„ES LEBE DAS LEBEN...“

Die Freimarks aus Bochum - eine deutsch-jüdische Familie

Briefe 1938-1946

Herausgegeben von Hubert Schneider

Zwischen Oktober 1938 und Oktober 1941 schrieben Karola und Simon Freimark aus Bochum 102 Briefe und Postkarten an ihre Kinder Stefanie und Gerhard, die wenige Tage vor der Pogromnacht zu Verwandten nach Philadelphia (USA) ausreisen konnten. Die Briefe dokumentieren in exemplarischer Weise, wie die nationalsozialistische Segregations- und Verdrängungspolitik vor Ort funktionierte:

-         wie die vormals voll in die Gesellschaft integrierten deutschen Juden zunehmend isoliert wurden und wie sich diese Isolierung in der Praxis auswirkte. Das wird auch dadurch erreicht, dass die Freimarks nicht nur ihr eigenes Schicksal beschreiben, sondern über die Geschicke sehr vieler Bochumer jüdischer Familien berichten;

-         an zahlreichen Punkten wird deutlich, dass dieser Verdrängungsmechanismus nur funktionierte, weil er von der Mehrheitsgesellschaft getragen wurde;

-         wir erfahren viele Details zur Gestaltung des jüdischen Lebens in Bochum, die bisher unkekannt waren (z.B. Schule, Gottesdienst, Umfang der Deportation jüdischer Männer nach dem 9.11.1938, Zwangarbeit der arbeitslosen jüdischen Männer, Errichtung derr „Judenhäuser“ usw.).

Einmaligen Charakter erhält der Nachlass Freimark dadurch, dass über die Vorkriegs- und Kriegsbriefe der Eltern und einzelne Briefe an die Kinder von Freunden, Bekannten und Verwandten hinaus eine zweite Briefserie erhalten ist. Karola und Simon Freimark konnten nicht mehr emigrieren. Sie wurden im Juli 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Nach ihrer Befreiung im Mai 1945 warteten sie in dem Displaeced-Persons-Lager Deggendorf auf die Ausreise in die USA. Der Briefwechsel zwischen Eltern und Kindern wurde von Deggendurf aus sofort wieder aufgenommen. Überliefert sind 40 Briefe der Eltern und 25 Briefe der Kinder.

Diese Briefserie gibt in exemplarischerForm Hinweise darauf,

-         ob und wie es den Überlebenden der Lager gelingt, mit diesen Erfahrungen zu leben. Die Rückkehr nach Bochum ist ausgeschlossen. Man beobachtet und kommentiert zwar die Entwicklung in Deutschland, der Bruch ist aber vollzogen;

-         wie sich das Leben derer gestaltet, die – wie die Kinder – rechtzeitig emigrieren konnten, wie sie damit umgehen, dass es ihnen nicht gelang, die Deportation der Eltern zu verhindern. Auch für die Kinder gibt es keine Rückkehr nach Deutschland mehr.

Für die Bochumer Lokalgeschichte muss der Quellenwert der Freimark-Briefe beim heutigen Stand der Forschung als sehr hoch eingestuft werden. Sie erweitern unseren Kenntnisstand zum jüdischen Leben in Bochum im Detail. Mit ihren Verweisen auf das Verhalten und die Schicksale vieler jüdischer Familien in Bochum ist eine empirisch gestützte Ausdifferenzierung der Verhaltensweisen möglich. Das ist auch interessant für die überregionale Forschung.