Sonntag 22.12.13, 08:15 Uhr

Cubas Weg der Entwicklung

Der Vorsitzende der Humanitären Cuba Hilfe Klaus Piel hat kürzlich an einer Rundreise des Netzwerk Cuba auf der Karibik-Insel teilgenommen. Anlass war das 20-jährige Bestehen des Dachverbandes der Cuba-Solidaritätsgruppen in der Bundesrepublik. In einem Bericht schildert Klaus Piel seine Eindrücke: »Als wir in Cardenas die neurologische Reha für Kinder besuchten, ein Projekt der DKP, stießen wir in einer Aula auf eine größere Gruppe von „galeanos“. So werden Mediziner und andere im Gesundheitswesen Tätige bezeichnet. Sie lernten dort Portugiesisch. Hintergrund ist die im Juli 2013 durch Initiative von Dilma Rousseff vertraglich vereinbarte medizinische Hilfe Cubas in unterversorgten Gebieten Brasiliens.
So sollen laut einem Bericht der Granma vom 5.11. 2013 bereits 3600 CubanerInnen in Brasilien sein und dort 12 Millionen Menschen versorgen. Bis Ende dieses Jahres wird die Zahl auf 6600 galeanos angewachsen sein, bis Ende März 2014 auf 13000, die dann 46 Millionen Brasilianer v.a. im Nordosten des Landes medizinisch betreuen werden. Beispiellose Zahlen und eine Leistung, zu der kein anderes Land in der Lage wäre. Brasilien kann für diese Hilfe bezahlen und Cuba lebenswichtige Devisen generieren. Gleichzeitig entsteht in Mariel, 45 Kilometer westlich der Hauptstadt, ein leistungsstarker Handelshafen, der auch für Großcontainerschiffe der 5. Generation (Super-Postpanamax-Schiffe) mit einem Tiefgang von 15 Metern zugänglich ist. 950 Millionen Dollar kostet der Neubau, von denen 640 Millionen mit brasilianischen Krediten finanziert werden. Die Bauarbeiten werden in Zusammenarbeit mit einem brasilianischen Baukonzern ausgeführt. Man kann davon ausgehen, dass Cubas medizinische Hilfe in Brasilien die Kosten des Hafenneubaus bereits in 2 Jahren eingespielt haben dürfte.

Sanierungen und soziokulturelle Planungen im Stadtgebiet von Havana
Entlastet durch den Hafenneubau in Mariel wird der alte Hafen von Havana, der nur für Schiffe mit einem Tiefgang bis 11 Metern geeignet ist. Das Hafengebiet wird komplett saniert und umgebaut. Es ist u.a. eine große Promenade angedacht, Restaurants, eine Brauerei, Museen und eine Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe.

All diese Planungen und Ausführungen unterliegen dem Büro des Stadthistorikers Eusebio Leal, welches auch die Gesamtrenovierung des Stadtkerns von Havana plant und durchführt. Bemerkenswert ist, dass die Bewohner nicht vertrieben werden, sondern nach der Sanierung und Restaurierung wieder einziehen können. Viele Schulen, medizinische und soziokulturelle Einrichtungen sind im Quartier geblieben oder neu entstanden wie Polikliniken, eine stationäre Einrichtung für Problemschwangerschaften (Maternidad), Altenwohnungen, Begegnungsstätten, Lehrwerkstätten etc. Finanziert wird die Restaurierung durch die Einnahmen, die man durch Hotels, Restaurants und viele Läden in den bereits sanierten Zonen erwirtschaftet. Ca. 20 Jahre soll es noch dauern, bis die Altstadt durchsaniert ist. Manche Bereiche sind heute schon wie ein Traum, toll restaurierte Häuser und Plätze, Museen, kleine Parks, Kunstobjekte…

