Rede zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus und Krieg am 5. Mai 2015 in Bochum
Mittwoch 06.05.15, 15:09 Uhr

Günter Gleisung, Vorsítzender der VVN-BdA

Liebe Bürgerinnen und Bürger!
Kameradinnen und Kameraden!
Am 8. Mai 1945 wurde Europa von dem verbrecherischen System des deutschen Faschismus und seinem Krieg befreit. Mehr als 55 Millionen Menschen waren zuvor Nazi-Terror, Holocaust und Vernichtungskrieg zum Opfer gefallen. Millionen Menschen auf der ganzen Welt bezahlten den deutschen Griff nach der Weltherrschaft mit unvorstellbarem Leid.
Anstifter und Nutznießer des Raub- und Vernichtungskrieges waren deutsche Banken und Konzerne, allen voran die Schwerindustrie an Rhein und Ruhr, die Chemie- und Rüstungsindustrie. Die deutsche Wirtschaft profitierte von der „Arisierung“ und der Ausbeutung von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern ebenso wie von der Ausplünderung der besetzten Länder.
Wir als heute Lebende verdanken die Grundlagen eines Lebens in (relativen) Frieden den Siegern des 8. Mai. Die alliierten Streitkräfte, unter denen die Rote Armee die größte Last und Opfer des Krieges in Europa zu tragen hatte, sind auch unsere Befreier.
Ihre Rolle, die Bedeutung des antifaschistischen Widerstandes und die geschichtliche Wahrheit über Ursachen und Folgen des Faschismus zu bekräftigen, ist eine unerlässliche Pflicht – auch für die kommenden Jahrzehnte.
Liebe Bürgerinnen und Bürger!
Kameradinnen und Kameraden!
Im Ruhrgebiet ging der Krieg am 18. April 1945 zu Ende. Die britischen und US-amerikanischen Truppen hatten, von Westen kommend, das gesamte Ruhrgebiet umfasst und die Wehrmacht unter Führung des Hitler-Vertrauten und Kriegsverbrechers Generalleutnant Walter Model eingeschlossen. Nach schweren Kämpfen erfolgte in Iserlohn die Kapitulation.
Es gab keinen Jubel. Aber die Menschen waren erleichtert, dass der Kampf zu Ende ging, das Blutvergießen aufhörte. Gleichzeitig wurden im Ruhrgebiet in diesen Tagen viele schwere Verbrechen der Nazis bekannt.
Hitler mit dem sog. „Nerobefehl“ und seine Gauleiter hatten in den letzten Kriegswochen und -tagen befohlen, die wichtigsten Industrieanlagen im Revier ebenso zu vernichten wie die Infrastruktur. Brücken und Verkehrswege wurden zerstört oder vermint. Noch am 10. April – Alliierte Truppen befanden sich schon in Bochum – zerstörte ein Trupp von SS-Elitesoldaten Teile der Hauptpost und die Einrichtungen des lebenswichtigen Bochumer Fernmeldeverkehrs.
In den letzten Kriegstagen erfolgte von der SS und der Gestapo die Anweisung, die KZ-Außenlager und die Gefängnisse zu räumen.
Aus den beiden Bochumer Außenlagern des KZ Buchenwald wurden am 21. März 1945 über 2.000 KZ-Häftlinge unter katastrophalen Bedingen nach Buchenwald zurück transportiert. Etwa 40 von ihnen überlebten die Torturen des Transportes nicht.
Am 5. April ermorden Erschießungskommandos in Wattenscheid und
Riemke 28 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Am 14. April erschießen verhetzte HJ-Angehörige direkt an der Ruhr in Dahlhausen noch 3 Zwangsarbeiter.
Diese Verbrechen stehen für eine Vielzahl von Verbrechen, wie sie überall im Ruhrgebiet von den Nazis verübt wurden.
Liebe Bürgerinnen und Bürger!
Kameradinnen und Kameraden!
Einige Erklärungen zu diesem Ort und der Tafel.
Etwa 60 Meter hinter mir, in einer beschlagnahmten Villa der Bergstr. 76, befand sich seit 1942 die Bochumer Dienststelle der Geheimen Staatspolizei.
Die Gestapo war im April 1933 vom preußischen Ministerpräsidenten Göring zur „Bekämpfung des Bolschewismus“ geschaffen worden.
Sie wurde sofort das umfassende Instrument um gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Kriegsgegner u. a. vorzugehen. Die brutalen Verhöre der Gestapo bedeuteten in einer Reihe von Fällen den Tod.
