Betreff: Radio Bonte Koe versus Bahnhof
Datum: Fri, 31 Aug 2001 22:07:12 +0200
Radio Bonte Koe versus Bahnhof Langendreer
Was sich in dem aktuellen Streit zwischen Bahnhof und Radio Bonte Koe abspielt läßt sich verallgemeinern:
Ende der 70iger, Anfang der 80iger Jahre schaffte es eine radikalere Linke politische Inhalt, Vorstellungen und Projekte in das Bewußtsein der bundesdeutschen Öffentlichkeit zu bringen. Oft über Aktionen außerhalb des Rahmens, der vom Kapitalismus als legal vorgeschrieben ist. Während ein Teil dieser Bewegung auf Grund seiner oppositionellen Einstellung die Repression zu spüren bekam, trat der andere Teil in Verhandlung mit dem Kapitalismus. Sei es, daß sie als Partei „Die Grünen" in die Parlamente wollten, einen Alternativbetrieb aufmachten oder wie einige BochumerInnen ein Soziokulurelles Zentrum aufmachen wollten.
Die Voraussetzung, daß das Bochumer Bahnhofsprojekt in den 80zigern überhaupt seine Bewilligung seitens der Stadt Bochum erhielt, waren die drei besetzten Fabriken 80/81: Hermannshöhe, Unistraße und Bo-Fabrik. Um die starke Besetzerscene zu spalten und einen Teil zu befrieden, stimmte die Stadt dem Bahnhofsprojekt zu. Dem Rest der Bewegung, die ein Zentrum, nicht in der Peripherie und unabhängig vom städtischen Gängelband, forderte, wurde mit Repression begegnet.
Der Bahnhof wandelte sich parallel der Grünen. Zunächst fanden hier Mitglieder oder Ex-Mitglieder der Bewegung ihr Unterkommen und finanzielle Auskunft. Basisengagement schwand zu Gunsten administrativer und struktureller Arbeiten zum Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes. Dieser Erhalt wurde später immer zentraler und die politische Karte der Opposition wurde dann eingesetzt, wenn man gegen Stellenstreichungen seitens der Stadt protestierte. Längst arbeiteten auch schon viele Leute im Bahnhof, die überhaupt keine linke Vita besaßen und die dort ebenso angefangen sind, wie sie es auch bei Opel, Leo Bauer oder sonstwo getan hätten. Einen Bezug zu den Wurzeln und den Bedingungen, die den Arbeitsplatz geschaffen haben, den sie jetzt besetzt halten, und eine sich daraus ergebene Verbindlichkeit zeichnet sich nicht ab. Nunmehr ist es so, daß linkes Engagement als verstaubt, altbacken, uncool und vor allem unrentabel gilt. Und so versuchen schon seit einiger Zeit ein Teil der Bahnhofscrew den „nostalgischen" Polit flügel des eigenen Hauses zu entsorgen.
Nun ist die Situation in Bochum so, daß es für politische
Veranstaltungen und Konzerte nur den Bahnhof gibt. Was zur Konsequenz hat, daß sich die Restlinke, die zu schwach ist sich neue Räume zu nehmen, immer an den Bahnhof wendet. Einen Ort, den die Wenigsten noch unkritisch sehen.
Der größte Teil der Bahnhofsleute scheint ein funktionelles Verhältnis zu den Linken zu besitzen. Diese Linken füllen ihre Versammlungsräume, machen das Programm bunt und verschaffen dem Bahnhof ein Image des „Alternativen Spektrums".
Es scheint, daß, solange die Mehrheit des Bahnhofs keinerlei andere, lukrativere Nutzung der Versammlungsräume in Erwägung zieht oder sich nicht des alternativen Mäntelchens , als Markt- und Identitätsnische, entledigen möchte, könnte es so munter zwischen Bahnhof und Linken weitergehen.
Wäre da nicht das liebe Geld und dieses Etwas, von dem schon die Scherben sangen: „Alles was uns fehlt ist die: Solidarität". Genau diese beiden Eckpunkte sind es, die schon in der Vergangenheit zu Mißstimmigkeiten sorgten. Der Bahnhof war dann zur Vergabe seiner Halle bereit, wenn es ihn nichts kostete, bzw. ihm Geld brachte. D.h. auf eine Disco konnte nach einem von einer linken Gruppe organisierten Konzert nicht verzichtet werden, da dies Einnahmenbußen nach sich gezogen hätte. Das dies generell Zeit- und Spaßfaktor des Konzerts beschnitt war nicht das Problem des Bahnhofs. Bei gut besuchten Konzerten war der Getränkeverkauf ( wohl der lukrativste Posten bei Konzerten und Discos) in Bahnhofshand (Arbeit und Risiko lag bei der linken Gruppe). Versprach das Konzert eine mindere Besucherzahl wurde hiervon einmal abgesehen. Soweit.
