Mittwoch 01.04.15, 11:32 Uhr

“Ein Schlag ins Gesicht”

Rede von Svenja Börding, ver.di Ver­trau­ens­frau Sozialarbeit, anlässlich der Streikkundgebung im Sozial- und Erziehungsdienst am 27.3.2015

Liebe Kolleginnen und Kollegen oder eher liebe Trauergemeinde,

ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich höre, wie die ersten Verhandlungen gescheitert sind, rollen sich mir die Zehennägel hoch. „Ja ihr leistet gute und wichtige Arbeit, aber diese sooo wichtige Arbeit durch eine angemessene Bezahlung aufzuwerten, sind wir nicht bereit“??? Ich empfinde das als einen Schlag ins Gesicht. Das zeigt mir, wie wenig die Arbeit mit Menschen in Deutschland wert ist. Den Politikern, als auch den Arbeitgebern scheint überhaupt nicht klar zu sein, was wir jeden Tag leisten.

Wir werden dafür bestraft, weil wir keinen Profit durch unsere Arbeit machen? Weil wir keine „fertigen Produkte“ nachweisen können? Ja stimmt. Wir unterstützen und begleiten ja NUR Menschen in jeder Altersklasse und mit allen Problemen, damit sie überhaupt eine Chance haben, sich zumindest halbwegs in unserer Gesellschaft zurecht zu finden bzw. schlicht und einfach zu überleben! Und wer immer noch der Meinung ist, dass dies mit ein wenig reden beim Kaffee erledigt ist, dem kann ich nur sagen: „Schön wäre es!!“

Ich arbeite beim Jugendamt in der Jugendförderung als Straßensozialarbeiterin. Vorher habe ich in unterschiedlichen Bereichen gearbeitet: Als Erzieherin in Kindertageseinrichtungen, im Wohnheim für erwachsene Menschen mit Behinderungen und psychischen Störungen, im Kinderheim, beim Sozialen Dienst, Pflegekinderdienst etc. Ich will damit sagen, dass ich die unterschiedlichen Bereiche und die Arbeit vor Ort kenne. Deshalb erlaube ich mir zu sagen, dass viele Kolleginnen und Kollegen vor Ort zum Teil trotz schlechten Bedingungen, trotz verhältnismäßig schlechter Bezahlung und trotz beschissenen Arbeitszeiten noch immer alles dafür geben, um den hilfebedürftigen Menschen zu helfen!

Als Straßensozialarbeiter unterstützen wir Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 27 Jahren. Viele dieser jungen Menschen haben zuvor schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen, Institutionen, Ämtern und Behörden gemacht, sodass wir ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Sensibilität und Geduld an den Tag legen müssen, um einen Zugang zu ihnen zu finden. Neben einem guten Fingerspitzengefühl müssen wir in der Lage sein, sehr intensive Beziehungsarbeit zu leisten und aber dabei unsere professionelle Distanz zu wahren. Das bedeutet, wir müssen all die grausamen Geschichten und Schicksale unserer Klienten los lassen können, wenn wir Feierabend haben und das oftmals ohne Supervision. Das ist manchmal nicht leicht. Das wissen wir alle.

Anscheinend ist das unseren Politikern und Arbeitgebern gar nicht bewusst. Wir reden nicht von normalen Alltagsproblemchen, sondern von existenziellen Problemen wie:
Hohe Schulden, Obdachlosigkeit, Gewalt durch die eigene Familie, Verfolgung, ungewollte Schwangerschaften, Missbrauch, Drogen und Alkohol, Spiel- und Internetsucht, berufliche Per­s­pek­tiv­lo­sig­keit, psych. Erkrankungen, ein gefährdeter Aufenthaltsstatus und und und… Leider ergibt sich meistens eins aus dem anderen, sodass mehrere der genannten Probleme gleichzeitig vorhanden sind.
Jeder von uns kennt das! Oft wissen wir nicht, wo wir anfangen müssen. Zunächst müssen wir in den meisten Fällen Schadensbegrenzung betreiben und erst einmal die Existenz der Menschen sicherstellen. Die richtige Arbeit geht dann erst los. Wir sind das Bindeglied dieser Menschen zu unserer Gesellschaft und das ist gut so!!

Ich unterstelle mal, dass keiner von uns diese Arbeit macht, um damit reich zu werden, sondern weil wir einen Sinn darin sehen, Menschen in schwierigen Lebenslagen zu helfen, damit sie nicht untergehen. Dennoch sage ich, ich möchte dass diese tatsächlich wichtige und hoch anspruchsvolle Arbeit auch in der Gesellschaft als solche registriert wird!! Wir tanzen nicht unsere Namen und unser Alltag besteht nicht aus Rin­gel­piez mit Anfassen!! Ich lehne mich mal etwas aus dem Fenster und behaupte, Ärzte und Therapeuten verbessern die Lebensqualität der Menschen. Das machen wir auch!! Lehrer vermitteln Bildung. Das machen wir auch!! Auch wir haben studiert und damit einen akademischen Abschluss. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass wir dagegen lächerlich bezahlt werden!! Ich habe, wie viele auch, eine 4 jährige Ausbildung zur Erzieherin absolviert. Davon 3 Jahre ohne Bezahlung. Weitere 4 Jahre Studium, welches ich nur über Arbeit nebenbei finanzieren konnte. Auch das kennt ihr selber!

