Frauen für den Frieden in der Evangelischen Kirche von Westfalen/Gruppe Bochum

Friedhof Freigrafendamm, 10. Juli 2004, Besuch ehemaliger Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus Donezk in Bochum

Rede: Annemarie Grajetzky


Liebe Gäste aus Donezk, lieber Herr Oberbürgermeister Stüber,
liebe Vertreter und Vertreterinnen aus Politik und Verwaltung, Freundinnen und Freunde.
Im Namen der Frauen für den Frieden in der Evangelischen Kirche von Westfalen/Gruppe Bochum möchte ich Sie recht herzlich begrüßen bei unserem Gang zu den Gräbern der ehemaligen Kriegsgefangenen und Verschleppten. Kriegsgefangene und Verschleppte, die in Zwangsarbeit in Bochumer Betrieben der Schwerindustrie und in anderen Bochumer Betrieben von 1941 - 1945 umgekommen sind und ermordet wurden.
Diese drei Gräberfelder hier auf dem Friedhof Freigrafendamm sind seit 19 Jahren ein besonderes Anliegen der Frauen für den Frieden. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, besuchen wir sie mit Blumen und gedenken der Toten. Fast 60 Jahre sind die Menschen, die hier begraben sind, Nummern geblieben, wie sie es in den Kriegsbetrieben waren.. Bisher gab es keine Namen hier an den Gräbern.
Ich begrüße unsere Gäste aus Donezk, die ehemaligen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nun mit Namen.
Ich begrüße
Anna Lawrut, Soja Solomkina, Jekaterina Okunewa, Vera Schutowa, Valerian Lopatto, Wasilij Korolev, Grigorij Schamanov und
Wladimir Tschibisow.
Begrüßen möchte ich außerdem Natascha Kaftannikowa, Dolmetscherin und Begleitung und Wladimir Maljutin , Dolmetscher und Begleiter der Gruppe aus Donezk.
Liebe Gäste wir haben mit Erschütterung Ihre Briefe gelesen und Sie so ein wenig kennen gelernt Aus den Briefen von Herrn Schamanov und Herrn Tschibisow erfahren wir die Nummern 2117, 2417, 4950 . Zahlen mit denen die Nazis damals die Menschen nummerierten; damit wurden ihnen ihre Namen gestohlen.
Anna Lawrut sie schreiben: Der Krieg raubte mir die Jugend, die Unbeschwertheit und das persönliche Glück. Wasilij Korolev sie berichten von drei grausamen Erlebnissen in Kamp-Lintfort und im Lager Langendreer, das bombardiert wurde und viele Menschen dort umkamen. Soja Solemkina und Jekaterine Okunewa ,sie lernten sich im Lager Konstantin/ Kosthaus kennen. Als Kinder waren Sie dorthin verschleppt worden und mussten unsägliche Schwerstarbeit leisten. Sie beide wurden Freundinnen und sind es heute noch.
Ihre Briefe haben vieles in Erinnerung gebracht. Wir wollen versuchen diese Erinnerung mit Ihnen zu teilen, indem wir immer wieder diese Gräber hier besuchen.

Vor drei Jahren, am 6. Juni 2001 waren wir mit 15 ehemaligen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen aus Donezk hier an diesen Gräberfeldern;Vera Schutowa und Valerian Lopatto waren mit dabei. Bei dem Besuch der Gräber haben wir Frauen für den Frieden unsere Stimme dafür erhoben,:
- dass hier Namenstafeln aufgestellt werden,
- dass den hier ruhenden Toten ihre Namen zurückgegeben werden und somit ihre menschliche Würde.
An den Oberbürgermeister und den Rat der Stadt richteten wir die dringende Bitte, möglichst schnell Namenstafeln zu erstellen.
Politik und Verwaltung haben sehr schnell die Bitte der Frauen für den Frieden :"man möge an den Gräbern der dort ruhenden Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen Namenstafeln anbringen" aufgenommen. So konnten die damaligen Gäste aus Donezk, während sie noch in Bochum weilten, mitbekommen, dass ihr Wunsch nicht ungehört verhallte, sondern die Stadt sich um ihr Anliegen kümmerte.

Nun sind an den drei Gräberfelder Namensbücher. Den hier ruhenden Toten sind ihre Namen zurückgegeben worden. Es heißt nicht nur : 1700 Kriegsgefangene und Verschleppte liegen hier: sondern jede Frau und jeder Mann ist nun mit ihrem und seinem Namen gewürdigt worden.
Dank an alle, die sich dafür eingesetzt und daran mit gearbeitet haben.

Liebe Gäste, ich danke Ihnen, dass Sie hier nach Bochum gekommen sind, dass Sie mit vielen Bochumer und Bochumerinnen über ihre damaligen Leidenserfahrungen gesprochen haben. Die Spurensuche, der bewusste Rückblick in unsere gemeinsame durchaus schreckliche Vergangenheit sind ein wesentlicher Bestandteil unserer Versöhnungsarbeit.
Ich hoffe und wünsche mir, dass noch viele ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen hier in Bochum unsere Gäste sein können. Denn, wir in Deutschland, wir in Bochum brauchen weiterhin die Erinnerung und ganz besonders die Begegnung mit den noch lebenden Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen.

Und es ist gut, dass die Namen der hier ruhenden Toten nun lesbar und erfahrbar sind.

Ich danke Ihnen, dass Sie hierher gekommen sind.
Diese Blumen in den ukrainischen Farben als Zeichen der Hoffnung für einen würdevollen Umgang miteinander und als Zeichen der Erinnerung - eingepflanzt in unsere Herzen.