Die veranstaltenden linken Gruppen, diverse Grüppchen und „Radio Bonte Koe", zeichnet aus, daß sie ihr Engagement unentgeldlich in diese kulturellen Events stecken. Diese dienen der politischen Organisierung, Informationsvermittlung, dem sozialen Austausch und Spaß unter Gleichgesinnten und schließlich auch Geld einzunehmen, um ihre politische Arbeit ( Antifa, Antira, Kurdistan, Unterstützung marginaler Kultur ( Konzertfinanzierung kleiner unbekannter Bands durch Radio Bonte Koe, zu sozial akzeptablen Eintrittspreisen) etc) zu finanzieren. Von diesen Leuten versucht niemand mit dieser Arbeit seine täglichen Brötchen zu verdienen. Sie arbeiten hart und der Gewinn liegt in der Stärkung antikapitalistischer und antirassistischer Strömung. Dieser kommt „allen" zugute.
Das sich linke Gruppen im Bahnhof als geduldete Gäste vorkommen, die einerseits das Programm erweitern und andererseits auch dessen Einnahmen steigern ist aus dieser Darstellung ersichtlich. Der Bahnhof wird sicherlich die Position der Vergabe von Räumlichkeiten vertreten. Dies aber zu Veranstaltungen, zu denen sie nicht die Arbeit geleistet haben und in Räumlichkeiten, die erst durch die Kämpfe derjenigen erzwungen wurden, in deren „Tradition" sich diese außerbahnhoflichen Gruppen befinden.
Das sich jetzt der Streit an der Genuasolidarität entzündet kommt nicht von ungefähr. Die Art und Weise der Repression und die politische Ausrichtung dieser drei Tage von Genua ist als faschistisch zu bezeichnen. Die mangelnde Kritik seitens der anderen EU-Staaten und das Verlängern dieser Repression durch die EU durch die Einführung neuer Gesetze und Verordnungen gegen linke KritikerInnen zeigt auf, wo es lang geht. Was Rostock für die BRD war, ist Genua für die EU. Das in Anbetracht dieser Tatsache und der Justizfarce, die sich jetzt an den Inhaftierten von Genua abzeichnet, der Widerspruch Geld zur Erhalt des Lebensstandards (Bahnhof) versus Solidarität (das Geld was Radio Bonte Koe für die Gefangenen erwirtschaften will) nun offen ausbricht, ist nicht verwunderlich.
Was wir zu dem jetztigen Streitpunkt denken:
- Wir haben nichts dagegen, wenn die Leute des Bahnhofs ihren Lebensunterhalt durch ihre Arbeit dort verdienen und auf Grund allermöglichen Verpflichtungen auch ein gewisses Preisniveau halten müssen.
- Die Leute vom Bahnhof arbeiten mit Sicherheit hart und gut. Das Kultur- und Kinoprogramm empfinden wir als Bereicherung. Viele nette Leute gibt es dort ebenfalls. Und wir haben einige als großzügige und offenherzige Menschen kennengelernt. (Gruß an die Huusmaster!) - Und dennoch: Wir denken, wenn „Radio Bonte Koe" oder andere Gruppen die Organisation von Konzerten übernehmen, das Bahnhofsprogramm dadurch kulturell bereichern und ihn auch für andere Leute attraktiver machen, ist das der Teil, den die politische Scene dem Bahnhof bietet. In Gegenleistung stellt der Bahnhof seine Räumlichkeiten zu Verfügung und nimmt nicht mehr Geld als gerade benötigt aus den Getränkeeinnahmen. - Niemand kann uns erzählen, daß bei erwarteten 700 Gästen bei Fermin Muguruzak und ungefähren Getränkeeinnahmen von 4000 bis 5000 DM ( natürlich minus Stundenlohn, etc) das Verhältnis zu den zugesagten 500 DM noch stimmt. Weder auf diesem noch auf anderen Konzerten. - Wir schließen uns also der Forderung an, daß der Bahnhof seine Entscheidung noch einmal überdenkt und sich bei dem Getränkeverkauf mit dem „Radio Bonte Koe" einigt.
- Des weiteren, daß der Bahnhof auch in Zukunft von seiner ökonomischen Schiene zu Gunsten einer solidarischen Praxis sich wandelt.
Antifa „die kleinen Strolche"