Mit dem Krieg und dem Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern wurde die Gestapo bei Flucht und angeblichen Verfehlungen auch für diesen Personenkreis „zuständig“.
Zur Gestapo ins Polizeipräsidium an der Unlandstraße und später in die Villa an der Bergstraße wurden viele Bochumer Juden vorgeladen, drangsaliert und vielfach zur Deportation in ein Konzentrationslager „überwiesen“.
Wenige Tage vor dem Einmarsch der Alliierten hat die Gestapo die Auflösung des Polizeigefängnisses im Polizeipräsidium Uhlandstraße und der Zellen in der Gestapo-Zentrale an der Bergstraße vorgenommen.
Dies betraf ungefähr 350 Häftlinge. Ein Teil wurde freigelassen, ein Teil zum Gefängnis Krümmede gebracht.
Eine dritte Gruppe Häftlinge transportierte man nach Dortmund zur Gestapo nach Hörde. In dieser letzten Gruppe befanden sich auch die drei Bochumer Kommunisten Eversberg, Schröter und Wiegold, die nach ihrer Ankunft in Dortmund-Hörde dort von der Gestapo in der Bittermark erschossen wurden.
Für den letzten im Keller der Bergstraße verbliebenen Teil von 20 – 30 Häftlingen wurde “Sonderbehandlung” angeordnet.
Sonderbehandlung hieß Mord. In der Nacht vom 25. – 26. März 1945 begannen mit der Erschießung von “zwei Russen” die „Morde in der Bergstraße“, wie es später in einer Zeitung hieß. Die letzten Morde geschahen am 8. April. Die genaue Anzahl der Getöteten ist heute nicht mehr feststellbar. Feststeht, dass 20 von der Gestapo Erschossene in Bombentrichtern im Stadtpark notdürftig verscharrt wurden.
Unser langjähriges Mitglied, der Bochumer Widerstandskämpfer  Emil Schevenerdel (1907 – 1988) hat 1945 als Hilfspolizist an den von der britischen Besatzungsbehörde angeordneten Ausgrabungen der Leichen im Stadtpark teilgenommen.
„Sie sahen aus wie Totgeschlagene, die Hände waren auf dem Rücken mit Stacheldraht zusammengebunden“, berichtete er später.
Die Ausgegrabenen wurden auf dem Friedhof Freigrafendamm bestattet.
Von den hier Erschossenen sind nur die Namen der zwei Widerstandskämpfer Straube und Hüser bekannt. Die Namen der russischen und polnischen Zwangsarbeiter sind unbekannt.
Diese schlichte Gedenk- und Informationstafel wurde 2008 auf Anregung der VVN von der Stadt hier aufgestellt.
Ich bitte jetzt um einen Augenblick der Stille, während ich die (bekannten) Namen der Männer vorlese, die von der Gestapo bei Verhören, durch Folterung oder Erschießung hier oder im Polizeipräsidium den Tot fanden:
Wilhelm Hüser aus Castrop-Rauxel. Anfang April 1945 hier erschossen.
Adolf Straube aus  Castrop-Rauxel, bis 1933 Abgeordneter im  Provinziallandtag. Anfang April 1945 hier erschossen.
18 Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion, Anfang April 1945 hier erschossen.
Die weiteren bekannten Opfer, die in den Fängen der Bochumer Gestapo den Tod fanden
Friedrich Wilhelm Espenhahn
Richard Greschok
Hermann Hinz
Julius Hoffmann
Eduard Japs
Benno Kier
Karl Kirsch
Karl Nieswandt
Emil Skeris
Paul Slossalo
Stefan Spichalski-
Karl Springer.
Wilhelm Wischermann.
Otto Wachhorst.
Danke!
Zum Schuss möchte ich an die Worte des kürzlich verstorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker erinnern, der am 8. Mai 1985 während einer Gedenkstunde im Deutschen Bundestag sagte:
„Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von einem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.“
Es ist bezeichnet für die politische Kultur in Deutschland seither, dass von Befreiung heute kaum noch einer reden will und wieder von „dem Kriegsende“ gesprochen wird.
Ich möchte abschließend noch auf den „Rundgang zu Ehren der Opfer des Faschismus“ auf dem Friedhof am Freigrafendamm erinnern und hinweisen, der am kommenden Freitag stattfinden und zu den Gräbern und Grabstätten führen wird.
Es spricht jetzt zu uns: Sevim Dagdelen, die ihre Sitzungswoche des Bundestages unterbrochen hat, um heute hier zu uns sprechen zu können.

 
 
 
 


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