Dienstag 23.10.12, 20:44 Uhr

Abschied vom 35mm-Film

Das Endstation Kino im Bahnhof Langendreer hat seine 35mm-Projektoren gegen einen Server und einen Hochleistungsbeamer getauscht und schreibt dazu: »Über 100 Jahre lang war das Filmevorführen ausschließlich eine mechanische Angelegenheit; laut und ratternd liefen die 35mm-Kopien über Rollen, Walzen, Zahnräder durch die schweren Projektoren, vorbei am glühenden Xenonkolben, an der Lampe, die den Ton abtastet, transportiert vom Malteserkreuz. Liegt der Film nicht richtig drin, schrammt er über Metall, bilden sich schwarze und grüne Laufstreifen auf der Filmkopie. Oder er reißt – das alte Material jedenfalls, das abgenutzte mit Perforationsschäden. Geschieht dies oberhalb der Lampe, stoppt der Projektor, das stehende Bild schmilzt von innen nach außen sofort durch die Hitze – ein unvergessliches Spektakel auf der Leinwand. Dann entfernt man die kaputten Stellen, klebt den Film zusammen, nun fehlen Bilder, als Sprünge im Film fürs Publikum sichtbar und hörbar. Filme sind schwer, 20, 25 Kilo wiegt eine Kopie, verpackt in einzelnen Akten, die für die Vorführung aneinander geklebt werden, oder über zwei Projektoren im Wechsel  fürs Publikum unsichtbar „überblendet“ werden (die kleinen Zeichen oben rechts im Bild, die manchmal auftauchen, helfen dem Vorführer beim Timing). Der Projektionsraum hat seinen eigenen Zauber.
Jetzt wird alles anders, auch im Endstation Kino: Kein Dreck, kein Öl, kein Lärm. Hochladen, Knopfdrücken. Cleane, hypersensible Technik, die von Experten gewartet werden muss, bedeutet Abhängigkeit. Kein Schrauben an der Technik mehr. Trotzdem: das Endstation Kino wird „hybrid“ spielen, d.h. ab und an auch Archivmaterial als 35mm-Kopie. Aus Liebe und aus Nostalgie – denn mit dem 35mm-Film gehen auch die klassischen Filmvorführer. Sie werden kaum noch gebraucht. Deshalb widmet ihnen das Endstation Kino ein lose Reihe, die am Mittwoch, 24.10. um 19.00 Uhr mit Cinema Paradiso startet.
Giuseppe Tornatore erzählt seine Geschichte während der Nachkriegszeit in einer sizilianischen Kleinstadt: ein Junge freundet sich mit dem etwas kauzigen Filmvorführer des örtlichen Kinos an, wird seine rechte Hand und lernt mit ihm und von Filmen – das Kino wird zur Schule der Erziehung. Projiziert wird auf den Marktplatz, die Piazza, für jung und alt, arm und reich, Mann wie Frau, das Kino vereint sie alle. Als bei einem Kinobrand der Vorführer erblindet, wird Totò, der Junge, sein Nachfolger; er verlässt aber bald Kino und Stadt, wird Senator in Rom und kehrt nach etlichen Jahren zurück nach Sizilien: der alte Vorführer ist gestorben – nicht ohne ihm ein Vermächtnis zu hinterlassen, eine Filmrolle.«

 
 
 
 


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