Freitag 06.05.11, 15:37 Uhr

Vorsicht: Die ZählerInnen kommen

In drei Tagen ist es soweit: Ab dem 9. Mai werden in Deutsch­land die EinwohnerInnen in etwa jedem zehnten Haushalt im Rahmen einer Stichprobe be­fragt. Deshalb ist erhöhte Vorsicht geboten, wenn der Zähler oder die Zählerin 2 x klingelt. Die DatenschützerInnen warnen und raten „besser nicht zu Hause zu sein”. Wie Information und Technik Nordrhein-Westfalen als für die Durchführung des Zensus 2011 im größten Bundesland zuständiges Statistisches Landesamt mit­teilt, “beginnen ab Montag in NRW die etwa 20 000 Erhebungsbeauftragten mit den Be­fragungen vor Ort.” Weiter heißt es in der Pressemitteilung:
“Die Interviewerinnen und Interviewer werden von den Erhebungsstellen eingesetzt. Ihre Hauptaufgabe ist es, im Rahmen der Haushaltebefragung und der Befragung an Wohnheimen und Gemeinschaftsunterkünften vor Ort alle auskunftspflichtigen Perso­nen zu befragen. Die Erhebungsbeauftragten kündigen ihren Besuch vorher schriftlich an und können sich ausweisen (Interviewerausweis, auf Nachfrage amtlicher Licht­bildausweis). Die Interviewerinnen und Interviewer füllen gemeinsam mit den Befrag­ten die Fragebogen aus. Es besteht für die Befragten aber auch die Möglichkeit, den Fragebogen allein auszufüllen und diesen an die Erhebungsstelle zurückzusenden oder die Anga­ben über ein spezielles Online-Verfahren zu melden.
Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit sind Voraussetzung für die Tätigkeit als Erhe­bungsbeauftragte/-r: Sie alle werden vor Aufnahme ihrer Tätigkeit schriftlich verpflich­tet, das Statistikgeheimnis zu wahren. Alle Interviewerinnen und Interviewer üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Aus Datenschutzgründen dürfen sie nicht in der unmittel­baren Nähe ihrer Wohnung eingesetzt werden. Außerdem dürfen sie die aus ihrer Tä­tigkeit gewonnenen Erkenntnisse über Auskunftspflichtige zu keinem Zeitpunkt für an­dere Zwecke als den Zensus 2011verwenden.”

7 LeserInnenbriefe zu "Vorsicht: Die ZählerInnen kommen" vorhanden:

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7. Mai. 2011, 02:25 Uhr

LeserInnenbrief von Zensiert2011:

Es sollte erwähnt werden das die NPD in NRW ihre Mitglieder aufgefordert hat sich als Zensus InterviewerInnen zu melden. Daher ist grundsätzlich davon abzuraten den InterviewerInnen eine Auskunft zu geben. Die BSZ hat auch schon zum Thema berichtet:

http://www.bszonline.de/index.php?option=com_content&view=article&id=2216:zeigt-her-eure-daten&catid=42:urbi-et-orbi&Itemid=88


 

7. Mai. 2011, 19:51 Uhr

LeserInnenbrief von Fred:

Was genau ist denn jetzt schlimm an der Befragung? Ich lese in den ganzen linken Lokalmedien seit ein paar Wochen, dass da jetzt der große böse Schnüffelstaat kommt. Aber über eine emotionsgeladene linke Staatsskepsis hinaus konnten auch bsz, bo-alternativ und Co keinen wirkliche Schufterei an der Befragung aufdecken. Ist das nicht peinlich wenn man außer dem Verweis auf offenbar per Definition bösen Staat keinen Grund fürs eigene Geschimpfe vorweisen kann? Hat sich eigentlich mal jemand von denen die da so laut herumpoltern den Fragebogen überhaupt angeschaut?


 

8. Mai. 2011, 21:10 Uhr

LeserInnenbrief von Felicitas:

Hallo Fred, hier kannst Du gut zusammengefasst lesen was das Problem vieler Linker beim Zensus ist. Generealisiert möchte ich ein prinzipielles/generelles Mißtrauen gegenüber Staatlichkeit gegenüber Staat ergänzen.
Wie sicher (geheime) Daten sind hat Wikiliks bestens bewiesen…

Auf nachzulesen auf: http://zensus11.de/

Wo liegt das Problem?

