Montag 11.11.13, 16:51 Uhr

Erinnerung an das Schicksal von zwei Bochumer jüdischen Familien

SchülerInnen des Geschichte-Leistungskurses am Neuen Gymnasium (Foto) haben zusammen mit ihrer Lehrerin Christine Eiselen über das Schicksal jüdischer Familien nach der Reichspogromnacht 1938 recherchiert. Bei der Gedenkfeier am vergangenen Samstag erinnerten sie äußerst eindrucksvoll an den Leidensweg der Familien Jacob und Seidemann. Nachfolgend das Manuskript des Vortrages:
Heute vor 75 Jahren haben sich hier an diesem Ort in den Nachtstunden viele Bochumer Bürger versammelt, um das zerstörerische Tun insbesondere der SA-Trupps zu beobachten, wenn nicht gar zu unterstützen. Eine Stunde nach der Hetzrede von Goebbels wurde unter der Führung des Gaupropagandaleiters Brust die Bochumer Synagoge in der Wilhelmstraße von innen in Brand gesetzt. In diesem Szenario passte die Feuerwehr nur auf, dass die anliegenden Häuser nicht beschädigt wurden und sorgte mit weiteren Bränden dafür, dass die Synagoge völlig abbrannte. Auch die Innenräume der jüdischen Volksschule wurden beschädigt, ein Kaufhaus in Gerthe und ein Kasino auf der Wittener Straße wurden in Brand gesetzt, und viele jüdische Geschäfte wurden zertrümmert.
Außerdem drangen Gruppen von 10-15 Personen gewaltsam in Privathaushalte ein, verwüsteten die Wohnungen und bedrohten und demütigten die Bewohner.
Am nächsten Tag fand im gesamten Reich eine Verhaftungswelle statt, die sich,  entsprechend der Anweisung an die Gestapodienststellen, insbesondere auf „einflussreiche und vermögende männliche Juden nicht zu hohen Alters“ richten sollte. Insgesamt wurden circa 36000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen deportiert.
Von dort sind die meisten, so wissen wir heute, unter der Bedingung, Deutschland mit ihren Familien zu verlassen, freigelassen worden.
Aus Bochum sind ungefähr 60 Männer verhaftet und nach Sachsenhausen transportiert worden, was durch die Entlassungslisten aus dem Lager belegt wird. Unter diesen waren auch David Jacob und Leo Seidemann. An diesen beiden Personen und deren Familien soll exemplarisch deutlich gemacht werden:
- unter welchen Bedingungen sie seit der Machtübernahme des NS existieren mussten,
- welchen Einschnitt dieser 9.11.1938 für sie darstellte,
- welche Konsequenzen die Auflage, das Land zu verlassen, für sie hatte.

Familie Jacob
Unter den Familien, welche in Bochum unter der antisemitischen Herrschaft des NS- Regimes zu leiden hatten, war auch die Familie Jacob.
Wie David Jacob und Frieda Buxbaum sich kennen lernten, ist nicht bekannt, jedoch wurde 1923 die gemeinsame Tochter Thea in Bochum geboren. Hier verdiente Herr Jacob als selbstständiger Kaufmann den Lebensunterhalt für die Familie.
Das gesellschaftliche Leben der Familie verlief bis 1933 ganz normal. Als Mitglied der jüdischen Gemeinschaft Bochums hatte die Familie auch in diesem gesellschaftlichen Kontext viele Freunde und Bekannte.
Frieda Jacob engagierte sich im Jüdischen Frauenbund und ihre Tochter Thea gehörte einer jüdischen Mädchensportgruppe an.
Zunächst wohnte die Familie in der Kortumstraße 15, dann zog sie 1934 in die Kreuzstr. 13 um. Dort befand sich auch das Kommissionsgeschäft von Herrn Jacob.
1938 verlor David seinen Beruf als Kaufmann. Am 9.11.38 wird David dann, in Folge der Reichspogromnacht, in das KZ Sachsenhausen verschleppt, jedoch schon am 16.12.1938 wieder freigelassen.
Aus seinem Beruf verdrängt muss David Jacob ab November 1939 das Guthaben der Familie auf ein Sicherungskonto überweisen. Der Zugriff auf die Finanzen unterliegt einer massiven Beschränkung, so dass die Ausbildungskosten zur Finanzierung der Ausbildung der Tochter Thea zur Schneiderin nicht genehmigt werden.
Ab 1941 wird David Jacob zur Zwangsarbeit herangezogen, und ab Anfang 1942 wird die Familie Jacob in das Schulgebäude der jüdischen Schule zwangseingewiesen.
Von dort wird die Familie zusammen mit anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinde im April 1942 nach Zamosc deportiert.

