Montag 13.11.17, 08:00 Uhr

Gedenken an Timur Kacharava

RIP 13.11.2005

Das Polit-Cafè Azzoncao erinnert: »Im September 2009 waren wir nach Moskau und St. Petersburg gereist, um Interviews mit Verwandten und FreundInnen von Antifaschisten zu führen, die von Nazis ermordet worden waren. So trafen wir am 15. September Irina Kacharava, die Mutter von Timur Kacharava. Der 20jährigen Philosophiestudent, Punk-Musiker und vegane Aktivist der Gruppe „foods not bombs“ Timur Kacharava war am 13. November 2005 von einer Gruppe Nazis in St. Petersburg erstochen worden.  Um Timur zu gedenken, der heute vor 12 Jahren ermordet wurde, veröffentlichen wir hier noch einmal das damals geführte Interview mit seiner Mutter:

 

Der faschistische Mord an Timur Kacharava

Azzoncao, ein Polit-Cafè 13.10.2009

 „Alles ist an seiner Stelle, nur die 16 Jahre alte Katze läuft herum.“

So beschreibt die Mutter von Timur Kacharava das Zimmer ihres Sohnes, das sie so belassen hat, wie er es am Tag seiner Ermordung, dem 13. November 2005, verlassen hatte. Bevor der junge Antifaschist das elterliche Haus in St. Petersburg verließ, bat er noch seine Eltern, im Umfeld ihrer Wohnung nach Unbekannten Ausschau zu halten. Irina Kacharava „Mein Herz hat mich damals nicht gewarnt“. Drei Stunden später war ihr Sohn tot. Erstochen von einem faschistischen Rollkommando.

Interview mit Irina Kacharava, der Mutter von Timur

Am Dienstag den 15. September 2009 führten Mitglieder des Bochumer Polit-Cafès Azzoncao ein Interview mit Irina Katcharava in St. Petersburg. Frau Kacharava ist Deutschlehrerin an einer Privatschule und Mutter des im November 2005 in St. Petersburg ermordeten 20jährigen Philosophiestudenten Timur Kacharava.

Timur Kacharava war Musiker zweier bekannter Hardcore- und Punkbands und als veganer anarchistischer Aktivist bei den Aktionen antifaschistischer Gruppen, sowie der Gruppe „food not bombs“ beteiligt. Am Abend des 13. November 2005 wurden er und ein Freund nach einem Stand der Gruppe „food not bombs“ von einer ca. 12 köpfigen Gruppe von Nazis angegriffen. Sein Freund Maksim Zgibaj wurde schwer verletzt. Timur überlebte die gezielten Messerstiche zu seinem Hals nicht. Er verstarb noch an der Stelle des Überfalls.

Zunächst traute Frau Kacharava es sich nicht zu, dass Interview in Deutsch zu führen. Sie meinte, sie könne über Timur nur in Russisch sprechen. Schließlich wurde das Interview doch in deutscher Sprache geführt.

Die Emotionalität ist im Originalinterview sehr wohl zu merken. Auch an Hand der gebrochenen Sprache. Frau Kacharava bat uns, Glättungen vorzunehmen, um das Interview lesbarer zu machen. Diesem Wunsch kamen wir nach und legten Frau Kacharava das Interview noch einmal zur Einsicht vor.

Azzoncao: Frau Kacharava, bitte stellen Sie sich vor. 

Irina Kacharava: Ich möchte es so sagen, wie es auch die FreundInnen von Timur sagen. Ich bin die „Mutter von Timur“ oder auch „Timurs Mama“. Er selbst wurde von ihnen Timur oder Timka genannt.

Azzoncao: Sie sind hier in St. Petersburg als Deutschlehrerin tätig?

Irina Kacharava: Ja, an einer Privatschule. Mein Mann war Offizier der russischen Armee. Wir sind seit 30 Jahren miteinander verheiratet und sind viel gereist. Deswegen musste Timur immer wieder Kindergärten und Schulen wechseln. Es war schwer für ihn. Seit 1992 sind wir in St. Petersburg. Erst haben wir in einem Bezirksheim gewohnt, bevor wir die Wohnung von der Stadt bekamen. In diesem Bezirk ist Timur auch zur Schule gegangen.

