Freitag 15.07.11, 15:30 Uhr
Das Bochumer Forum für Antirassismus und Kultur e.V. nimmt Stellung

Der Rassismus – ein Machtinstrument – „Deutschenfeindlichkeit“ – ein Graffito

An der Bochumer Christuskirche prangt seit einiger Zeit ein Graffito: „Tötet die Deutschen“. Aber statt diese dumme Schmiererei, deren VerursacherInnen nach unserer Kenntnis noch nicht feststehen, zu entfernen, wurde eine Diskussion entfacht, die jeglicher Sachlichkeit, Analyse und kritischen Würdigung entbehrt. In einer Stellungnahme schreibt das Bochumer Forum für Antirassismus und Kultur e.V. weiter: ” Eine absolut realitätsferne Herangehensweise an eine Schmiererei begegnet uns hier. (siehe “Multikulturelles Stammesbewußtsein” auf der website der Christuskirche, Die Redaktion) Eine Herangehensweise, mit der versucht wird, zu implizieren, es gäbe eine breite Masse, die deutschenfeindlich ist und zudem als rassistisch verortet wird, zeugt nicht zuletzt von defizitären Kenntnissen sowohl in historischer als auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht, was den Begriff des Rassismus betrifft. Dies auch vor dem Hintergrund, dass nicht einmal feststeht, wer hinter dieser Schmiererei steht. Eine Vorverurteilung, die jedem demokratischen und rechtsstaatlichen Verständnis widerspricht, ist, gelinde formuliert, verantwortungslos. Der Begriff der „Deutschenfeindlichkeit“ entbehrt jeglicher sachlichen Grundlage, und dient nur einer Polemisierung, derer wir uns als Bochumer Forum für Antirassismus und Kultur e.V. nicht bedienen werden. Die folgende Stellungnahme wird sich daher auf den Begriff des Rassismus beziehen und diesen an dieser Stelle nur anreißen, wohl wissend, dem Begriff in seinem wissenschaftlich, analytischen Umfang nicht gerecht werden zu können.
Der Rassismus kann verschiedene Formen annehmen, in verschiedenen Ausprägungen auftreten. Gemein ist allen Begrifflichkeiten jedoch, dass sie einer bestimmten Idee dienen und deren Umsetzung ermöglichen. Rassismus ist kein individuell empfundenes, möglicherweise aus einer eigenen Ausgrenzung heraus entstandenes Gefühl gegen den, der ihn vermeintlich oder faktisch ausgrenzt.
Viele, auch kritische WissenschaftlerInnen, haben sich bislang mit dem Begriff des Rassismus und seinem historischen Ursprung auseinandergesetzt. Die Umsetzung des Rassismus erfolgt nicht zuletzt über Ausgrenzungsmechanismen. Diese wiederum funktionieren nur, wenn diejenigen, die dies beabsichtigen, auch die erforderlichen Mittel und die Macht hierzu besitzen. Wozu sonst soll der Rassismus dienen? Wohl nicht, um individuellen, gegenüber bestimmten Menschengruppen ablehnenden Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Die Konstruktion des Anderen zur Aufwertung des Eigenen hat eine lange Tradition. Dieses Instrument dient schon seit jeher der Abgrenzung sowie der Ausgrenzung. Minderheiten werden von Mehrheiten ausgegrenzt.
Der Rassismus, als ein Instrument dieser Praxis, ist eine Ideologie und dient nicht zuletzt eben dieser Ab- und Ausgrenzungspraxis. Er hat eine ebenso lange Tradition seit es Ab- und Ausgrenzung gibt. Die Ursprünge sind weit in der Geschichte zu suchen. Schon in den spanischen Kolonien im 15. Jahrhundert sorgte die so genannte „Rassen-Kasten-Gesellschaft“ für die Trennung zwischen den „Guten“ und den „Schlechten“, zwischen den Eroberern und den Eroberten.
