Sonntag 25.03.18, 11:33 Uhr

Krebs hat nicht nur individuelle Ursachen

Dagmar Wolf hat einen Brief an Fritz Pleitgen geschrieben, in dem sie ihn auffordert, nicht nur auf die individuelle Ursachen von Krebserkrankungen hinzuweisen, sondern auch die gesellschaftlichen Faktoren zu benennen, die Krebserkrankungen begünstigen: »Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag, ich wünsche Ihnen alles Gute, besonders Gesundheit!
Vielen Dank für Ihr Engagement bei der Deutschen Krebshilfe, auch dafür, dass Sie sich als eine in der Öffentlichkeit präsente Person für die Verbesserung der Krebsprävention einsetzen! Aber ist denn der Hinweis auf gesunde Lebensführung, auf intelligenten Umgang mit Drogen und sportliche Betätigung nicht ein bisschen einfach? Solche Ratschläge und Appelle an jede Einzelne sind inzwischen doch allgegenwärtig -  Ärztinnen, Engagierte in Selbsthilfegruppen, Krankenkassen, Medien (von fundierten Gesundheitsmagazinen im öffentlich rechtlichen Rundfunk bis hin zu populären Apothekenblättern) – weisen erfreulicherweise immer wieder darauf hin, dass falsches Essen, Saufen, Rauchen, andere Drogen sowie auf-der-Couch-rumhängen für Herz, Leber, Rücken, Füße, Kopf usw. ungesund ist und außerdem wahrscheinlich Krebs befördert.  Gut so! Der Rückgang des Zigarettenkonsums und die Zuwendung zu fleischarmer Esskultur geben Anlass zur Hoffnung.

Da also die individuelle Verantwortung jeder Einzelnen für ihre Gesundheit inzwischen weitgehend bekannt ist, finde ich, dass Sie Ihren Namen recht billig hergeben. Wie wäre es, wenn Sie ihn für die Erforschung und Bekanntmachung immer wieder vernachlässigten oder gar verschwiegenen Zusammenhänge von Krebsentstehung und schmutziger Luft, schmutzigem Wasser, industrieller Landwirtschaft, erhöhter Radioaktivität in der Umwelt und fragwürdig behandelten Lebensmitteln einsetzen würden? Obwohl es zahlreiche Forschungen zu einzelnen Stoffen gibt, die auf Verursachung von Krebs hinweisen, werden diese selten öffentlich zusammen getragen, Zusammenhänge werden oft geleugnet oder einfach verschwiegen.

Sorry, Herr Pleitgen, aber nach 15 Jahren Kampf gegen meine Krebserkrankung werde ich ziemlich sauer, wenn die Verantwortung für Gesundheit immer lediglich im individuellen Verhalten verortet wird. Ich muss sehr aufpassen, nicht bitter zu werden, wenn ich mich seit Jahren sportlich auf meinem Rad bewege und dabei Gestank und Partikel einatmen muss, wenn es im öffentlichen Schwimmbad so voll ist, dass ich keine drei Schwimmzüge hintereinander machen kann – um nur zwei von vielen krankmachenden Aspekten zu nennen.

Gerade jetzt, während der Skandal um die kriminellen Abgasbetrügereien bei Dieselmotoren im wesentlichen als Problem für Produzentinnen und PKW Besitzerinnen thematisiert wird, dabei aber die Beeinträchtigungen von Fußgängerinnen,  Radlerinnen und Kinderwagenkindern überhaupt nicht vorkommen, jetzt, wenn die neue Regierung befürchten lässt, sich hauptsächlich um Fahrverbote zu kümmern und der Gesundheitsminister offenbar davon ausgeht, dass auch Hartz4 Bezieherinnen problemlos gesunde Lebensmittel aus dem Öko-Landbau kaufen können, gerade jetzt wäre es hilfreich, wenn Sie – mit Ihrer Bekanntheit und Anerkennung – den zu vermutenden Zusammenhang mit Krebsentstehung thematisieren würden.

In meiner Stadt werden gerade etliche Lehrschwimmbecken der Schulen geschlossen und so ein großer Mangel im Breitensport produziert. Dabei bin ich bei einem weiteren Aspekt der Verhinderung von Gesundheits- (also auch Krebs) prävention: die verbreitete öffentliche Armut in einem reichen Land. Wenn wir auch noch über den Tellerrand hinaus sehen, müssten wir eigentlich bemerken, dass Überdüngung, Überfischung, Vermüllung der Gewässer undsoweiter nicht nur UNS krank macht, nicht nur HIER Krebs produzieren, sondern auch und besonders in armen Ländern, in denen Menschen für unseren Tisch, unsere Kleider, unsere Luxuskommunikation schuften.

Sehr geehrter Herr Pleitgen, wir Kranken schaffen es oft nicht, auch diese letztgenannten Aspekte des Kampfs gegen den Krebs anzugehen. Es wäre schön, wenn Sie uns mit Ihrem guten Namen und Ihrer Energie helfen und sich für öffentliches, verbreitetes Wissen um die Zusammenhänge einsetzen könnten, so dass gesundheitsförderndes Handeln auf allen Ebenen erreicht werden kann.

Sicher wäre nicht nur ich Ihnen dafür sehr dankbar! Mit freundlichen Grüßen,
Dagmar Wolf

P.S. Ich sende Ihnen meinen Gruß und meine Bitte an Ihre Wirkungsstätte Deutsche Krebshilfe und ARD, insofern wird ein Offener Brief daraus, den ich auch der Bochumer Öffentlichkeit bekannt mache.«

 
 
 
 


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