Er schrieb kurze Geschichten und Erzählungen über sein jugendliches Leben und wir dachten er würde einmal Journalistik studieren. Aber er wollte Philosophie studieren. Zu unserer Verwunderung, aber auch zu unserer Freude.

Er begann auch Chinesich zu studieren. Das hatte vielleicht etwas mit der Sichtweise seines Lebens zu tuen.

Als er ein Kind war, malte er sehr gern. Er besuchte eine Sportschule und war sehr aktiv. Er war wissbegierig und neugierig und als er ca. 10 Jahre alt war begann sein Interesse an Musik. Er war später Mitglied in mehreren Bands. Über eine Musikzeitschrift hatte er ein Inserat aufgegeben, dass er Musikfreunde suchen würde. Diese hat er gefunden und seine erste Band mit ihnen gegründet. Musik wurde zu einem Hauptbestandteil in seinem Leben. Er hatte diese Musikfreunde gesucht und gefunden. Sie waren fünf, sechs Jahre älter als er selbst. Aber sie teilten die gleichen Ansichten.

Als er ca. 14 Jahren alt war, hat er von einem Tag auf den anderen aufgehört Fleisch zu essen. Er sagte, er wolle seine Probleme selber lösen, nicht durch das Leben der Tiere. Von jetzt an wolle er nie wieder Fleisch essen und ich habe ihn auch nie wieder davon reden hören, dass er Appetit hätte Fleisch zu essen. Er war sehr stringent. Was er gesagt hat, hat er auch gemacht. Gesagt – gemacht. Er aß kein Fleisch und trug auch keine Sachen aus Wolle. Die inhaltliche Ausrichtung seiner Band Sandinista war auch nach diesen Prinzipien. Alle aßen kein Fleisch, trugen keine Wolle und besangen dies auch in ihren Texten. Sie sangen das, was und wie sie gelebt haben.

Später, durch die Musik und die Animal Liberation Front (ALF) kam er zu der Gruppe „food not bombs“. Das muss so im Herbst 2004 gewesen sein, als er dort Mitglied wurde. Diese Gruppe wurde von den Nazis gehasst. Die sagten, wenn „food not bombs“ diesen blöden armen Leuten helfen würde, würden sie sie töten. So passierte das mit Timur auch nach einer Aktion der Gruppe „food not bombs“. „Food not bombs“ hatte eine Aktion an einer Metrostation gemacht und die Mitglieder waren auf dem Weg nach Hause. Die Aktion an der Metrostation war um 16.00 Uhr. Um 18.30 Uhr war Timur schon tot. Die Nazis waren ihnen gefolgt.

Mit den Nazis ist das hier so. Schon 2004 haben die Antifaschisten die Stadtregierung angeschrieben, um eine Erlaubnis für eine antifaschistische Demonstration zu erhalten. Die Regierung erlaubte die Demonstration nicht. Das war am 20. April, am Tag des Geburtstag von Adolf Hitler. Aber die Nazis durften demonstrieren. Das verstanden wir früher nicht. Aber jetzt verstehen wir das, warum die Nazis mit Polizeischutz demonstrieren dürfen, die Antifaschisten aber nicht.

Timur sagte immer „Mama in Deutschland ist das verboten. Einfach verboten“. Und die Polizei schützt die Nazis vor anderen Leuten.

Timur hatte darüber auch eine kurze Arbeit an der Universität geschrieben. Eine Arbeit gegen Gewalt gegen andere Menschen, gegen Tiere, von Erwachsenen gegen Kinder, usw.. Das alle Menschen gleichberechtigt sind und das niemand einem anderen Menschen ein Leid zufügen darf.

Er sagte, dass jeder Mensch auf sein Inneres hören müsse.

Azzoncao: Verstand er sich als Pazifist?

Ein anwesender Freund von Timur: Er hatte eine anarchistische Vorstellung. Nicht so sehr eine revolutionäre, mehr eine anarcho-kommunistische Vorstellung. Er war der Meinung, dass die Veränderung der Gesellschaft von sich selber aus gestartet werden muss. Das, bevor man versucht die Gesellschaft zu verändern, man sich erst selbst ändern müsste.