Politisches Verantwortungsbewusstsein verlangt daher einen verantwortungsvollen Umgang mit historisch besetzten Begriffen. Dies betrifft auch den Begriff des Rassismus. Nicht zuletzt in diesem Land, in dem der Faschismus seine Berechtigung auf Rassetheorien stützte und damit Millionen von Menschen auf die grausamste Art in den Tod jagte. Der Rassismus ist eine Ideologie und ein Machtinstrument. Eine Ideologie, deren Wertung niemandem zur Disposition freisteht. Denn Rassismus ist kein abstraktes, naturgegebenes oder urmenschliches Gefühl gegenseitiger Antipathie zwischen einzelnen Menschen oder Gruppen, sondern seit jeher ein gesellschaftlich und mit Hilfe der Macht konstruiertes Mittel, das der eigenen Abgrenzung zu den vermeintlich „Minderwertigen“ dient, denen vermeintlich biologische oder ethnische Attribute zugeschrieben werden. Robert Miles definiert den Rassismus auch dahingehend, dass dieser dessen Verwendern nicht nur als Rechtfertigung dient, sondern ihnen auch dabei helfe, die realen materiellen Abstände erklären zu können.
Strukturelle Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft herrschen zwischen den Geschlechtern, zwischen StaatsbürgerInnen und Ausländern, zwischen Deutschen und jenen mit Zuwanderungsgeschichte, zwischen Reichen und Armen, zwischen Erwerbstätigen und Erwerbslosen. Hätte an einer Wand „tötet die Männer“ gestanden, wäre sicher auch nicht die Rede gewesen von einer steigenden „Männerfeindlichkeit“ mit einem Abbild von Frauen, die Morde an Männern begangen haben. Das wäre ganz sicher als Absurdität abgelegt worden.
Macht ist sehr wohl ein Mittel der Mehrheit, diese wird von den gesellschaftlichen Verhältnissen getragen und widergespiegelt. Verantwortungsvoller Umgang mit gesellschaftspolitischen Ereignissen bedeutet nach all dem auch, die Geschichte und die real existierenden Umstände und Strukturen in der Gesellschaft stets im Auge zu behalten. Die Reduktion einer Ideologie, eines seit jeher eingesetzten Machtinstruments auf ein Niveau, das allenfalls dem eines Boulevardblattes entspricht, ist verantwortungslos. Eine diskursive Anschlussmöglichkeit an rechte und neofaschistische Diskurse, wie es in diesem Fall geschehen ist, war daher abzusehen.
Menschen, die nicht nur durch die Gesetzgebung einer ständigen Ausgrenzung ausgesetzt sind, vorzuhalten, sich in eine Opferposition zu begeben, ist mehr als verantwortungslos. Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft wiederum eine Opferposition zuzuschreiben, ist nicht nur verantwortungslos, sondern gefährlich.
Es ist eine Schande, sich dort zu positionieren, wo man den Beifall jener erntet, die, sobald ihnen diese Macht zustünde, den Rassismus in seiner bittersten Form praktizieren würden. Ob diejenigen, die heute so leichtsinnig mit diesem Begriff umgehen, dies dann noch tun würden, bleibt fraglich. In jedem Fall aber erfordert Rassismus als ein historisch besetzter Begriff eine fundierte und kritische Auseinandersetzung.”

