Rede von Wilfried Korngiebel an 9. 5.2011 bei der Anti-AKW Mahnwache in Bochum
Montag 09.05.11, 22:00 Uhr

Die Risikozeit der Atomtechnologie übersteigt die Zeit der bisherigen Zivilisation um ein Vielfaches

Wir hören in den letzten Tagen von den Vertretern der großen Industrie immer wieder das Argument, ein Ausstieg, insbesondere ein schneller Ausstieg aus der Atomenergie bzw. der Weg zu erneuerbaren Energien sei zu teuer, sei nicht finanzierbar. RWE-Chef Jürgen Großmann hält Atomtechnologie für vertretbar und will an ihr festhalten. EON-Chef Johannes Teyssen bezeichnet sie als „Brückentechnologie”, ohne uns zu sagen, wie weit diese Brücke spannen und wohin sie tragen soll. Das „Brücken”-Argument ist ein Schein-Argument, das lediglich ablenken soll. Doch ein Herr Teyssen hat Tacheles geredet, indem er die Rede auf den Punkt brachte, um den es wirklich geht, die Kapitalgewinne:

Die Aktionäre könnten „gewiss sein, dass wir bei der langfristigen Neuausrichtung der deutschen Energiepolitik ihre berechtigten Ansprüche zum Schutz des Vermögens wahren werden”, sagt Teyssen. So werde Eon auch die Pannenreaktoren Brunsbüttel und Krümmel nicht freiwillig aufgeben. (taz online 06.05.2011)

Man kann sagen, das läuft nach dem Motto: Geld oder Leben. Der Ausstieg ist aus der Sicht der großen Energieunternehmen nicht gewinnbringend, also darf er nicht sein. In der Logik dieser Funktionäre können wir uns folglich das Überleben nicht leisten, weil das Geld wachsen soll.

Und wir wissen: Die Katastrophen von Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima können sich überall abspielen, wo Atomreaktoren stehen, und ihre Auswirkungen sind auf lange, lange Zeit verheerend.

Die Halbwertszeit, d.h. die Zeit, in der die Hälfte einer radioaktiven Substanz zerfällt und deren Strahlungsintensität entsprechend abnimmt, beträgt z. B. bei Plutonium 239 mehr als 24.000 Jahre. Mit anderen Worten: Hunderttausend und mehr Jahre, in denen Leben zerstörende Strahlung aktiv ist. Auch stillgelegte, einbetonierte Atommeiler wie in Tschernobyl und angeblich sichere Endlager können gefährliche Strahlungen über ungeheuer lange Zeiträume abgeben. Kann man sich diese Zeiträume überhaupt vorstellen? Versuchen wir es!

Vor 100.000 Jahren lebten die Menschen noch in der Altsteinzeit.

Vor etwa 10.000 Jahren begann der Ackerbau mit der Kultivierung von Wildgetreide und entstanden die ersten stadtähnlichen Siedlungen, wie z. B. Jericho.

Erst vor etwa 6000 Jahren bildeten sich Gesellschaften mit Schriftsprache, Stadtkulturen, Verwaltung und Bewässerungssystemen, also das, was wir heute als Hochkulturen bezeichnen.

Erst in der Zeit um 1750 bildete sich mit der aufkommenden industriellen Revolution allmählich etwas von dem heraus, was wir „Wachstum” nennen: die Verwandlung von Geld mittels unfreier Arbeit in mehr Geld. Das heißt: unsere Gesellschaften kennen das mit dem Bild des „Wachstums” verbundene Wirtschaftsmodell seit höchstens 250 Jahren. Heutzutage ist dieses „Wachstum”, das uns als unsere zweite Natur erscheinen soll, alltäglich ablesbar an Börsenkursen, Handelsbilanzen und Bruttosozialprodukten. Je höher die Gewinne, desto höher ist auch die Risikobereitschaft und die Risikospirale, die mit einer enormen Beschleunigung aller Lebensbereiche einhergeht. Das ist ein völlig anderes „Wachstum” als das natürliche Wachstum von Pflanzen und anderen Lebewesen. Es ist unser aller Risiko. Dieses allgegenwärtige Risiko beruht auf der völlig irrationalen Ewigkeitsvermutung unserer gegenwärtigen – ungerechten – Weltwirtschaftsordnung, die als alternativlos gesetzt wird. Dabei ist kaum zu übersehen: Die Risikozeit der Atomtechnologie übersteigt die Zeit der bisherigen Zivilisation um ein Vielfaches.

