Mein Leben mit Lara Croft

Alles aus dem Weg räumen, was Ärger macht: Das ist ein Playstation-Traum. Oder?

Ich bin kein toughes Weibsbild. Weder die Version mit Betty Page-Frisur und Leopardenmuster-Jeans-Leder-Outfit, noch das burschikose Muskelpaket. Ich bin auch kein Mäuschen. Selbstredend gehe ich allein aus, und klar gebe ich Widerworte. Aber oft genug hab ich heimlich Schiss, wenn in meiner Lieblingskneipe ein paar nette Jungs von nebenan meinen, mich angraben zu müssen. Und mir womöglich auf dem Heimweg folgen. Lara Croft würde das nicht passieren. Die sieht nicht nur besser aus als ich, die hat auch die passenden Waffen zur Hand. Die hat keine Angst, allein im Dunkeln jemandem zu begegnen. Und ich will das auch nicht mehr. Ich melde mich zum WenDo an. Kein "richtiger" Kampfsport - das ist gut, ich halte es da ganz mit Churchill. Stattdessen geht es zwar um Selbstverteidigungstechniken, aber auch um verbale Selbstbehauptung, und es wird ausschließlich von und an Frauen gelehrt. Soviel weiß ich schon. Im Geiste nehme ich Lara mit.
In kleiner Runde reden wir darüber, warum wir diesen Kurs machen wollen. Ich bin nicht die Einzige, die keine Lust mehr auf das ungute Gefühl hat, wenn sie allein unterwegs ist. Im Technik-Teil lernen wir Faustschläge und Tritte. Ich dresche in eine Pratze, die eine andere für mich hält. Immer schön ausatmen beim Zuschlagen. Das gibt Energie. Hilft auch beim Öffnen von Marmeladengläsern. Wechsel. Ich spüre die Kraft, mit der sie zuschlägt. Wir sollen uns vorstellen, dass wir nicht drauf-, sondern durchschlagen. Das gibt mehr Schwung. Was stelle ich mir da dann bei einem Ekel vor, dem ich die Nase durchschlagen muss? Sein Spatzenhirn?
Ich fühle mich schon viel sicherer. Ich bin nicht von durchtrainierten coolen Sportskanonen umgeben (Verzeihung, Lara!), und die Techniken sind einfach und effektiv. Eines der Prinzipien beim WenDo. Dann gibt's den Klassiker, der zu Beginn gemacht wird, eine Übung, die viel mit Entschlossenheit zu tun hat: Wir sollen ein Brett mit der Faust durchhauen. Ich muss schlucken. Unsere Trainerin sagt aufmunternd, dass sie das auch schon mit Grundschulkindern macht. Das macht es noch schlimmer: Wie peinlich, wenn ich das Brett nicht kaputt kriege, wo das doch selbst Achtjährige schaffen? Ich bin nervös. Ich will unbedingt als Erste. Ich will nicht erst sehen, wie alle das locker durchhauen - nur ich nicht. Eine andere scheint ähnlich zu denken. Sie ist noch vor mir dran. Zielt, konzentriert sich, schlägt zu, das Brett wirbelt durch die Luft. In zwei Teilen. Jetzt ich. Ich dachte immer, ich müsste wütend sein für so was. Mir irgendwas Unangenehmes vorstellen, das ich zerschlagen will. Aber ich bin ganz ruhig. Konzentriere mich auf einen Punkt unter dem Brett. Das Teil geht so schnell durch, dass ich nur noch Staub sehe. Es tat nicht mal im Ansatz weh. So schnell geht so was. So viel Kraft habe ich. Das einzige, was ich brauche, ist Entschlossenheit. Ich frage mich, ob ich wirklich jemandem genau so ins Gesicht schlagen würde. Oder das Knie zertreten.
Nach dem Kurs fahre ich noch zu einer Party. Stolz trage ich die beiden Teile meines Bretts in der Tasche. Ich denke an Lara Croft. Stelle mir vor, wie mich im Bus jemand anmacht, ich die Dinger aus der Tasche hole und sage: "Das kann ich auch mit deinem Nasenbein machen. Überleg es dir." Aber es kommt keiner. Auf dem Rückweg mache ich eine neue Erfahrung. Ich stehe an der Haltestelle, ein Auto kommt. Und ich habe Schiss. Verfluchte Scheiße. Was ist denn jetzt mit den Brettstücken in meiner Tasche? Es ist eine neue Art von Angst: Ich habe doch jetzt ein paar Dinge gelernt darüber, was ich machen kann. Das macht Druck. Ich muss mich richtig verhalten. Ich muss mich trauen. Entschlossenheit, komm sofort zurück! Die Typen im Auto fahren einfach weiter. Ohne Kommentar. Ich fühle mich unwohl. Ich bin noch weit entfernt von Lara.
Beim WenDo unterhalten wir uns über vermeintlich harmlose Vorkommnisse, wo unsere Grenzen übertreten wurden. Über Leute, die sich im Bus so breit machen, dass sie einen berühren. Über blöde Bemerkungen. Anstarren. Momente, in denen ich mich nicht wohl fühle, die rein subjektiv kein belangloser Witz sind. Das muss rüberkommen. Ich muss das nicht begründen. Und schon gar nicht den Stein des Anstoßes mit Verständnis behandeln. Wir denken über klare Formulierungen nach, energisch zwar, aber nicht beleidigend. Um Grenzen zu setzen. "Gehen Sie bitte vorbei. Ich will nicht, dass Sie hinter mir herlaufen, das ist mir unangenehm." Eine klare Ansage machen, den Blick auch danach noch halten. Nicht ausfallend werden, nicht mit Fragen einen Anlass zu einem Gespräch bieten. Und den Blick halten. Einschüchterungen leben von Peinlichkeit - aber die geht nicht von mir aus. Wenn ein ganzes Publikum mich anstarrt, wiederhole ich einfach noch einmal meine Aufforderung. Da ist sie wieder, meine Entschlossenheit. Und jetzt lerne ich auch noch, dranzubleiben.