Irina Kacharava: Wir als Eltern haben verstanden, dass die Gedanken und was Timur tat sehr gefährlich war. Aber wir haben ihm geholfen und ihn unterstützt. Und wir haben ihm gesagt, Timur pass auf, es ist sehr gefährlich, wenn Du mit deinen Aufnähern und Buttons herumläufst. Er sagte, dass stört niemanden und er möchte auf den Straßen unserer Stadt so gehen, wie es ihm beliebt. Das war aber sehr gefährlich. Am Abend des 13. November hatte er sehr viele diese Buttons und Aufnäher an. Und man konnte sehr genau sehen, welcher Meinung Timur war. Wir sagten ihm immer wieder, dass es sehr gefährlich ist so herum zu laufen. Aber er hat gesagt „Wer wenn nicht wir, und wann wenn nicht jetzt“.

Azzoncao: Er wurde am 13. November 2005 von mehreren Menschen angegriffen?

Irina Kacharava: Er war mit einem Freund zusammen. Und ihre Angreifer waren ungefähr zwölf. Sieben waren später angeklagt. Zuerst waren Timur und seine Freunde auch acht oder neun Personen. Aber die Anderen waren in einer Buchhandlung und haben dort Kaffee getrunken. Timur war von Gastspielen mit seiner Band aus Finnland und Schweden wieder zurück gekommen. Und er und sein Freund Maksim hatten sich lange Zeit nicht gesehen. Und so haben sich Timur und Maksim vor der Tür unterhalten. Die Nazis haben diesen Zeitpunkt abgewartet, bis sie nicht so viele waren, und haben sie angegriffen. In den Prozessunterlagen habe ich nachlesen können, wie sie das gemacht haben. Du stehst da, du stehst da und du bist da. So waren die Kommandos. Die Polizei konnte nachweisen, dass sie jede Minute miteinander über Handys telefoniert haben. Manchmal zweimal in einer Minute. Wohin Timur und seine Freunde gehen, wieviel sie sind, usw..

Und dann hat jemand von den Nazis „Anti-Antifa“ geschrien und sie haben sie angegriffen. Das war im Zentrum der Stadt. Ungefähr um 18.30 Uhr. An einem Wochenende und es waren sehr viele Leute unterwegs. Auch weil es in der Nähe eines Konzertsaals war, wohin viele Leute gingen.

Azzoncao: Die Täter wurden später gefasst?

Irina Kacharava: Ja. Aber nicht der Anführer der Gruppe.

Azzoncao: Wieviele Täter waren es? Sie sprachen von ungefähr zwölf Tätern und sieben Angeklagten.

Irina Kacharava: Ja.

Azzoncao: Kennen Sie den Namen des Anführers.

Irina Kacharava: Ja, er heißt Alexander Senin. Er war älter als die anderen Täter. Ich habe dem Prozess beigewohnt. Mein Mann nicht.

Im Gerichtssaal habe ich gehört, dass es im Mai 2005 im Büro der „Bewegung gegen illegale Immigration“ ein Treffen mit Nazis gab. Dort wurden ihnen Fotografien gezeigt. Auch Fotos von Timur.

Oft waren Leute dieser Bewegung neben den Ständen von „food not bombs“ und haben Fotos gemacht. Viele Freunde von Timur haben sich deswegen auch vermummt. Timur fast nie.

Für uns ist es ein Geheimnis, warum gerade auf ihn gezeigt wurde.

Das Alles habe ich im Gericht gehört.

Azzoncao: Sie haben den Prozess im Gericht verfolgt?

Irina Kacharava: Ja, ich alleine. Ohne meinen Mann. Er sagte, dass er das nicht aushalten könnte.

Den Prozess zu verfolgen war viel komplizierter und schwerer als der Mord an Timur. Ein zweites Mal habe ich Timur begraben müssen. Es war schrecklich. Sie waren so böse.

Was interessant ist. Sie kamen mit ihren Eltern und ihren Anwälten. Sieben Nazis, sieben bis zehn Eltern und die Anwälte. Sie waren über 21 Personen. Und ich war alleine. Es war schrecklich.

Eigentlich wollte ich den Prozess nicht besuchen. Aber beim ersten Gerichtstermin musste ich.

