Freitag 09.09.11, 09:10 Uhr

Museumsführung: Immer am Zaun lang

O-Ton Matthias Schamp: »Der Coup ist geglückt: Das von uns begründete “Situative Brachland Museum” ist in Bochum sicher gelandet und hat dabei ‘ne Menge Staub aufgewirbelt. Vermutlich gibt es aufgrund des großen Medienechos in der Stadt viel Neugier und Gesprächsbedarf. Deshalb bieten wir bis zum Ende der Ausstellung am 1. Oktober wöchentlich eine Museumsführung an. Sie ist jeweils abwechselnd samstags und sonntags (genaue Termine auf unserer Homepage “www.brachland-museum.de” unter: Veranstaltungen). Die erste ist an diesem Samstag, 10. September um 15 Uhr. Treffpunkt ist die Einfahrt zur Riff-Halle am Konrad Adenauer Platz. Wer hat, bitte Feldstecher mitbringen. Es geht aber auch ohne.« Die Ausstellung hat sogar schon einen Kunstdieb motiviert, über den Zaun zu klettern und Werke aus dem Museum zu stehlen. Unklar ist, ob diese Aktion zum Ausstellungskonzept gehört. Schließlich ist es das Ziel, den Zaun zu überwinden.

3 LeserInnenbriefe zu "Museumsführung: Immer am Zaun lang" vorhanden:

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9. Sep. 2011, 12:55 Uhr

LeserInnenbrief von ubu:

ist das nicht das gelände , das schon diverse begehrlichkeiten geweckt hat ? da war doch was … wollte da nicht der goosen schon seinen eigenen auftrittsort hinsetzen ? soviel ich weiß, ist das gescheitert, weil er die hohen anschlussgebühren nicht tragen wollte … und der schamp, was hätte er gern dort ? doch nicht die brache ! brachen gibt es so viele hier in und um bochum herum, und wenn es um die artenvielfalt geht, die gedeiht doch viel besser, wenn da kein schamp durchlatscht. und keine gegenstände da über den zaun geworfen werden. und wenn schon da kein schampmuseum gebaut wird, dann soll es mindestens kunscht sein, die auf das gelände geworfen wird. da haben sich einige tierchen bestimmt ganz schön erschreckt. war es nun das interesselose wohlgefallen, oder hat einiges am ende gar gebrauchswert ? ein mann mit kind soll sich da was geholt haben, er wurde beobachtet, fotografiert. schamp dankt dem aufmerksamen bürger und droht dem kunschtfreund mit anzeige, auweia ! kunschtfreund halte durch ! du hast nur runtergeholt von dem gelände, was andere wegwarfen. wenn es ihnen wichtig wäre, hätten sie es nicht auf eine städtische brache geworfen. das tun nur vandalen. matratzen, kühlschränke – was ich auf brachen schon alles sah ! und lecker brombeeren ? da gibt es noch etliche plätzchen in bochum, wo man nicht über zäune muss. der fröhliche wanderer, der eh nicht immer auf ein und dasselbe grundstück muss, verrät sie aber nicht jedem banausen.


 

9. Sep. 2011, 23:13 Uhr

LeserInnenbrief von E. Yips:

Diese Aktion hat meines Erachtens zwei Wirkunsfelder. Zum einen das konkrete reale Geschehen in Bochum. Zum anderen ist da doch das Geschehen in der Ideensphäre. Und vor allem dort finde ich die Konzeption wirkkräftig: Zäune riegeln Orte ab, damit man nicht dort hin kann. Kunst erschließt wiederum emotionale, geistige, reale Orte. Ist es nicht eine schöne Visualisierung dessen, was Kunst leistet, wenn man Kunst über Zäune in abgeriegelte Zonen wirft und dadurch die Käfige etwas durchlässiger macht. Da ist es doch egal, ob man nun einen Rembrandt oder einen Schamp rüberwirft. Ich wünsche den Skeptikern zeitgenössischer Bildfindungen zumindest, dass Ihnen die Poesie dieser Idee zuzwinkert. Wenn der Zweifel danach wieder kommt…auch recht. Man kann sich ja daran gewöhnen, dass im Leben viele Dinge gleichzeitig genial und banal sein können. Lasst wenigstens abundzu die Momente zu, in denen etwas genial erscheint.