Auch da war mir klar, dass ich nicht viel mehr verdienen würde, aber sind wir mal ehrlich: Andere Akademiker würden sich die Finger nicht schmutzig machen für unser Gehalt!!! Wenn ich bedenke, dass wir oft nicht wissen, was uns erwartet, wenn wir junge Menschen bei sich zu Hause oder auf dunklen Spielplätzen oder Parkplätzen allein aufsuchen. Ob Alkohol oder Drogen im Spiel sind und wie sie auf uns reagieren. Mir stellt sich die Frage, wie wir jungen Nachwuchskräften unsere Arbeit somit schmackhaft machen sollen?? In Heimeinrichtungen beispielsweise, müssen sich die Jugendlichen einer Hausordnung unterwerfen, damit ein Gruppenleben funktioniert. Das führt zu täglichen Konflikten. Ich selber wurde während meiner Arbeit dort 2-mal körperlich angegriffen und ich denke, dass auch das viele von euch kennen. Ich möchte hier betonen, dass wir selbstverständlich nicht bewaffnet sind oder Schutzkleidung tragen. Wir sind in solchen Situationen auf uns allein gestellt.

An dieser Stelle wieder die Frage: Ist unser Gehalt angemessen?? Viel schlimmer noch: Wie frustrierend ist es, wenn wir dann immer noch als Kaffee schlürfende, bastelnde, klatschende Hirnis wahrgenommen werden?? Die wenigsten Menschen wissen, was es bedeutet, in unseren Bereichen zu arbeiten. Viele wissen gar nicht, was ein Sozialarbeiter so macht. Jeder redet davon, wie hoch die Anforderungen an unsere Gesellschaft geworden sind. Kinder mit Defiziten haben schlechte Voraussetzungen für einen guten Schulabschluss und selbst die 6 Klässler wissen schon, dass eine Hauptschule keine guten Chancen bietet, später dort zu arbeiten, wo sie vielleicht mal hin wollen. Dass nicht alle Kinder und Jugendlichen zu Hause so gefördert werden, wie es vielleicht nötig wäre, wissen wir auch. Diese Kinder und Jugendlichen haben NUR durch unsere mittlerweile breit gefächerte An­ge­bots­pa­let­te,, eine Chance auf einen Platz in unserer Gesellschaft.
Auch die Anforderungen an Eltern sind enorm gestiegen. Die Max Mustermann Familie mit klassischer Rollenverteilung gibt es kaum noch, weil meistens beide Elternteile arbeiten müssen, um ihre Familie zu ernähren. Bei Alleinerziehenden ist es nochmal schwieriger. Und was ist, wenn es keine Großeltern gibt, die unterstützen können? Dann kommen wir wieder ins Spiel!

Ich könnte endlos so weiter machen, aber ich will euch nicht mit Tatsachen langweilen, die ihr alle zu genüge kennt. Vielleicht würde es unseren Politikern und Arbeitgebern gut tun, sich mal wieder unters Fußvolk zu mischen. Ausnahmsweise nicht, um für Kameras zu posieren, sondern um sich mal wieder ein Bild von der Realität zu machen. WIR können uns keine privaten Nannys oder eine 24 Stunden Betreuung für unsere pflegebedürftigen Angehörigen leisten. Vielleicht sind das doofe Beispiele, aber genau da liegt doch das Problem!! Jeder Mensch, der nicht über großen Reichtum verfügt, hat mindestens einmal im Leben mit Menschen wie uns zu tun. Sei es über Kita, Schule, Jugendzentrum, Jugendamt, Sozialamt, in der Altenpflege oder in Beratungsstellen zum Beispiel.

Deshalb macht es mich unglaublich wütend, wenn ich höre, dass Gelder für ein Stadtlogo oder ein Musikzentrum oder oder oder raus gehauen werden, während auf die Arbeit mit Menschen geschissen wird!! Ja, die Gelder kommen aus verschiedenen Töpfen, aber das kann nicht immer wieder als Totschlag-Argument sein!! Das Thema Umverteilung ist schon lange in aller Munde, aber an den entsprechenden Stellen, die Einfluss nehmen könnten, ist dies scheinbar noch immer nicht angekommen!! Stattdessen werden Stellen immer wieder befristet, nicht verlängert und nicht mehr besetzt.

Liebe Politiker und liebe Arbeitgeber, fragt ihr euch ernsthaft noch immer, warum gerade im Sozial- und Erziehungsdienst die Quote der Langzeiterkrankten durch z. B. Burnout so hoch ist?? Erst gestern erzählte eine Kollegin, was an Mehrarbeit für sie anfällt auf Grund von personellen Kürzungen. Dazu wurde ihr untersagt, weitere Überstunden anzusammeln. Wie soll das in Kriseninterventionen beispielsweise funktionieren?? „Chantal hör auf zu heulen!! Morgen um 12 Uhr kannst du weiter erzählen??“ Scherz bei Seite! Leider ist unser Anliegen nicht zum Lachen, sondern bitterer Alltag!! Wie soll zu wenig Personal das Wohl unserer Kinder sicherstellen, wenn wir auf Grund von Personal- und Zeitmangel noch abwägen müssen zwischen dringend und eventueller Lebensgefahr?? Ich persönlich bin gespannt, was passieren würde, wenn wir alle unsere Arbeit dauerhaft niederlegen würden?? Prost Mahlzeit!! Ich hoffe, dass dies nie passiert, auch wenn es einigen Leuten helfen würde, endlich zu verstehen.

Deshalb liebe Kolleginnen und Kollegen, alle denen die Menschen am Herzen liegen: Lasst uns weiter dafür kämpfen, dass wir endlich die Anerkennung bekommen, die wir verdienen!! Ich möchte noch kurz erwähnen, dass unsere Klienten uns im Arbeitskampf durch Plakate, die gerade im Druck sind, unterstützen. Ich möchte ihnen hiermit eine Stimme geben. Sie sind froh, dass es diese Hilfen gibt.

In diesem Sinne. Danke für euer Gehör und auf einen erfolgreichen Arbeitskampf!

 
 
 
 


Terminmitteilungen bitte an
redaktion@bo-alternativ.de