| Reinhard Wegener auf der Friedenskundgebung des Bochumer Friedensplenums am 22.9.01: Rachefeldzug und "Neue Weltordnung" US-Präsident Bush hatte kurz nach den Terroranschlägen in NY und Washington vom "monumentalen Kampf des Guten gegen das Böse" gesprochen und die deutsche Bundesregierung hatte kurz darauf die "breite Solidarität des deutschen Volkes eingefordert. Interessanterweise war es Johannes Rau, der als einer von ganz wenigen Offiziellen dieses Landes einen Gegenakzent gesetzt hat. Auch wenn es nicht oft vorkommt, dass mensch einen führenden Staatsmann dieses Landes ohne Weiteres zitieren kann - hier soll es sein: Rau hat davon gesprochen, dass der beste Schutz vor derartigem Terror "eine gerechte Weltordnung" sei und er hat daran erinnert, dass weltweit über 800 Millionen Menschen nicht genug zu essen hätten und dass Tag für Tag mehrere zehntausend Menschen an Unterernährung sterben müßten. Es ist jetzt zu befürchten, dass in dieser angeheizten Diskussion um das Gute und das Böse in der Welt und darum, wer auf der Seite der USA steht oder eben auf der Seite des "Feindes" bzw. des "Terrorismus", dass also in dieser Lage ein differenzierter Blick auf die internationalen Zusammenhänge, auf Ursachen und Wirkungen, verstellt wird. Darum ist es jetzt um so wichtiger, an die Debatten anzuknüpfen, die spätestens seit dem "G-8-Gipfel" in Genua in aller Munde waren: dass nämlich von einer "Neuen Weltordnung" per "Globalisierung", wie sie von den "großen Acht" propagiert wird, überhaupt keine Rede sein kann. Im Gegenteil: die Rede muß sein von einer neuen "Welt-Un-Ordnung". "Globalisierung" ist ja eine sehr verharmlosende Umschreibung für den weltweiten Zugriff der multinationalen Konzerne auf die Rohstoffe, auf die Absatzmärkte und auf die Arbeitsmärkte in allen Teilen der Welt. Globalisierung bedeutet auch: weltweite Optimierung der Verwertungs-Bedingungen für die herrschende (kapitalistische) Ökonomie. Und ein zentrales Mittel dafür heißt z.B. "Privatisierung", heißt, alle Bereiche des kulturellen und sozialen Lebens der öffentlichen Verantwortung zu entziehen und zu Zentren des Profits zu machen. Und, dazu passend, findet ganz aktuell - aber leider der öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen - der sogenannte ECOFIN-Gipfel in Lüttich statt, bei dem die sozialen Fragen der EU hauptsächlich im Sinne von mehr Privatisierung entschieden werden sollen - und zwar ausschließlich durch die Wirtschafts- und Finanzminister! (Übrigens hat auch der laufende WTO-Prozess die weltweite Privatisierung des Bildungs- und Gesundheitssektors zum Programm erhoben.) Die Ergebnisse dieses Globalisierungsprozesses sind eben das weitere Auseinanderklaffen der Schere zwischen den Ländern der industrialisierten und der sogenannten "Dritten Welt". Ergebnisse sind, dass es eben keine ökonomische und soziale Entwicklungsperspektive für die ärmsten Länder gibt. Ergebnisse sind die krassen Gegensätze zwischen einigen wenigen Reichen und Superreichen, der Macht der Banken und Konzerne einerseits - und dem Elend und der Armut von milliarden Menschen andererseits. (Bill Gates könnte jeden Tag 1 Mio ausgeben - 400 Jahre lang) Ergebnisse dieser kapitalistischen Form der Globalisierung sind aber auch - und das wird in der "Eine-Welt-Diskussion" nicht immer berücksichtigt - der rapide Zuwachs der Verarmung und der Verschlechterung der sozialen Versorgung für sehr viele Menschen auch hierzulande! Deswegen gibt es für uns "Normalmenschen" hier auch mehr Gründe - als etwa die Furcht vor Terror - um gegen diese Form der Neuen Weltordnung zu sein. Das gilt um so mehr, wenn deren Prinzipien jetzt auch militärisch zementiert werden sollen! Der Kabarettist Volker Pispers hat angeregt, dass, wenn es jetzt wirklich um Gerechtigkeit und um Schutz vor Terror ginge, die 40 Mrd. Dollar, die für den aktuellen Feldzug mobilisiert werden, am besten einfach in den Flüchtlingslagern der arabischen Welt verteilt werden sollten. Dann seien sie Terroristen isoliert. Aber darum scheint es nicht zu gehen. |