Mittwoch 16.11.16, 00:01 Uhr
16.11.2016 – Jahrestag der Ermordung von Ivan Khutorskoy

„sette anni senza te – sette anni con te“

Vor sieben Jahren, am 16. November 2009, wurde der Anarchist und Antifaschist Ivan Khutorskoy in Moskau von Nazis erschossen. Einige Wochen zuvor hatte die Gruppe Azzoncao Ivan Khutorskoy auf einer Veranstaltung in Moskau kennengelernt. An dieser Stelle will sie an ihn erinnern:
Anlässlich des Mordes an Carlos Palomino am 11.11.2007 in Madrid begann unsere langjährige Auseinandersetzung mit rechter Gewalt in Europa. In diesem Rahmen organisierten wir Veranstaltungen, Filmvorführungen und Demonstrationen, fuhren ins Ausland für Solidaritätsdemonstrationen und Gedenkkundgebungen, führten in Rom, Mailand, Madrid, St. Petersburg und Moskau Interviews, inszenierten Graffiti-Aktionen in Bochum (siehe auch In Erinnerung an Ivan Khutorskoy – uno di noi undKaltland – Der Tod bleibt ein Meister aus Deutschland) und erstellten zwei Filme (z.B. uno di noi) zu diesen Graffiti.

So demonstrierten wir am 7. Februar 2009 anlässlich der Morde an Anastasia Baburova und Stanislaw Markelow in Moskau vor dem russischen Konsulat in Düsseldorf. Im folgenden März organisierten wir im Bahnhof Langendreer eine Veranstaltung zur antifaschistischen Bewegung in Russland. Ein russischer Antifaschist zeigte den Film „Antifascist Attitude“ und berichtete von dem Alltag russischer AntifaschistInnen.

Im September 2009 fuhren wir nach Moskau und St. Petersburg (Reisebericht), wo wir Katya, die Freundin des ermordeten Antifaschisten Feodor Filatov, und Irina, die Mutter des ermordeten Timur Kacharava, interviewten.
In Moskau lernten wir Ivan Khuturskoy kennen.
In Erinnerung an ihn veröffentlichen wir hier noch einmal unseren Text„In Erinnerung an Ivan Khutorskoy – uno di noi“ aus dem Jahr 2010:
Heute, am 30. Mai 2010, erstellten wir mit Hilfe einer Graffiti-Crew für unseren antifaschistischen Genossen Ivan Khutorskoy ein Graffito in Bochum. Ivan wurde am 16. November 2009 im Eingang seines Wohnhauses in der Khabarovsk Straße im Osten von Moskau von Nazis ermordet. Von hinten schoss man ihm zwei mal in den Nacken.
Ivan, auch „Vanya Kostolom“ genannt, war ein Moskauer Skinhead, Anarchist und Antifaschist. Er gehörte zu der kleinen Gruppe von Moskauer AntifaschistInnen, die vor Jahren begann sich gegen die Gewalt der russischen Nazis aktiv zur Wehr zu setzen. Dies ging angesichts der mörderischen Gewalt der Nazis in Moskau nur mit Gegengewalt. Ivan war ein ausgezeichnet mutiger und guter Kämpfer, darüber Organisator von Schutzgruppen für Seminare, Pressekonferenzen und Konzerte der russischen Opposition und selbst angehender Jurist. Er wurde zu einem der meist gehassten Feinde der russischen Nazis. Obwohl schon drei mal Nazis gegen ihn Mordanschläge verübten, war er weiterhin gegen sie aktiv. Das machte ihn zu einem Vorbild der jungen nachwachsenden Antifaszene Moskaus. Das Engagement von ihm und anderen AntifaschistInnen bahnte der heutigen antifaschistischen Bewegung Moskaus den Weg und gab ihr ihr Selbstbewusstsein.
Mit Ivan Khutorskoy ist ein großartiger Genosse ermordet worden.

„Im September 2009 waren einige von uns in Moskau und St. Petersburg, um sich ein Bild von der antifaschistischen und anarchistischen Bewegung Russlands zu machen. Und um Interviews mit Angehörigen und Freunden der ermordeten Antifaschisten Feodor Filatovs und Timur Kacharavas zu führen. Am letzten Abend unserer Russland-Reise zeigten wir im Moskauer Jerry Rubin Club den Film „uno di noi“. Von den ca. 40 Antifaschistinnen waren rund 25 Skinheads und Renees. Als wir auf den Hof vor dem Jerry Rubin traten, sprach uns ein kräftiger Skinhead an. Er bedankte sich für den Film und die Erinnerung an Feodor. Als Geschenk überreichte er uns eine CD der antifaschistischen Moskauer Hardcore Band „What we feeel“. Wir revanchierten uns mit unserem Film und der schwarzen „Antifaschistische Aktion“ – Fahne, die auf dem bekannten Foto mit ihm zu sehen ist. Denn es war Ivan Khurtorskoy, der uns ansprach. Er lud uns ein, mit zu einem Punkkonzert zu kommen, wo er mit seinen Jungs von der „bonebreaker crew“ die Security machen würde. Wir fuhren mit ihnen in der Moskauer U-Bahn zu einer Metrostation, die als Schleusungspunkt für das klandestine Konzert diente. Von dort ging es weiter zur Moscva. Auf dem Weg zum Fluß zeigte man uns die Stelle an der Anastasia Baburova und Stanislav Markelov am 19. Januar 2009 von Nazis erschossen worden waren.