Familie Seidemann
Ein weiteres Beispiel ist die Familie Seidemann, die ebenfalls in Bochum lebte. Sie war eine sehr wohlhabende Familie mit vielen Familienangehörigen. Alle Mitglieder der Familie waren wirtschaftlich sehr aktiv und erfolgreich.
Sie waren Inhaber mehrerer Bekleidungsgeschäfte und auch Produzenten von Herrenbekleidung. Aufgrund ihres Einkommens waren sie auch im Besitz etlicher Immobilien und Hausgrundstücken.
Um das Vermögen der Familie zu sichern, versucht die Familie über einen Bruder so viel Geld wie möglich ins Ausland zu bringen. Diese Aktion misslingt. Die Familie sieht sich genötigt die Grundstücke, Immobilien und ihre Produktionsstätten zu verkaufen.
Im Zuge der Arisierung wird das Vermögen größtenteils eingezogen. Aufgrund der Reichsfluchtsteuer wird es der Familie Seidemann schwer gemacht, das Land zu verlassen.
Am 9.11.1938 wird auch Leo Seidemann nach Sachsenhausen deportiert. Am 8.12.1938 kehrte er nach Bochum zurück.
Obwohl die Familie sehr wohlhabend war, konnten sich nicht alle die Ausreise leisten. Nach dem Verbot der Ausreise für Juden im Oktober 1941 wird die Situation aussichtslos.
Leo Seidemann lebte mit seiner Frau Else im Judenhaus an der Franzstraße 11. Von dort wurden beide Ende April 1942 nach Zamosc deportiert.

Entwürdigung, Demütigung, Zerstörung
Welchen existenziellen Einschnitt die Deportation in das Lager nach Sachsenhausen für jeden Einzelnen wie Leo Seidemann und David darstellte, lässt sich durch die Zeitzeugenberichte von Leo Baer und Hans Reichmann belegen, die beide im Zuge der Reichspogromnacht ins KZ Sachsenhausen, in der Nähe von Berlin deportiert wurden.
Leo Baer war ein wohlhabender Bochumer Kaufmann und berichtet in seinen „Erinnerungen“ von dem Weg von Bochum ins KZ. Er und andere Häftlinge wurden an der Nacht des 13. November vom Gefängnis des Polizeipräsidiums zu Bochum nach Dortmund transportiert, wo auch Juden aus umliegenden Städten gesammelt wurden. Dann wurden sie mit der Eisenbahn nach Berlin Oranienburg gebracht und mussten anschließend zu Fuß bis zum KZ laufen.
Auf dem Weg kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Es wurde nur sehr wenig Essen ausgeteilt und in dem Zug durften keine Fenster geöffnet werden.
Die Stimmung der Gefangenen wird geprägt durch Angst, Ungewissheit, sie hoffen aber bei guter Führung der Brutalität und Willkür der Nazis entgehen zu können, so distanzieren sie sich vom Attentäter Gruenspan (bezeichnen ihn als „Fanatiker“).

Die zweite Quelle stammt von Hans Reichmann, einem Rechtsanwalt aus Berlin. In seinen Aufzeichnungen berichtet er von der Ankunft ins KZ Sachsenhausen.
Er schildert wie die eintreffenden Juden in Baracken zunächst nach Name, Beruf, Angehörigen etc. befragt wurden, dann „untersucht“ wurden (d.h. Haare abrasiert, geduscht und in Uniform gekleidet) und anschließend die ganze Nacht Marschübungen auf dem Platz machen mussten. Auch hier ist der Umgang durch äußerste Aggressivität gekennzeichnet. Die Juden werden von den SS-Leuten dauernd beleidigt, geschlagen und provoziert. Reichmann kommen die Aufseher als „braune Teufel“ und „Wölfe“ vor. Er sagt, dass sie unter einem „Prügelwahn“ leiden würden. Allerdings werden manche Arbeiten (wie z.B. die Befragung) von anderen Häftlingen, die schon länger da sind, durchgeführt. Diese versuchen, den Neuankömmlingen unauffällig gut zuzureden.
Die Baracken, in die sie einquartiert werden, sind viel zu klein für so viele Menschen. Sie müssen Kenzeichen annähen und Arbeiten leisten.
In  beiden Berichten kommt Angst und auch ein vollständiges Unverständnis für dieses Verhalten sowie Schock deutlich. Sie können nicht verstehen warum sie so behandelt werden, vor allem weil sie alle anständige Menschen und keine Verbrecher sind.
Allerdings waren die Nazis mit ihrer Strategie der Angstverbreitung und psychologischen Unterdrückung, deren Ziel es war die Juden zur Emigration zu bewegen bzw. zu zwingen, in diesem Fall erfolgreich: Reichmann ist nach England ausgewandert.

