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Pedro
Holz: Es war einmal ein Mann,
wir wollen ihn Kaiser nennen. Er lebte in einer Stadt des Ruhrgebiets, es könnte Essen, Bochum, Oberhausen
oder Mülheim gewesen sein. Herr Kaiser hatte ein gutes Einkommen und ein schönes grünes Auto, das
er jeden Samstag wusch. Er hatte eine hübsche Frau, die für ihn kochte und seine zwei Kinder aufzog.
Jedes Jahr fuhr die Familie in Urlaub, und da Herr Kaiser keineswegs konservativ war, waren sie auch schon nach
Rumänien gereist. Alles in allem war Herr Kaiser mit sich und der Welt zufrieden, bis eines Tages etwas Unvorhergesehenes
geschah: Neue Mieter zogen in die Wohnung neben Kaisers. Es war ein Ehepaar mit drei Kindern, sie hatten dunkles
Haar, und der Mann trug einen dichten schwarzen Schnurrbart. Irgendjemand hatte Herrn Kaiser erzählt, dass
diese Leute aus Chile kämen. Für ihn war Chile kaum ein Begriff, weit weg, irgendwo in Südamerika,
Palmen, Sombreros, alles Leute, die in der Sonne sassen
und dösten. Was war Chilenisch eigentlich für eine Sprache? Wenig später erfuhr er, dass es Spanisch
sei. Darum also kam ihm bekannt vor, was er hörte, er kannte diese Klänge
aus seinem Spanienurlaub kannte. Diese Leute waren politische
Flüchtlinge. In Chile hatte das Militär die Regierung gestürzt, Herr Kaiser hatte einiges darüber
in der WAZ gelesen. Er war nicht für Gewalt, aber Ordnung muss sein, und von diesem Allende hiess es, er sei ein verkappter Kommunist gewesen. Seine
neuen Nachbarn waren also Kommunisten. „Nicht unbedingt“, erklärte man ihm, denn auch andere Parteien hatten
Allende unterstützt, und das Militär verfolgte alle gleichermassen.
Trotzdem waren die neuen Mieter Herrn Kaiser nicht sehr angenehm. Im Hause wurde es ziemlich laut. Die Kinder der
neu Zugezogenen spielten im Flur. Sie weinten viel und schmissen mit ihren Spielsachen um sich. Herr Kaiser merkte
bald, dass es sehr abgenutzte waren. Von dem Mann hiess
es, er sei im Gefängnis gewesen. Auch das war Herrn Kaiser nicht recht geheuer, denn ohne Grund sperrt man
schliesslich niemanden ein. Aber das Schlimmste für
ihn war, dass diese Leute einfach nicht den Flur putzten. Herr Kaiser malte ein schönes Schild und hängte
es ihnen an die Tür. Doch am nächsten Morgen fand er es an seiner wieder. Diesen Leuten schien es einfach
nicht klar zu sein, dass diese Pflicht im Mietvertrag verankert war. Frau Kaiser meinte, er solle doch mal mit
den Leuten sprechen und versuchen, ihnen die Situation zu erklären, aber ihr Mann antwortete, die wüssten
sicher Bescheid, das sei alles nur Faulheit. So vergingen die Tage. Jede Woche putzte Frau Kaiser den Flur, und
ihre Nachbarn schienen davon überhaupt keine Notiz zu nehmen. Ihr Mann wurde immer ärgerlicher, der Familienfrieden
wurde mehr und mehr gestört. Frau Kaiser war immer noch der
Meinung, man sollte doch einfach mit den Leuten mal in Ruhe sprechen. Eines Tages fasste sich
Herr Kaiser ein Herz und schellte bei den Nachbarn. Die Frau öffnete ihm die Tür. Es war zehn Uhr morgens,
aber sie war noch nicht angezogen und hatte sich einen alten blauen Bademantel über das Nachthemd geworfen.
Herr Kaiser merkte, dass sie geweint hatte. “Ich möchte mit Ihrem
Mann sprechen, Frau Aguirre.” “Si”, antwortete die Frau. “Gonzalo, buscan!” rief sie. Der Mann kam, nur in Hose
und Unterhemd. Er hielt einen Luftpostbrief in der Hand, auch er hatte geweint. “Herr Aguirre, ich bin
nicht mehr gewillt, dass meine Frau für Ihre Frau jede Woche den Dreck wegmacht. Sie müssen zweimal im
Monat den Flur reinigen. Haben Sie verstanden?” “Si”, antwortete der Mann. Männer weinen doch
nicht, dachte Herr Kaiser und ging in seine Wohnung zurück.
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