Samstag Nachmittag. Es schellt. Im Hausflur erscheint ein junger Spund. "Guten Tag, ich mache Interviews zum Thema Drogenmissbrauch..." "Aber nicht mit mir", sage ich. "Und ich kaufe auch keine Zeitschriften. Raus." "Wie kommen Sie darauf, dass ich Zeitschriften verkaufe?" "Raus!", wiederhole ich. Halte den Blick. Noch während er "jetzt bleiben Sie doch mal locker" murmelt, dreht er sich um und geht. Selbstverständlich tut er mir leid. Aber mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen. Meine Lara sagt auch, dass sie sich nicht um die ganzen gemetzelten Personen scheren kann. Was stehen sie ihr auch im Weg. Ein bisschen denke ich schon noch drüber nach. Aber ich scheine zu lernen, dass mein verständnisvolles Wesen mich allzu oft dazu bringt, Grenzüberschreitungen zu erlauben. Und ich wollte nicht mit diesem Typen reden.
Beim WenDo arbeiten wir weiter an unserer Wirkung. Klare Worte, energische Ausdrucksweise, fester Stand. Wir experimentieren damit, wie nah uns jemand kommen darf, bis wir uns unwohl fühlen. Denken über verbreitete Verhaltensweisen nach. Wie oft man Dinge vermeidet. Wie oft habe ich schon so getan, als hätte ich einen Blick nicht gesehen? Nicht gehört, wie jemand einen dummen Spruch gelassen hat? Und was hätte sich geändert, wenn ich gezeigt hätte, dass ich das sehr wohl gemerkt habe und es überhaupt nicht lustig finde? Ich fühle mich immer klarer im Kopf. Ich merke, wie meine Haltung sich verändert. Ich bin viel stärker dazu bereit, die Verantwortung zu übernehmen für das, was ich tue. Wenn andere das peinlich finden: Na und? Keine Angst. Da will ich hin. Und Lara kommt mit.
Und dann passiert's. Es ist fast so, als hätte ich es mit dem WenDo-Kurs herausgefordert. Es ist halb zwei nachts. Ich laufe vom Bahnhof nach Hause. Eine Viertelstunde, quer durch die Stadt. Nach der ersten Ampel schon höre ich ihn. Nein, denke ich mir, ich werde nicht so tun, als hätte ich das nicht gehört. Drehe mich um. Stehe fest im Boden verwurzelt. Schaue, wer da ruft. Er ist ungefähr fünfzig Meter hinter mir. Er sieht, dass ich ihn sehe. Meine Haltung ist pure Missbilligung. Er ruft, dass ich warten soll. Ich rufe zurück: "Nein." Warte, drehe mich um, gehe weiter. Rechts von mir ist eine Baustellenabsperrung. Ein schmaler Weg, keine Fluchtmöglichkeit. Ich habe Angst. Gehe trotzdem ruhig weiter. Horche. Mir kommen Leute entgegen. Ich entspanne mich etwas. Noch ein Stück, dann drehe ich mich wieder um. Nicht heimlich, sondern so, dass er es mitbekommt. Er ist noch da. Viel näher. Ich will nicht auf ihn warten.
Sollte ich aber. Ich sollte ihm sagen, dass es mir nicht gefällt, dass er hinter mir herläuft. Deswegen bleibe ich wieder stehen. Er hat fast zu mir aufgeschlossen. Er sagt, ich könne mich doch ruhig mal mit ihm unterhalten. Ich sage: "Ich will nicht reden. Geh einfach weiter, wohin auch immer du unterwegs bist." Fehler. Nicht duzen. Alle anderen Leute denken jetzt womöglich, ich kenn den Typen. Er geht an mir vorbei. Aber nicht so, wie ich es wollte. Zu meinem Entsetzen sagt er dabei, ohne sich umzudrehen, dass ich mal freundlicher sein soll. Hier läuft etwas schief. Ich stehe mitten in der relativ belebten City und meine Angst ist ein kalter Klumpen in meiner Brust. "Dann passiert dir nichts. Wenn du so eine große Klappe hast, passiert was." Ich schaue ihn an, die Zeit bleibt stehen, aber nur für mich. Ich denke darüber nach, ob ich das bei ihm könnte. Ihm das Nasenbein brechen. Die Kniescheibe zertrümmern. Worte kommen ja nicht an. Wenn er jetzt nicht geht, muss ich zuschlagen. Ist jetzt der Zeitpunkt? Wie lange werde ich warten? Wann ist es zu spät? Er wechselt die Straßenseite und verpisst sich. Ich hatte eine Wirkung. Aber mir stehen die Tränen in den Augen. Ich bin nahe dran, mir für die letzten paar hundert Meter ein Taxi zu nehmen. Ich tu es nicht, taumle weiter, schlucke meine Tränen. Meine Angst ist nicht weg. Sie wird zur Antenne und lässt meinen Körper vibrieren. Bei jedem Schritt habe ich sofort wieder einen festen Stand. In diesem Moment lasse ich Lara gehen. Und verabschiede mich von meinem heißen Wunsch, keine Angst mehr zu haben. Angst ist eine Waffe. Ich kenne dein Geheimnis, Lara Croft.
Petra Engelke


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