Zusammenfassung
Sieht man sich das Schicksal der Familien Jacob und Seidenmann an, so kann man an ihnen deutlich die Vorgehensweise des NS- Regimes erkennen.
Zunächst handelte es sich 1933 – 1938 um eine sukzessive Verdrängung der Juden aus dem wirtschaftlichen und öffentlichen Leben. Dies erfolgte durch Gesetzte zur Einschränkung ihrer gesellschaftlichen und politischen Tätigkeiten. Die Nürnberger Rassengesetze vom September 1935 bildeten die gesetzliche Grundlage zur kompletten Entrechtung der Juden.
Am 01. April 1933 fand der Geschäftsboykott von jüdischen Unternehmen statt. Das NS- Regime fühlte sich durch die Kritik „jüdischer Intellektueller im Ausland“ negativ dargestellt. Der Geschäftsboykott diente als Mittel zur Verbreitung des Rassengedanken und fand fast ohne Anwendung von Gewalt am Besitz und an jüdischen Personen statt. Schon 10 Tage später wurde der sogenannte Arierparagraph eingeführt. Dieser diente zur Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, insbesondere aus dem Staatsdienst und aus akademischen Berufen.
Die gewalttätige Verdrängung begann mit der Reichspogromnacht, die sich zu einem Exzess der Gewalt entwickelte. Sie war aus der Sicht der Historiker der Durchbruch für die weitergehenden privaten und behördlichen Zerstörungen jüdischer Existenz. Dies erfolgte, indem die Juden 1939 aus ihren Wohnungen verdrängt und ihre Vermögen zum großen Teil vom Staat eingezogen wurden. Das Verbot der Ausreise für Juden ab 1941 war der Beginn der systematischen Deportationen der Juden und damit ihrer endgültigen Vernichtung.

Arisierung
Es lässt sich deutlich erkennen, dass im Zentrum der Judenverfolgung immer auch der Aspekt des Zugriffs auf deren Vermögen gestanden hat.
So wurden bis 1937 flächendeckend Schikanen an der jüdischen Bevölkerung ausgeführt, die sich von Ort zu Ort an Maßnahme und Ausmaß unterschieden, jedoch als hauptsächliches Ziel die vollkommene Vertreibung der Juden aus Deutschland hatten.
Die sich aus der Zunahme antisemitischer Aktivitäten in Deutschland ergebende hohe Fluchtzunahme wurde von Seiten der deutschen Finanzbehörde genutzt, indem sie eine sogenannte „Reichsfluchtsteuer“ und immer strengere Ausfuhrvorschriften für Wertgegenstände wie Kunstwerke und Gold aber auch für Devisen einführte.
Der endgültige Schritt zur systematischen Verstaatlichung jüdischen Eigentums erfolgte ab 1938. Zu diesem Zweck wurde im April 38 eine detaillierte Vermögensangabe der Juden verordnet, wenn dieses mehr als 5000 RM überschritt. So war es möglich, die wirtschaftliche Teilnahme der Juden in Deutschland zu kontrollieren.
Die Schikanen erreichten ihren Höhepunkt am 09.11.1938 in Form des Novemberpogroms, bei dem ein Großteil des jüdischen Eigentums zerstört wurde.
Auch nach dem Novemberpogrom vom 9.November 1938 wurde kein Halt vor dem verbleibenden Eigentum der Juden gemacht. Es wurden Sühneleistungen für das in der Nacht auf den 10.11.38 zerstörte Vermögen gefordert. Diese Sühneleistungen in Höhe von 1,2 Milliarden Reichsmark, auch „Judenbuße“ genannt, fielen damit so hoch aus, dass die jüdische Bevölkerung gezwungen war, große Teile ihres Eigentum zu verkaufen.
Für das Deutsche Reich ergab sich jedoch so die Möglichkeit, das Haushaltsdefizit auszugleichen, das durch die massive Aufrüstung entstanden war. Die drohende Zahlungsunfähigkeit des Deutschen Reiches konnte so verhindert werden.

Schluss
Die Erfahrungen der Wochen und Monate im Konzentrationslager war für die Häftlinge eine ununterbrochene Qual und eine abgrundtiefe Demütigung. Dazu gehörte auch, dass sie das Land, welches für sie bisher der Lebensmittelpunkt war und das ihre Identität ausmachte, verlassen mussten.
Sicherlich haben alle versucht eine Ausreise aus Deutschland zu erlangen, auch wenn es für sie ein Aufbruch in eine sehr ungewisse Zukunft bedeutete, denn sie waren in der Regel fast mittellos. Der nationalsozialistische Staat hatte dafür gesorgt, dass der Besitz der Juden in seine Verfügungsgewalt kam. So mussten sie sich an ihre Verwandten und Freunde im Ausland wenden, damit diese für sie entsprechende Mittel für Papiere und Überfahrt bereitstellten. Auch mussten diese als Bürgen auftreten, damit sichergestellt war, dass den aufnehmenden Ländern keine Kosten für die mittellosen Flüchtlinge entstehen würden.
Von den 60 Bochumer Männern, die aus Sachsenhausen zurückkehrten, konnten nur  die Hälfte ein Emigrationsland finden. Die anderen wurden im Zuge der endgültigen Judenvernichtung 1942 in die Vernichtungslager deportiert. So geschah es sowohl Leo Seidemann und seiner Frau Else als auch David Jacob, seiner Frau Frieda und seiner Tochter Thea, die nach Zamosc deportiert wurden, und für die unsere Gruppe in diesem Jahr drei Stolpersteine verlegt hat.

 
 
 
 


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