Ich konnte bei diesem Aufenthalt einige beispielhafte Einrichtungen besuchen und mir selbst ein Bild vom Gesamtkonzept machen: Gesprochen habe ich zunächst mit Dr. Alexej Capote Rodriguez von der Maternidad in Habana Vieja. In der Einrichtung werden ambulant und stationär Schwangere betreut, die medizinische und/oder psychosoziale Probleme haben. Auf Grund der schlechten Wohnbedingungen des in vielen Bereichen noch immer problematischen Stadtteils gilt bereits eine Zwillingsschwangerschaft als Risiko. Diese Schwangeren werden natürlich auf freiwilliger Basis ab der 20. Woche stationär aufgenommen und betreut. In den letzten etwa 10 Jahren ist es so gelungen, die Kindersterblichkeit von über 10 auf unter 5 /1000 zu drücken, immer noch über dem Landesdurchschnitt, aber doch schon ein beträchtlicher Fortschritt. Auch nach der Geburt kümmert man sich um die Mütter und die Neugeborenen und fördert wie auch in Cardenas Kinder mit Handicaps in einer eigenen Abteilung.
Wenige Straßen entfernt liegt das Geriatrische Zentrum „Dr. Ramon y Cajal“. Die Tageseinrichtung wird von einer Ärztin für Geriatrie, einer Augenärztin, einem Physiotherapeuten und weiteren Kräften betreut und besitzt eine kleine Therapiestation. Ferner konnte ich noch ein Haus mit 18 vorbildlichen Altenwohnungen (fast Hotelcharakter) besichtigen und eine gut und freundlich ausgestattete Begegnungsstätte für Alzheimerpatienten. Insgesamt 4 solcher Häuser mit Altenwohnungen gibt es derzeit im Quartier.
Für die Besichtigung einer Poliklinik habe ich während meinem kurzen Aufenthalt leider keinen Termin bekommen.

Belen, das ehemalige Kloster und jetzt eine große Begegnungsstätte, überstrahlt derzeit alles und hat, materiell betrachtet, so viel mehr als alle mir bekannten Einrichtungen in Cuba. Alle therapeutischen Einrichtungen, die der Geriatrie fehlen (ca. 200 Meter entfernt), hat Belen: eine gut ausgestattete physiotherapeutische Abteilung und sehr viel Platz, während die Geriatrie schon aus den Nähten platzt. Daneben hat Belen eine hochmoderne Wäscherei, auch Lichtjahre entfernt vom Standard der mir bekannten Krankenhäuser in Cuba. Aber die Spitze ist die augenärztliche Abteilung, entsprechend einer top ausgestatteten deutschen augenärztlichen Einrichtung, einem Brillendepot und einer Brillenmanufaktur, die fertige Brillen in 10 Minuten nach der Rezeptur hergestellt hat, für Bifokalbrillen brauchen die Mitarbeiter etwa 1 Stunde. All dies ist gratis, auch die Brillen. Und die Bewohner der Altenwohnungen müssen auch nicht einen kleinen Anteil, wie in Cuba sonst üblich, an den Staat abführen. Diesen Sonderstatus kann man den über Jahre in schlimmen Wohnverhältnissen lebenden Bewohner der Altstadt gönnen und zudem als Modellprojekt begrüßen. Rückblickend muss ich sagen, wie wohltuend, wie würdig der Gesamteindruck all dieser Einrichtungen war: die Zufriedenheit der alten Menschen, ihre Partizipation an Entscheidungsprozessen, ihre ehrenamtliche Einbindung. Sie hatten wieder eine Aufgabe, waren wieder wichtig. Ein Gesundungs- und Verjüngungsprozeß als Teil dieses psychosozialen, therapeutischen Konzeptes. Es wird gebastelt und gespielt, v.a. Domino, es wird gesungen, kleine Aufführungen finden statt, viele Ältere arbeiten ehrenamtlich mit. Man ist sich sehr nahe. Im Obergeschoss hat sich ein Kindergarten eingerichtet. Auf dieser Etage finden, wie in anderen musealen, kulturellen und historischen Einrichtungen auch, Unterrichtseinheiten für Grundschüler statt, ein Angebot, das bei den Kindern sehr beliebt ist.

