Initiative
"Entschädigung
jetzt!"


An die
im Rat der Stadt Bochum
vertretenen Parteien

 Bochum, 28.02. 2001

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 27.Januar 2000 verabschiedeten Ihre Ratsmitglieder die Resolution zur Errichtung eines Fonds für "Humanitäre Hilfen für ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen der Städte Bochum und Wattenscheid". Dieser Schritt, mit dem Sie sich ausdrücklich zur geschichtlichen Verantwortung der Kommune gegenüber den in Bochum eingesetzten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bekannten, wurde von uns sehr begrüßt. Insbesondere die jährliche Einladung der noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter unserer Partnerstadt Donezk erachten wir als Beitrag, die Leiden dieser Menschen und das an Ihnen verübte Unrecht anzuerkennen.

Für die Betreuung zukünftiger Delegationen bieten wir, entsprechend unseren Kräften, Unterstützung an.

Wir müssen jedoch enttäuscht feststellen, daß bei der Umsetzung der Resolution ( außer der Einladung an die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ) eigentlich keine wesentlichen Fortschritte erzielt wurden.

Daß bisher erst 2% der von der IHK Bochum angeschriebenen Firmen der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft beigetreten sind, finden wir blamabel.

Ebenso ist bisher nicht namentlich bekannt, welche Firmen überhaupt beigetreten sind, welche Beiträge gezahlt wurden und welche Firmen ihre Archive zur NS-Zwangsarbeit geöffnet haben.

Wir halten es daher für dringend geboten, daß Sie als Rat jetzt in der Öffentlichkeit deutliche Zeichen setzen. Der Rat der Stadt Bochum soll mit allem Nachdruck die Firmen, die der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft noch nicht beigetreten sind, aufrufen, entsprechend zu handeln.

Wir fordern den Rat ebenfalls auf, über eine "Positiv-Liste" zu diskutieren und dann diese der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Dringend ist außerdem, daß Sie als Ratsparteien prüfen, ob die bisher vorhandenen Kräfte beim Stadtarchiv, die für die Bearbeitung von Anträgen der ehemaligen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen bzw. für die Ausstellung von Plausibilitätsbescheinigungen und damit verbundenen Recherchen verantwortlich sind, ausreichen. Andernfalls müßten weitere Stellen eingerichtet oder städtische Bedienstete aus anderen Ämtern bzw. Honorarkräfte damit beauftragt werden.

Eile ist geboten, denn immerhin soll im August 2001 die (unserer Meinung nach zu kurze) Antragsfrist für ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auslaufen!

Sinnvoll und wünschenswert wäre, daß die bisher in Bochum von verschiedenen Organisa- tionen und Initiativen, Archiven sowie vom Historischen Institut der Ruhr-Universität Bochum geleisteten Vorarbeiten und Recherchen zusammengetragen werden, wie es bereits in anderen Städten geschieht. Es bestünde die Möglichkeit, noch im Jahre 2001 mit der Arbeit an einigen Projekten zu beginnen, wie z.B. eine Ausstellung über das Leben der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter während der Zeit von 1942 - 1945 in Bochum.

Hier bietet es sich an, die weitere Arbeit der oben Genannten im Rahmen regelmäßig stattfindender Arbeitstreffen zu koordinieren und auszuwerten.

Nicht zuletzt ist die Förderung von Projekten an Bochumer Schulen, die sich mit lokaler NS-Geschichte, insbesondere der Thematik der Zwangsarbeit, beschäftigen, ein besonderes Anliegen unserer Initiative. Angesichts der zunehmenden rechtsextremistischen Gewalt halten wir gerade diese Aufgabe für notwendig.

Wir als Initiative, die in dem Jahr ihres Bestehens mit ihrer Tätigkeit dazu beigetragen hat, die Thematik der Zwangsarbeit wieder verstärkt in die Bochumer Öffentlichkeit zu bringen, sind der Ansicht, daß die von uns in diesem Brief angerissenen Forderungen und Probleme dringend im Gespräch behandelt werden müssen. Wir schlagen Ihnen daher einen Gesprächstermin im Zeitraum von 9.März bis 25.März 2001 vor.

Mit freundlichen Grüßen

gez.

Lutz Berger, VVN-BdA Bochum

Ulrich Borchers, Betriebsrat (IGM)

Otto Fleischmann, ÖTV Bochum

Annemarie Grajetzky, Frauen für den Frieden in der EKvW. Gruppe Bochum

Volker Gerwers, Linkes Netzwerk

Waltraud Jachnow, Vorsitzende der Gesellschaft Bochum-Donezk

Dr. phil. Wilfried Korngiebel

Ulrich Kosfeld, Pfarrer em.

Klaus Kunold, Vorsitzender der VVN-BdA Bochum

Doris Lattek, ÖTV Bochum

Karin Schiele, Vorstandsmitglied der GEW Bochum

Dr. Hubert Schneider, "Erinnern für die Zukunft"

Gernot Schubert, Unabhängiges Radio Bochum

Susanne Slobodzian, Gegen Vergessen - Für Demokratie e. V.

Tilo Sommer, GEW Bochum

Reinhard Wegener, Soziokulturelles Zentrum Bahnhof Langendreer/ Politik