2 LeserInnenbriefe zu "Der Rassismus – ein Machtinstrument – „Deutschenfeindlichkeit“ – ein Graffito" vorhanden:

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15. Jul. 2011, 15:43 Uhr

LeserInnenbrief von Kritischer Kritiker:

Der Bochumer Pfarrer Thomas Wessel ist schockiert und die NPD klatscht ihm Beifall. Deutsch-feindliche Elemente haben es gewagt eine Parole an seine Kirche zu sprühen. Die Aufschrift “Tötet die Deutschen” prangt jetzt Passant_innen entgegen. Zugegebenermaßen ist die Drohung jemanden zu töten nichts, was man sich unter guten Freunden sagen würde. Dass diese Parole keinen emanzipativen Gehalt hat, auf diesen Gedanken wären wir auch ohne den schockierten deutschen Pfarrer gekommen.

Wessel, der in der Vergangenheit zusammen mit dem Bündnis “Bochum gegen Rechts”, der CDU, Mili Görüs, einem ehemaligen Bochumer Staatsschützer in einem “breiten Bündnis” gegen den Naziaufmarsch am 25. Oktober 2008 mobil gemacht hatte und dem Bündnis auch die Räumlichkeiten in seiner Kirche für Treffen zur Vefügung stellt, hatte die Parole an der Wand entdeckt und den Staatsschutz und die Öffentlichkeit informiert. Und schon titelt die BILD-Zeitung: “DEUTSCHEN-HASS MITTEN IM REVIER!”. Wessel zu dem Vorfall: „Der Begriff der ‚Deutsch-Feindlichkeit‘ erscheint schräg, dennoch muss darüber geredet werden. Manche Migranten neigen dazu, sich in die Opferrolle zurückzuziehen.“
Der Diskurs der Deutsch-Feindlichkeit wurde von der heutigen Bundesfamilienministerin Christina Schröder in die Debatte eingebracht, die zum rechtsaußen Flügel der Unionsparteien zählt. Unter Migrant_innen sei eine verstärkte Feindschaft gegenüber den Deutschen zu beobachten, die zu Mobbing und Erniedrigung von Deutschen auf Schulhöfen führe.

Dass Migrant_innen tatsächlich diejenigen sind, die im Rahmen von Sarrazin-Debatte, Terror-Hysterie und Kulturkampfdiskurs in der Öffentlichkeit angeprangert und diskriminiert werden, interessiert wenig. Die versuchten Brandanschläge auf Moscheen im letzten Jahr, die Wahlerfolge von “Pro NRW” in Duisburg und anderen Städten, lässt man unter den Tisch fallen. Im Lichte des rassistischen deutschen Mehrheitsdiskurses kommt einem eine Parole wie “Tötet die Deutschen” eher als anti-emanzipativer Verzweiflungsakt vor als als wirklich ernstzunehmend bedrohlicher Rassismus. Denn dafür liegt einfach kein entsprechender gesellschaftlicher Mainstream vor. Die Lebensrealität der allermeisten Migrant_innen in Deutschland ist von ganz anderen Problemen geprägt als vom Phantom der “Deutsch-Feindlichkeit”.

Dass der vermeintlich gegen Rechts engagierte Pfarrer diesen Diskurs aufgreift, entlarvt die ekelhafte Pseudo-Toleranz der deutschen Zivilgesellschaft. Bei groß angekündigten Bratwurstessen gegen Rechts soll ein besseres Deutschland inszeniert werden, während Neonazis in Ruhe marschieren gelassen werden. Antifas, die sich konsequent gegen jene zur Wehr setzen werden als “Provokateure” diffamiert.

“Das darf nicht totgeschwiegen werden. So was an eine Moschee oder Synagoge gesprüht, gäbe einen riesigen Aufschrei”, fügt Wessel an und ist sich nicht zu blöd, einen dummen Spruch ohne gesellschaftliche Relevanz mit dem mörderischen Antisemitismus, sowie der ebenfalls oftmals mörderisch antimuslimischen Hetze in Deutschland gleichzusetzen. Vor dem Hintergrund der Niederbrennung von Synagogen, der Verfolgung und Ermordung von Jüd_innen im Nationalsozialismus, kann man dieses Zitat nur noch als widerwärtig bezeichnen.

Alle gesellschaftlichen Kräfte, deren Antirassismus noch ernst genommen werden will, sollten sich von Wessel scharf distanzieren und dazu beitragen, dass er in allen sich als antifaschistisch sehenden Zusammenhängen geächtet wird.

Gegen NS-Relativierung!
Konsequenter Antirassismus statt deutsche Opferinszenierung!
Gegen Rassismus und Integration!

Links:

NPD-Bericht (via Proxy)

http://freeatvsurfip.info/darmi.php?u=Oi8vbnBkbnJ3LnZzMTIwMTU0LmhsLXVzZXJzLmNvbS9ib3dhdC8%2FcD0xMzQz&b=13&f=norefer

BILD-Zeitung

http://freeatvsurfip.info/darmi.php?u=Oi8vbnBkbnJ3LnZzMTIwMTU0LmhsLXVzZXJzLmNvbS9ib3dhdC8%2FcD0xMzQz&b=13&f=norefer


 

16. Jul. 2011, 21:23 Uhr

LeserInnenbrief von Fragender:

“Eine Herangehensweise, mit der versucht wird, zu implizieren, es gäbe eine breite Masse, die deutschenfeindlich ist”

Ist nicht auch eine kleine Masse bereits zuviel ?


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