Der Abend war sehr schön und die Moscva lag schwarz in der Stadt, als wir über sie gingen und aus der Ferne den beleuchteten Kreml sahen. Die ganze Zeit unterhielten wir uns mit den Jungs der „bonebreaker crew“, die die Gegend inspizierten. Da wir am nächsten Tag zurück flogen, mußten wir uns frühzeitig verabschieden. Die crew brachte uns zur Metro zurück. Ivan blieb. Als wir die Treppen zur Brücke über die Moscva hochstiegen, drehten wir uns noch einmal um und sahen wie Ivan an dem Ufer der Moscva entlang in die entgegen gesetzte Richtung ging. Ein kräftiger Skinhead in einer grünen Bomberjacke und mit einer Schirmmütze, wie er allein durch die Nacht ging. Dies ist das letzte Bild was wir von ihm im Kopf haben.

Das Bild, dass uns einige Wochen später durch den Kopf ging, als russische Freunde uns über den Mord per sms informierten. Wir konnten es nicht fassen und riefen unsere Freunde in Moskau an. Wir hofften fast, dass es eine Verwechslung sei und befürchteten die Bestätigung, die wir dann auch erhielten.
Auf der Suche nach passenden Worten zur Erinnerung an Ivan. Und an passenden Worte für seine Familie, Freunde und GenossInnen, ließen wir uns von unserem letzten Bild von Ivans leiten. Dem Bild eines Mannes, der im Dunklen der Nacht seinen Weg geht. Deshalb wählten wir als Überschrift für das Graffiti die Textzeile des Tom Robinson Band – Liedes „Power in the Darkness“ aus.
Denn genau diesen Eindruck vermittelte uns Ivan. Er war „Pover in the Darkness“.
Zu den Gedichtszeilen kamen wir wie folgt:
Auf einer Veranstaltung im Ruhrgebiet ereignete sich vor einigen Jahren Folgendes. Der uruguaische Literat Mauricio Rosencof befand sich auf eine Rundreise zur Vorstellung eines seiner Bücher. In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um seine über 11 Jahre andauernde Isolations- und Folterhaft, die die Diktatur Uruguays ihm als Ex-Führungsmitglied der uruguayischen Guerillabewegung Tupamaros aufzwang. Ein Genosse, der extra zur Begrüßung des lateinamerikanischen Revolutionärs ein schwarz-rotes Halstuch umhatte, fragte ihn nach seinem Hass auf das System. Mauricio Rosencof war sichtlich irritiert über die Frage nach Hass. Nicht Hass hatte ihn die Haft überwinden lassen, nicht Hass hatte ihm seine Menschlichkeit erhalten lassen können.

Aus diesem Grund wählten wir die Zeilen aus dem Gedicht „Dein Lachen“ des chilenischen Dichters Pablo Neruda:
“Meine Liebe, auch in der dunkelsten Stunde lass dein Lachen aufsprühn, und siehst du plötzlich mein Blut als Pfütze auf den Steinen der Straße, so lache, denn dein Lachen wird meinen Händen wie ein frisch erglänzendes Schwert sein.”
Wir werden Ivan Khutorskoy nicht vergessen!
Azzoncao, ein Polit-Cafè (Mai 2010)

Dein Lachen
Nimm mir das Boot weg, wenn du
es willst, nimm mir die Luft weg,
aber laß mir dein Lachen.
Laß mir die Rosenblüte,
den Spritzstrahl, den du versprühst,
dieses Wasser, das plötzlich
aufschießt in deiner Freude,
die jähe Pflanzenwoge,
in der du selbst zur Welt kommst.
Mein Kampf ist hart, und manchmal
komme ich heim mit müden
Augen, weil ich die Welt
gesehn, die sich nicht ändert,
doch kaum trete ich ein,
steigt dein Lachen zum Himmel,
sucht nach mir und erschließt mir
alle Türen des Lebens.
Meine Liebe, auch in der
dunkelsten Stunde laß dein
Lachen aufsprühn, und siehst du
plötzlich mein Blut als Pfütze
auf den Steinen der Straße,
so lache, denn dein Lachen
wird meinen Händen wie ein
frisch erglänzendes Schwert sein.
Und am herbstlichen Meer
soll deines Lachens Sturzflut
gischtend himmelwärts steigen,
und im Frühling, du Liebe,
wünsche ich mir dein Lachen
als Blüte, lang erwartet,
blaue Blume, die Rose
meines klingenden Landes.
Lache über die Nacht,
über den Tag, den Mond,
lache über die krummen
Gassen unserer Insel,
lache über den Burschen,
den Tolpatsch, der dich liebt,
aber wenn ich die Augen
öffne, wenn ich sie schließe,
wenn meine Schritte fortgehn,
wenn sie dann wiederkommen,
nimm mir das Brot, die Luft,
nimm mir das Licht, den Frühling,
aber niemals dein Lachen,
denn sonst würde ich sterben.
(Pablo Neruda)

Und hier der großartige Film aus dem Jahr 2013 zu Ivan:
SAD BUT TRUE: IVAN. IN MEMORY OF OUR FRIEND.

 
 
 
 


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