In diesem Zusammenhang ist besonders an die weitgehend unbekannten Opfer des täglich an vielen Orten in der Welt stattfindenden Uranabbaus zu erinnern: an indigene Bevölkerungen, die in ihren Dörfern und bei ihrer Arbeit weitestgehend ungeschützt der radioaktiven Strahlung ausgesetzt sind. Die Uranminen und Bohrlöcher sind kaum gesichert, das Grundwasser ist verseucht. Die Gesellschaft für bedrohte Völker nennt u. a. das Volk der Adivasi im Osten Indiens, die Mirrar-Aborigines in Nordaustralien, Papua-Völker im indonesisch besetzten West-Neuguinea, die Tuareg in Niger und die Lakota im mittleren Norden der USA. In hohem Maße auftretende Vergiftungen, Krebserkrankungen und Missbildungen sind bei den genannten Völkern eine weit verbreitete Folge der unverantwortlichen Uran-Abbautechniken. (Faltblatt „Verseuchtes Wasser, verstrahltes Land”, Göttingen 2011)

Risikotechnologien sind allerdings auch in der Chemieindustrie ebenso wie in der Erdölindustrie eine Selbstverständlichkeit. Die Verantwortung für Menschen und Umwelt ist hingegen keine Selbstverständlichkeit. Eine Reihe von erschreckenden Beispielen lässt sich hierzu anführen: die Chemieunfälle in Seveso 1976 und in Bhopal 1984; der Unfall des Esso-Öltankers Exxon Valdez vor Alaska 1989, der Brand auf der BP-Bohrplattform Deepwater Horizon 2010 im Golf von Mexiko und die damit verbundenen Ölpest-Katastrophen. Auch die 1995 geplante Versenkung des im Besitz von Esso und Shell befindlichen, ausgedienten schwimmenden Öltanks Brent Spar – die glücklicherweise durch die Ökologiebewegung verhindert werden konnte – gibt einen mehr als deutlichen Hinweis auf den globalisierten Zynismus im Umgang mit Menschen und Natur. Atomwaffen, High-Tech-Kriege und Klimakatastrophe durch erhöhten CO2-Ausstoß (z. B. auch durch RWE-Kohlekraftwerke) stellen weitere zentrale Gefahrenquellen für die Menschen weltweit dar. Ökologie-, Friedens- und globalisierungskritische Bewegungen setzen ihnen ihren Widerstand und ihre Alternativen entgegen. Bezüglich einer Wende in der Energiepolitik heißt das:

Wir brauchen dezentral angelegte erneuerbare Energien, risikoarme Produktionsanlagen, umweltverträgliche Produkte mit langlebigem Gebrauchswert. Wir benötigen eine demokratisch kontrollierte Industrie, in deren Mittelpunkt die Bedürfnisse der Menschen und der Erhalt der Natur stehen und nicht die Profite der Großkonzerne.

Wehren wir uns gegen das Kleinreden der Atomkatastrophen und die Mär vom teuren Ausstieg und gegen das Weiter-so-wie-bisher. Die Preise bei Ökostromanbietern sind für Kundinnen und Kunden kaum höher als ihre bisherigen Stromrechnungen, und das Energiesparpotential ist riesig. Nach den nur wenig voneinander abweichenden Studien von Attac, BUND, IPPNW und Greenpeace kann ein jetzt begonnener Atomausstieg zwischen 2013 und 2015 vollendet sein.

Eine andere Energiepolitik ist möglich, wenn wir sie selbst in die Hand nehmen! Wechseln wir zu atomstromfreien Energieanbietern! Artikulieren wir weiterhin öffentlich unseren Protest und steigern wir unseren Widerstand! Vernetzen wir uns mit Initiativen in anderen Ländern!

Atomkraftwerke abschalten! Atomausstieg jetzt!

 
 
 
 


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