Samstag 07.10.17, 20:13 Uhr

Vom Zwangsarbeiterlager zum alternativen Wohnprojekt

Am Sonntag, den 22.10. lädt die VHS um 14 Uhr zu einem Rundgang mit Wolfgang Dominik zum Thema „Zwangsarbeit und Kriegswirtschaft in Bochum“ ein. Ein Ort, der sicherlich nicht auf der Strecke des Rundgangs liegt, ist das ehemalige Zwangsarbeiterlager in Gerthe. Hieran hat Wolfgang Dominik in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Amos erinnert: Zwangsarbeit gab es im Faschismus ab 1933. Die Moorsoldaten sind nur ein Beispiel.Zwangsarbeit im meist gebrauchten Sinn war Arbeit von SklavenarbeiterInnen, von Männern und Frauen jeglichen Alters, aber möglichst zwischen 15-50 Jahre alt, die vor allem in den von den faschistischen Armeen eroberten Ostgebieten geraubt wurden. In der Gewerkenstraße in Bochum-Gerthe steht eins von tausenden von Lagern, die ab 1940 eingerichtet wurden. Allein in Bochum vegetierten Ende 1944 ca. 32500 ZwangsarbeiterInnen -1/7 der Gesamtbevölkerung- in über 150 KZ-ähnlichen Lagern.
Alle Unternehmen, Behörden, Kirchen forderten Zwangsarbeiter_innen an. Die meisten Lager wurden in Eigenregie der Profiteure geführt, allerdings betrieb das KZ Buchenwald in Bochum zwei Außenlager. Die Überlebensbedingungen in den Lagern waren undenkbar schlecht: Krankheiten, Hunger, Schläge, auch in Gerthe 14-stündiger Arbeitstag auf der Zeche Lothringen.
Am 8. Mai 1945 überfiel eine institutionelle Gedächtnislosigkeit die Ausbeuter der Zwangsarbeiter_innen. Aber auch große Teile des späteren westdeutschen Staatsapparates wie auch größte Teile der Bevölkerung waren gekennzeichnet durch eine kollektive Amnesie. In Bochum hat die VVN-BdA Bochum immer wieder auf das Schicksal der Zwangsarbeiter_innen hingewiesen, von denen auf dem Hauptfriedhof Bochum ca. 1800  in ungepflegten Gräbern lagen.
In viele Lager wurden nach 1945 „Ostflüchtlinge“ gesteckt. In Gerthe waren es Jungbergleute, später „Gastarbeiter“. Die Zeche arbeitete bis 1966.
Als ab 1990/91 das Thema „Entschädigung“ von ZwangsarbeiterInnen allmählich auf die Tagesordnung kam, wurde von allen Profiteuren der Zwangsarbeit gemauert, verleugnet, gelogen, abgewiegelt. Schätzungen belaufen sich bis auf 700 Milliarden Euro, die das deutsche Kapital durch ZwangsarbeiterInnen verdient hat und die mithalfen, das spätere „Wirtschaftswunder“ in der BRD in die Wege zu leiten. Schließlich einigte „man“ sich darauf, den noch lebenden ZwangsarbeiterInnen nach umständlichen, oft ergebnislosen, Prozeduren ein Trinkgeld zu zahlen. 75% davon trugen die Steuerzahler_innen, die Profiteure selbst kamen billig davon. Ca. 2,5 Milliarden Euro, von über 6000 Unternehmen aufgebracht, sind ein Schnäppchenpreis angesichts der Profite.
Das Lager in Gerthe sollte wie tausende anderer Lager abgerissen werden, auch weil der Boden, auf dem das Lager stand, mit Industriegiften verseucht war. StudentInnen der Ruhr-Uni gelang es in mühseligen Verhandlungen ab 1983 ein alternatives basisdemokratisches Wohnprojekt (Foto) zu entwickeln. Einen Schock erlebten sie 2001, als sie erfuhren, dass sie in inzwischen von ihnen umgebauten Baracken lebten, in denen vor wenigen Jahrzehnten Zwangsarbeiter_innen lebten und starben. Die StudentInnen gründeten den Verein „Bewahren durch Beleben“. Bei den Arbeiten zur Abtragung des vergifteten Bodens kamen Dinge zum Vorschein, die den ErstbewohnerInnen des Lagers gehört haben müssen: Von Tassen bis zum Essbesteck wurden die Funde in einem ehemaligen Maschinenhaus eingerichteten kleinen Museum gesammelt. Einige Zeit spielte alle 4 Wochen in öffentlich bekannt gemachten Vorstellungen eine Schauspielerin Klawdija, ein Mädchen aus der Ukraine, von Deutschen verschleppt nach Gerthe ins Lager. Sie erzählte bei einem Gang durch das Gelände von ihrem elenden Leben und Tod in Gerthe. Alle BesucherInnen waren tief erschüttert und meinten, mehr über Zwangsarbeit im Faschismus während der Vorführung gelernt zu haben als durch –zig Bücher zum Thema.
Seit 2005 wird das ehemalige Lager als Denkmal anerkannt.
Aus dem Ort der Unmenschlichkeit ist ein Menschenort geworden.
Heute leben ungefähr 50 Erwachsene mit ca. 20 Kindern in dem Projekt, das nun eine selbstverwaltete Genossenschaft ist.
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Wolfgang Dominik, Jg.: 1944, ehemals Lehrer für Geschichte, Soziologie, Psychologie, Religionskritik. Mitglied der DFG-VK, VVN-BdA, GEW, seit „ewigen“ Zeiten auch aktiv im Friedensplenum Bochum

 
 
 
 


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