Als ich das dort gesehen habe, habe ich verstanden, dass ich meinen Sohn verteidigen muss.

Azzoncao: Können Sie das erläutern?

Irina Kacharava: Das Benehmen der Angeklagten. Was sie sagten, was sie machten. Was ihre Eltern und Rechtsanwälte sagten und machten. Das ist schwer zu erklären. Das war schrecklich.

Sie werteten alles ab. Zu einer Schlägerei, zu Hooliganismus.

Aber die Polizei hat in ihren Computern viele Fotos sicher gestellt. Und auch Nazi-Attribute bei ihnen gefunden. Einige waren auch schon früher der Polizei in diesen Zusammenhängen aufgefallen.

Sie gaben im Prozess an, dass sie nur da gewesen seien, aber Nichts getan hätten. Sechs bekamen zwei bis drei Jahre Gefängnis und sind längst wieder in Freiheit. Einer von ihnen bekam zwölf Jahre Gefängnis. Aber ich bin mir nicht sicher, ob der Haupttäter nicht der Anführer war. Das dieser das Messer nach der Tat weitergegeben hat. Ich weiß nicht.

Azzoncao: Wie kam es, dass Sie als einzige Person diesen Prozess mitverfolgten. Wo waren die Freunde und Freundinnen von Timur? Seine GenosssInnen?

Irina Kacharava: Zunächst war der Prozess für alle zugänglich. Die Freunde und Freundinnen von Timur waren da. Meine ganzen Bekannten waren auch mit mir gekommen.

Dann aber behauptete einer der Angeklagten, der zu der Zeit in St. Petersburg in einer Art Hausarrest saß, dass er von Antifaschisten attackiert worden sei. Daraufhin wurde das Publikum aus dem Prozess ausgeschlossen. Ab da saß ich ganz allein im Prozess. Es war auch kein Fernsehen und keine Presse anwesend.

Azzoncao: Haben die Zeitungen und das Fernsehen über den Prozess berichtet?

Irina Kacharava: Ja, sie haben über den Prozess berichtet.

Azzoncao: Wie war der Tenor in den Medien?

Ein anwesender Freund von Timur: Das war von der politischen Position abhängig. Es gab Medien, die das Vergehen der Nazis herab spielten. Aber die meisten Medien verurteilten den Mord und die Nazis. Genau wie die meisten der normalen Bürger und Bürgerinnen.

Azzoncao: Hat sich über den Mord an Timur die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung geändert? Gegen die Nazis? Oder sind die Menschen ängstlicher geworden, was die Nazis betrifft?

Irina Kacharava: Nein. In der Umgebung in der ich wohne, gibt es auch nicht so viele. Bei uns wohnen viele Immigranten. Die Stadtregierung hat jetzt Programme gegen Terrorismus und für Toleranz und Ähnliches gestartet. Nach dem Mord an Timur.

Im Jahr 2004, als Timur und seine Freunde um eine Erlaubnis für eine antifaschistische Demonstration nachfragten, bekamen sie die Erlaubnis nicht. Es hieß, dass St. Petersburg keine Probleme mit Nazis hätte. In Russland gäbe es kein Problem mit Nazis.

Nach 2005 wurden Programme für die Jugend und für Toleranz gestartet. Aber das sind nur Worte, blablabla. Die einfachen Leute interessiert es nicht. Solange sie nicht betroffen sind, interessiert es sie nicht.

Sie wundern sich?

Hier in meiner Schule wissen nur vier Personen was mit meinem Sohn passiert ist. Die Direktorin, ihre Stellvertreterin und zwei Lehrerinnen. Das ist gut so für mich. Kinder sind sehr neugierig und sie würden mich fragen. So könnte ich nicht arbeiten. Aber da fast niemand davon weiß, kann ich hier arbeiten. Und jetzt sind schon fast vier Jahre vergangen.

Azzoncao: Gab es Erinnerungs- und Gedenkveranstaltungen zu Timur?

Irina Kacharava: In den letzten drei Jahren gab es immer Veranstaltungen. Zu diesem Jahr bin ich noch nicht informiert.

Es gibt eine Organisation, die sich Memorial nennt und die macht jedes Jahr an der Stelle des Überfalls in der Stadt eine Aktion. In zwei Jahren gab es Konzerte und im Jahr 2005 war auch eine Aktion in der Universität. Aber zur Zeit bin ich nicht informiert.

