Reisebericht Istanbul

Bedingt durch unsere freundschaftlichen Kontakte zu Bandista – www.tayfabandista.org – und diversen Konzerten, die wir mit ihnen gemeinsam in der BRD gespielt haben, wurden wir von ihnen im August zu 2 Gigs in die Türkei nach Ankara und Istanbul eingeladen. Angesichts arbeitsrelevanter Fragen haben wir aber nur das Konzert in Istanbul wahrnehmen und spielen können. Nachdem wir wohlbehalten auf dem Flughafen Sabiha Gökcen im asiatischen Teil der Stadt eingeschwebt waren und ohne Probleme die Einreiseformalitäten erledigen konnten, wurden wir von einem Freund aus dem Bandista-Kollektiv abgeholt, der uns nach 90 Min. Busfahrt bis zum Taksim-Platz in den kulturellen & politischen Stadtteil Beyoglu begleitete. Dort trafen wir auf den Gitarrero von Bandista, der mit uns u.a. die Schlafplätze aufsuchte und den Abend gestalten sollte. Die Wiedersehensfreude war natürlich groß und von Herzlichkeit geprägt.

Exkurs I: Sabiha Gökcen (gökcen – die Himmelsbezogene) war die in Armenien geborene Adoptivtochter Mustafa Kemals, auch als Atatürk & Gründer der modernen Türkei bekannt, der sich gerne in nationalistischem Sprachduktus Vater aller TürkInnen, in Verkennung der Existenz kurdischer, assyrischer, lhasischer oder armenischer Menschen und deren kulturelle Hintergründe ignorierend, nennen ließ. Sabiha Gökcen aber ist nicht nur als Adoptivtochter Mustafa Kemals zu sehen, sondern auch als erste Frau in der Türkei, die einen Kampfbomber flog und demzufolge Tod, Schrecken und Leid über Zivilbevölkerung und Aufständische (Dersim 1936-37 oder dem Korea-Krieg 1951) brachte.

Exkurs II: Während die Compania per Ausweis und völlig problemlos in die Türkei einreisen konnte, wird es im Umkehrschluß für Bandista und weiteren Menschen aus der Türkei zu einer administrativen Farce: Visa & Kosten, Begründungen, Einladungen von KonzertveranstalterInnen oder Familienangehörigen, Gagennachweise, Krankenversicherung etc., um einen Fuß in die Festung Europa/BRD setzen zu können. Ein sog. freies Europa gibt sich vor diesem Hintergrund der Lächerlichkeit preis: während Waren- und Kapitalströme keine Grenzen kennen werden Menschen aus Nicht-EU-Ländern mit verschärften Einreisebedingungen konfrontiert oder sie ertrinken im Mittelmeer wie 2000 Flüchtlinge im Jahr 2011, die versuchten ihr Glück im „gelobten Land“ Europa zu finden.

Istanbul – mon dieu – europäische Metropole mit Charme, Flair und Lebenskultur schlechthin, die allerdings trotz prosperierender Wirtschaft und dessen Wachstum von fast 10 % in Umstrukturierung begriffen ist.
Perspektivisch ein Tummelplatz für Reiche und Mächtige dieser Welt, auch hier hat die Gentrifizierung, Umgestaltung des Stadtbildes, Vertreibung von armen Menschen aus dem Innenstadtbereich, extrem hohe Mieten und US-amerikanische Architektur (im Sinne von Hochhäusern aus Stahl, Glas und Beton incl. Blick auf den Bosporus) schon lange Einlaß gefunden. Bei einer Bosporus-Schifffahrt sprang uns dieser Aspekt wie ein Leuchtfeuer ins Auge: eine verschandelte Landschaft mit massenhaft bis zu 40-stöckigen Towern, deren Mieten die höchsten überhaupt sind. Sicherlich offeriert der Blick auf den Bosporus ein gediegenes Ambiente, aber wer möchte schon freiwillig in einem Hochhaus-Ghetto mit erheblichen Sicherheitsstandards(Kameraüberwachung, Ein- und Auslaßkontrollen,Umzäunung, Einfahrtschranken) leben?

Augenscheinlich gibt es aber ein großes Potential an reichen Menschen, das diese Wohnkultur präferiert. Die neoliberale Politik der AKP-Regierung einerseits und Basbakan Erdogan im besonderen, spielt im Bündnis mit islamisch orientierten Strömungen die Steilvorlage an jene Kreise ausländischer Finanzzirkel, die für Profitmaximierung, Privatisierung und Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, siehe Clean-Clothes-Campagne, schon jetzt Schlange stehen und ihnen Tür und Tor öffnet. Durch diese Politik wird ein Keil in die Mitte der Gesellschaft getrieben: einige Wenige werden noch reicher, die Massen aber verschwinden im Abseits ohne jegliche Perspektive.

Dennoch: wenn wir das gesellschaftliche Klima in unseren Gefilden zugrunde legen, wo sich immer mehr Frustration, Bitterkeit und Egoismus Bahn bricht, fällt auf welches Lebensgefühl die Menschen in Istanbul, die es insgesamt nicht leicht haben ihren Alltag und ihr finanzielles Auskommen jenseits nicht vorhandener Krankenversicherung oder ALG II, zu organisieren, vermittelt haben. Freundlichkeit, Interesse an anderen Menschen und vielfältiges Lachen seien adhoc die Stichworte.

Während bei uns in manchen Häusern die Rolläden am frühen Abend herunter gelassen werden, beginnt und pulsiert dort das Leben auf der Straße und in den Gassen. Kneipe an Kneipe, Teehäuser, Restaurants, Basare sowie an die 10.000 Musikclubs, die am Wochenende in höchstem Maße frequentiert werden. Ein buntes Bild der Lebensfreude und Gemeinsamkeit. Hier trifft sich die moderne Türkei, islamisch geprägte Einflüße sind kaum wahrnehmbar, und wenn besteht eine, für uns nur temporär wahrnehmbar, friedliche Co-Existenz.

Wie in unserem Video zu sehen, war das Konzert der Compania und Bandista ein voller Erfolg vor 500 BesucherInnen. Interessante Gespräche mit Gästen und Komplimente die Folge. Im nächsten Jahr soll eine Tour nach Kurdistan / Diyarbakir zustande kommen.

Unser herzlicher Dank und solidarische Grüße richten sich an Bandista und deren Kollektiv für Einladung, Umgehensweise mit uns und beste Organisation. Ebenso auch an das Publikum, welches uns mit offenen Armen unterstützt und empfangen hat. Gerne kommen wir wieder, das Vergnügen war auf unserer Seite.

Besucht Istanbul, diesen Schmelztiegel vieler Kulturen, den es zu erleben gilt. Besucht Istanbul/Beyoglu bald, denn eines nahen Tages wird die Stadt nicht mehr so sein wie sie einst war. Kapital und Machtbesessene werden Einzug halten und ganz viele Menschen noch mehr an den Rand der Gesellschaft drängen. Ob die heute noch funktionierenden sozialen Netzwerke diesen Prozeß auffangen oder abwehren können steht in den Sternen. Aber wie heißt es so schön: „the future is unwritten“. Hier sind auch wir gefragt dem etwas an Kreativität und Ideen im Kontext einer besseren und gerechte Welt für Alle entgegen zu setzen.

Und: schreitet ein gegen rassistische Klischees, die vielen Menschen in der BRD letztlich gegen TürkInnen immer flotter über die Zunge gehen.

Pauschalisierungen sind ein Instrument der Herrschenden und einfachen Menschen sowie nur ein Versuch uns zu spalten!

Kein Mensch ist Illegal!

Compania Bataclan
September 2011