagen beraubt werden.

 

Weil wir den Krieg als Mittel der Politik verachten, wenden wir uns radikal gegen den Terror:

-          gegen den Terror, der im Gewand fanatisierter Todespiloten über unschuldige Flugreisende und  Büroangestellte hereinbricht;

-          ebenso wie gegen den Terror der aus Tarnkappenbombern auf Kleinhändler und Marktfrauen in sogenannten "Schurkenstaaten" herabstürzt;

-          und nicht zuletzt gegen den Terror der Ökonomie der täglich Armut, Elend und Tod über weite Teile der Welt ausschüttet.

 

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

 

Wer Frieden schaffen will, muss Feindbilder zerstören:

-          muss gegen das „Feinbild Islam“ einschreiten,

welches einen ganzen Kulturkreis zu KollaborateurInnen religiöser Fanatiker umlügt,

um einen sogenannten zivilisierten Kreuzzug gegen sogenannte unzivilisierte ZivilistInnen führen zu können

-          Wer Frieden schaffen will muss sich einem „Feinbild Israel“ entgegenstellen,

welches das legitime Recht des jüdischen Volkes auf einen Staat in dem es vor Verfolgung und Vernichtung sicher sein kann, als zionistischen Kolonialismus diffamiert.

-          Und wer Frieden schaffen will, muss einem „Feinbild Amerika“ entgegentreten,

das in klammheimlicher oder offener Freude über die zerstörten Türme des World Trade Center,

die ermordeten ZivilistInnen zu Kollateralschäden im Kampf gegen den US-Imperialismus halluziniert.

 

Aber Büroangestellte, Putzkolonnen, Feuerwehrleute, Pförtner und TouristInnen, haben nicht die Bomber auf Bagdad geflogen, vietnamesische Kinder mit Napalm verbrannt oder lateinamerikanische Operettengeneräle in ihren Folterschulen ausgebildet.

 

Jüdische Wartende an Busbahnhöfen tragen nicht die Verantwortung für Massaker in palästinensischen Flüchtlingslagern.

 

Und die Menschen in den Ruinen von Kabul standen nicht Pate für die Attentate von Washington und New York.

 

Wer Frieden wirklich will, muss sich gegen die eigentlichen Täter wenden:

-          muss sie dingfest machen und vor ein internationales Gericht stellen,

-          unabhängig davon, ob die Täter die Namen Bin Laden, Bush, Nixon, Kissinger, Pinochet, Khamenei, Sharon oder Saddam Hussein tragen.

-          Wer Frieden schaffen will, muss den Tätern die Macht zu neuen Taten nehmen,

muss anklagen, beweisen und urteilen,

nach den internationalen Regeln des Menschen- und Völkerrechts.

 

Wer Frieden will, muss dem Hass den Nährboden entziehen:

-          muss soziale Ungleichheit beseitigen,

-          demokratische Bewegungen fördern,

-          und kulturelle Vorherrschaft und Dominanz abbauen

 

Wer Frieden will, muss für Gerechtigkeit einstehen:

-          muss die Arroganz der Mächtigen bekämpfen,

-          die Schwachen stärken

-          und den Unterdrückten im Streit für ihre elementaren Menschenrechte beistehen.

 

Wer Frieden will, muss wieder Visionen bereitstellen,

Visionen von eine besseren Welt:

-          Visionen vom Recht für alle auf Glück und Würde im Diesseits

-          und diejenigen stärken, die nach der Verwirklichung dieser Utopie streben

-          um jenen Ideologien den Boden zu entziehen, die das Glück im Jenseits als Lohn für Selbstmordattentäter bereitstellen

-          und jene in ihre Schranken zu weisen, die den Zugang zu Glück und Würde als käufliches Privileg einer Minderheit einschränken wollen.

 

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

 

In diesem Sinne ist die Forderung nach Frieden für uns unabdingbar verbunden mit der Forderung nach einer gerechten Verteilung der Ressourcen und der menschlichen Würde.

Nur in einer gerechten Welt ist ein dauerhaftes Leben in Sicherheit möglich.

Für diese Welt und gegen eine Welt des Hasses der Unterdrückung und der Gewalt stehen wir ein,

gemeinsam mit unseren arabischen, jüdischen und amerikanischen MitstreiterInnen.

 

Vielen Dank.