In der aktuellen deutschen Ausgabe der Granma ist ein sehr gutes Interview mit Eusebio Leal zu finden.
Seine Idee der Stadtentwicklung und – sanierung wird in anderen Städten Cubas mit einer historischen Altstadt aufgegriffen. Auch das wieder aufgebaute Geburtshaus von Fidel und Raul in Biran wird demnächst unter seiner Leitung restauriert. Alle Cubaner die ich auf Eusebio angesprochen habe, haben eine sehr hohe Meinung von ihm und sagen, was Eusebio anpackt, das klappt. Und natürlich ist sein Gesamtkonzept für Cuba, Havana, die Altstadt, den Hafenbereich… grandios. Utopie in Konstruktion nennt Anne Delstanche diesen Prozeß, zu dem sie einen gleichnamigen bemerkenswerten Film gemacht hat .

Neues von der ELAM, der Lateinamerikanischen Hochschule für Medizin
Während der Rundreise konnte die Netzwerk-Cuba-Reisegruppe auch die ELAM besichtigen, die in einen ehemaligen Marinestützpunkt westlich von Havana eingezogen ist. In der ELAM wurden wir von Victor Diaz empfangen, der uns auch die folgenden Informationen gab.

Die ELAM wurde 1998 auf Initiative von Fidel gegründet, nachdem die Hurricans Mitch und George in der Karibik und Zentralamerika vielen Menschen das Leben gekostet hatten. Viele Personen waren verletzt oder erkrankten- und es fehlte an Ärzten. Cuba half auch hier, wollte aber langfristig mit der ELAM die nationale medizinische Versorgung in den betroffenen Ländern verbessern.
2/1999 kamen die ersten Studenten. Vorgesehen war die Einrichtung zunächst für 500-700 junge Menschen, jedoch gab es bereits Ende 1999 1800 Studenten aus 18 lateinamerikanischen Ländern und der Karibik. Später kamen noch Studenten aus Afrika (derzeit 37 Ländern) und den USA hinzu, aus Asien, dem pazifischen und arabischen Raum, aktuell aus 95 Ländern.
Die jungen Menschen, die die spanische Sprache nicht beherrschen, erhalten einen 6 monatigen Intensivsprachkurs. Für alle obligatorisch sind 6 Monate Vorbereitung auf das Studium. 77% schaffen die Prüfung nach dem ersten Jahr. Von diesen 77% schaffen 90 % den Studienabschluss, eine bemerkenswerte Zahl. Inzwischen kann man nach einer nicht bestandenen Prüfung ein Jahr wiederholen. In den ersten 2 Studienjahren wird naturwissenschaftliches Grundlagenwissen vermittelt, aber der Kontakt mit Patienten ist bereits hier obligatorisch.

Danach werden die Studenten auf die Medizinischen Hochschulen Cubas verteilt. Nach 4 Jahren theoretischer und praktischer Ausbildung stehen die Examina an. Bisher wurden 17200 Ärzte ausgebildet.
Aus finanziellen Gründen musste die Zahl der Aufnahmen aktuell von 1300 auf ca.700 Studenten/Jahr reduziert werden. Grundsätzlich sind die cubanischen Botschaften bei der Auswahl der Studenten involviert. Inzwischen zahlen einige ausländische Regierungen (Brasilien, Südafrika, Kongo) Stipendien und haben auch das Auswahlverfahren übernommen. Neuerdings gibt es auch Studenten, die das Studium selbst zahlen. Aber bei ca. 70% der Studenten zahlt immer noch der cubanische Staat.
Die ELAM selbst beschreibt als ihre Aufgabe die Vermittlung von guten wissenschaftlichen Standards, praktischer Erfahrung, humanistischen, ethischen und solidarischen Werten. Sie will Mediziner ausbilden, die in der Lage sind, in ihren Heimatländern die notwendigen Aufgaben zu bewältigen und zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen.«

 
 
 
 


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