Die Aktionen werden von FreundInnen von Timur gemacht. Mein Mann und ich machen Nichts.

Wir weinen.

Von Jahr zu Jahr werden es weniger Menschen, die Timur gedenken. Zu Timurs ehemaligen Freundin und auch anderen Freuden pflegen wir aber einen engen Kontakt. Nicht zu Allen, das ist uns nicht möglich. Mein Mann und ich pflegen den Kontakt zu ihnen wegen der Freunde. Wenn Timur nicht solche Freunde gehabt hätte, könnte ich nicht sagen, was mit uns passiert wäre. Vielleicht zeigt auch das, dass er kein schlechter Mensch war. Weil er so schöne, gute Freunde hatte. So viele und gute Freunde.

Mein Mann und ich haben einen Sohn verloren. Und ich habe auch einen Freund verloren.

Er hatte für mich eine neue Welt geöffnet. Ich wusste nicht, dass man so leben kann. Das man anders leben kann. ..

Schrecklich und …diese leere Stelle in meinem Herzen.

Er war sehr aktiv und reflektiv. Seine Kleidung hat er immer nur im Second Hand gekauft. Er sagte, wenn ein Kleidungsstück mehr als 100 Rubel kostet (ca. 2,25 Euro) würde er sie nicht kaufen wollen. Er schnitt sich auch selber die Haare und sagte, wenn er etwas selbst machen könnte, warum sollte er dafür Geld bezahlen. Die Worte Karriere oder Prestige, das waren leere Worte für ihn. Und ich arbeite in einer Schule, in einer Privatschule. Die Eltern zahlen hier sehr viel Geld für das Studium ihrer Kinder. Und ich dachte immer, wenn du Erfolg haben willst, eine gute Arbeitsstelle haben willst, brauchst du eine gute Ausbildung. Aber bei Timur war das anders. Da habe ich immer gedacht; Du bist Du und Ich bin Ich. Das ist das Wichtige und das Richtige. Nicht was bist Du, sondern wer bist Du. Nicht Lehrer oder Verkäufer, das ist egal. Das war sehr interessant für mich. Bei Timur habe ich anders gedacht. Die Frage war, was willst Du. Das war sehr interessant.

In der letzten Zeit war Musik das Wichtigste für ihn. Er sagte, und dabei kommt dies von Nietzsche, wenn es keine Musik gäbe, wäre das Leben sinnlos. Er nannte das Fernsehen einmal das Auge des Teufels und überlegte, ob er sich überhaupt einen Computer zulegen solle. Bücher wären besser.

Unweit unseres Hauses, an einer Wand, hatte er mehrmals Parolen wie „Faschismus“ und „Rassismus“ übermalt. Das ist in unserem Hof. Nur mal so kurz dazu, was andere Menschen hier auch denken. Und er malte dort drei Bilder hin. Mit der Parole, nimm dein Leben in deine Hände zurück. Seit fünf Jahren ist das Bild mit der Parole dort zu sehen. Jeden Tag, wenn ich zur Arbeit gehe, sehe ich dieses Bild.

Sein Zimmer haben wir völlig unverändert gelassen. Wir wissen nicht, was wir damit machen sollen. Vielleicht warten wir, dass er wiederkommt? Die Gitarre und ein paar Bücher haben wir zur Seite gestellt. Und den Staub wische ich immer ab. Die Katze hat sich sehr nach Timur gesehnt. Man kann sagen, dass sie Freunde waren. Sie ist jetzt schon 16 Jahre alt. Sein halbes Leben hat er mit ihr verbracht.