 

12. Sep. 2011, 09:49 Uhr

LeserInnenbrief von Matthias Schamp:

Herzlichen Dank E.Yips! Als Klarstellung zu dem vorherigen Beitrag möchte ich noch hinzufügen:
Nein. Frank Goosen wollte nicht auf das Brachgelände seinen Auftrittsort hinsetzen, sondern er wollte lediglich ein in der Nähe befindliches Gebäude zu diesem Zwecke umnutzen. Auf der Brache stehen gar keine Gebäude mehr.
Nein, es gibt derart zentrumsnah keine vergleichbare Brache. Wenn man den Radius weiterzieht, natürlich schon. Der Logik der Stadt zufolge müsste man die nun alle – soweit nicht eh schon geschehen – einzäunen. Derartige Brachen waren für mich die Paradiese meiner Kindheit. Ich habe dort Erfahrungen gemacht, die mein Leben sehr bereichert haben. Erfahrungen, die nun unseren heranwachsenden Indoor-Generationen systematisch vorenthalten werden – vielleicht, um sie so schon mal auf die Gated Communities vorzubereiten, in denen sie irgendwann leben sollen. Wer sich für diese Problemstellung interessiert – hierzu gibt es einen guten Artikel in der Zeitschrift Geo:
http://www.geo.de/GEO/mensch/64781.html
Nein, die Kunst, die im Situativen Brachland Museum ausgestellt ist, wurde nicht weggeworfen. Sie wurde nur über den Zaun geworfen. Dies geschah, weil ein legitimes Betreten des Geländes anders nicht möglich war. Die Werke wurden eigens für diese Ausstellung und die Besonderheiten der damit verbundenen Umstände fabriziert. Sie setzen sich auf vielfältige Weise damit auseinander. Sie verhalten sich keinesfalls feindlich zur Flora und Fauna. Etliche Arbeiten (z. B. von Wolfgang Müller, Yves Chaudouet, Ingold Airlines) gehen sogar besonders darauf ein.
Die Werke werden von mir – soweit möglich – nach Ausstellungsende wieder eingesammelt und das Gelände damit in seinen Ursprungszustand zurück versetzt.
Nein, der Mann, der sich die Werke anzueignen versucht hat – woran er nur durch einen glücklichen Zufall gehindert wurde – war kein Kunstfreund. Die Werke sind von den Künstlern teils mit hohem Aufwand, intensiven Überlegungen und Kosten extra für diese Gelegenheit hergestellt wurden (und dies unentgeltlich!). Jemand hat versucht, die Ausstellung systematisch abzuräumen, um sie zu zerstören – offenbar weil er sich davon provoziert fühlte. Ich hätte es vorher nicht für möglich gehalten, aber der 1. Kommentar lässt es ja auch durchschimmern: Es gibt Menschen die sich dadurch provoziert fühlen, das Künstler unentgeltlich und uneigennützig zur Freude etlicher Mitmenschen eine höchst ungewöhnliche Ausstellung in die Welt setzen – und dies auf einem Gelände, das nicht genutzt wird, womit also niemand auch nur die mindeste Einschränkung erfährt. Erstaunlich!
Wer sich selber ein Bild machen will:
http://www.brachland-museum.de
Es gibt auch noch drei Führungen den Zaun entlang. Die nächste ist kommenden Sonntag (18. September, dann Samstag 24. September, die letzte Sonntag 2. Oktober – alle jeweils um 15 Uhr)
Ihr seid herzlich eingeladen! Matthias Schamp


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