Es gab schon viele Vorfälle zuvor. Öfters schon hatte Timur Tränengas abbekommen. Wir hatten große Angst, aber konnten Nichts machen. Er wusste immer, was er wollte und wie er das erreichen konnte. Er war sehr zielstrebig. Er war sechzehn, siebzehn, achtzehn Jahre alt und wenn er etwas sagte, schien es so, als ob er eine große Lebenserfahrung hätte. Aber er hatte keine Lebenserfahrungen. Es waren irgendwelche Gedanken, die er hatte. Eigentlich hätten solche Dinge nur Erwachsene mit Lebenserfahrungen sagen können. Woher konnte er das wissen? Das hat mich immer erstaunt. Er sagte mir immer, was ich lesen oder mir ansehen sollte. So zeigte er mir einmal den Film „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders. Es ist wie ein Erbe von ihm, wenn ich jetzt diesen Film sehe. Wir haben immer Filme und Bücher besprochen. Und dann kam er manchmal nach Hause und fragte nur „Gesehen?“. Ich nickte und wir schwiegen. Wir haben uns sehr gut verstanden. …

Azzoncao: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung in Russland bezüglich der Nazis ein?

Irina Kacharava: Jetzt sehe ich so etwas. Früher habe ich an so etwas nicht geglaubt. Heute glaube ich, dass es sehr bequem ist für unsere Staatsregierung, mit fremden Händen seine Probleme zu lösen. Heute bin ich mir sicher, dass was mit unserem Sohn passierte, aber auch im Kaukasus oder in Tschetschenien, das ist die gleiche Situation. Der Kern ist der Gleiche. Vielleicht irre ich mich.

Und Nichts ändert sich. Nur Worte. Es wird immer schlimmer und schlimmer, die Situation für die Jugend. Ich habe auch den Eindruck, dass viele Jugendlichen nicht wissen, was es bedeutet, wenn Sie sagen, dass sie Skinheads oder Antifaschisten sind. Sich nicht der möglichen Konsequenzen bewusst sind. Das ist schrecklich.

Azzoncao: Wir danken für das Interview.

Im Anschluss zu diesem Interview fuhren wir mit der Mutter und dem Vater von Timur zu dem Waldfriedhof, wo Timur beerdigt wurde. Timurs Vater Wladimir ist jetzt Lehrer für Politik und Philosophie. Wie auch seine Frau nahm ihn die Erinnerung an seinen Sohn sichtbar mit.

Auf Timurs Grab ist ein Igel abgebildet, weil ihn seine Mutter öfters mit einem Igel verglich. Das Foto, das als Vorlage zu dem Bild auf dem Grabstein dient, hatte Timur selber von sich gemacht. Die Grabaufschrift lautet „Timur, wir werden Dich nie vergessen.“

Auf der Rückseite des Grabsteins ist der Spruch „Nimm dein Leben in die eigenen Hände“ und der Engel eingraviert, die Timur an die Wand gesprüht hatte. Seine Mutter erzählte uns, dass Timur immer wieder Engel malte. Aber keiner gewusst hätte warum.

Bevor Timur, damals am 13. November 2005 aus dem Haus gegangen wäre, hätte er sie noch einmal angesprochen, ein Auge auf den Hof zu werfen. Ob sich dort unbekannte Leute aufhalten würden. Sie hätten gefragt „Skinheads?“ . Aber er hätte erwidert, dass sie schon lange nicht mehr als Skinheads herumlaufen würden. Sie sähen aus wie normale Leute. Was sie denn tuen sollten, falls Unbekannte sich auf den Hof aufhielten, habe sie daraufhin gefragt. Timur erwiderte, da könne man Nichts machen. Sie hätten Messer. Damals hätte ihr Herz Nichts gesagt. Um 18.30 Uhr sei Timur dann ermordet worden.

Sie würde heute auch keine Musik mehr hören, wie sie es früher zusammen mit Timur gemacht hatte. Um an seine Musikleidenschaft zu erinnern ist die Familienparzelle an der kleinen Eingangspforte mit einer Gitarre verziert.

Frau Kacharava erzählt uns noch, dass der Umgang mit den Kindern in der Schule ihr sehr helfen würde.

© Azzoncao, ein Polit-Cafè

Antifaschistisches Graffito in Bochum:
http://www.nadir.org/nadir/initiativ/azzoncao/grafitti.html
http://de.indymedia.org/2008/12/236148.shtml
http://de.indymedia.org/2008/12/236171.shtml

Film „uno di noi – einer von uns“ zum Antifa-Graffito in Bochum:
http://unodinoi.blogsport.de

Über unsere Reise kann man hier einen Bericht lesen:
Antifaschistischer Reisebericht aus Russland -

 
 
 
 


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