* Die Informations- und Aufklärungspolitik der Behörden ist mehr als mangelhaft. Millionen Euro teure PR-Kampagnen liefern keinerlei Informationen über den tatsächlichen Umfang der Volkszählung und die Betroffenheiten. Dass bereits im letzten Jahr eine vollständige Zusammenziehung von Meldeamtsdaten aller in Deutschland gemeldeten Menschen vorgenommen worden ist, ist so gut wie niemandem bekannt. Das verstößt aus unserer Sicht den Anforderungen aus dem Volkszählungsurteil von 1983.
* Etwa ein Drittel aller in Deutschland ansässigen Personen werden zur Beantwortung umfangreicher Fragebögen gezwungen. Bei Nichtbefolgung drohen die Behörden mit Buß- und Zwangsgeldern.
* Zahlreiche sensible persönliche Daten werden aus zahlreichen Quellen ohne Ihre Einwilligung oder Benachrichtigung zusammengeführt. Die Daten von Meldeämtern und Behörden werden somit zweckentfremdet.
* So wird in der neuen zentralen Datensammlung beispielsweise (zeitweise) namentlich erfasst und gespeichert, wer alles in Deutschland eine das Leib und Leben schützende Auskunftssperre eingerichtet hat: Menschen aus Zeugenschutzprogrammen, ehemalige Nazis und Radikale, Stalking-Opfer, bestimmte Richter oder Prominente sind davon betroffen.
* Die Erhebung ist streng genommen nicht anonym, da Rückschlüsse auf Ihre Identität möglich sind, solange diese Daten existieren (bis zu vier bzw. sechs Jahre lang nach der Erfassung). Aus technischer Sicht betrachtet entsteht ein zentral verfügbares Personenprofil aller in Deutschland ansässigen Personen.
* Selbst nach einer Entfernung persönlicher Angaben aus der Datenbank lassen sich aus den “anonymisierten” Daten mit Hilfe von Computern und Informationen aus anderen Quellen Re-Identifizierungen vornehmen. Eine echte Anonymisierung ist also nicht gegeben.
* Die zentrale Verfügbarkeit der Personenprofile weckt Begehrlichkeiten bei Staat und Wirtschaft. Außerdem haben die Datenschutz-Skandale der vergangenen Jahre gezeigt, dass das Missbrauchspotenzial einmal angelegter Datensammlungen enorm ist.
* Die Befragungen der Haushaltestichprobe gehen über den von der EU geforderten Umfang hinaus: Z. B. das Merkmal der Religionszugehörigkeit und die (einzige freiwillige) Frage zur Weltanschauung und zum Glaubensbekenntnis, die insbesondere Menschen muslimischen Glaubens besonders differenzierend aufschlüsselt. Auch die Fragen nach Migrationshintergrund erstrecken sich weit über das hinaus, was in der zweifelhaften europäischen Richtlinie gefordert wird.


 

9. Mai. 2011, 09:44 Uhr

LeserInnenbrief von Fred:

Vielen Dank für die übersichtliche Auflistung der Kritikpunkte, ich fasst das nochmal zusammen:

+ Der Staat informiert nicht genug.
+ Die Leute müssen mitmachen.
+ Die Daten könnten(!) Rückschlüsse auf einzelne Personen zulassen.
+ Die Frage zur Weltanschauung (die eigentlich nur eine Frage zur Religion ist) wird von der EU nicht gefordert.

Ob es wirklich ein Drittel der Wohnbevölkerung sind, die mitmachen müssen weiß ich nicht. Und Du weißt das auch nicht. Nicht einmal die Landesämter für Statistik wissen das. Deswegen machen sie die Befragung ja. Grade bei Gemeinschaftshaushalten wie Studiwohnheimen sind die Meldedaten nämlich oft ziemlich ungenau. Die Leute ziehen weg ohne sich abzumelden, gehen wieder zurück ins Ausland oder haben sich gar nicht erst angemelet. Wie viele Menschen hier wohnen, weiß niemand (außer den Vermietern, aber die geben die Daten nicht raus). Auf andere Haushaltsformen dürfte das in weniger krasser Form auch zutreffen.
Dieses Bild der umfassenden und überkorrekten staatlichen Daten, das Du da zeichnest, gibt es höchstens in linken und verschwörungstheoretischen Vorstellungswelten und den feuchten träumen von Law-and-Order-Politikern – und das wird es auch nach dem Zensus nicht geben.
Das liegt nämlich vor allem daran, dass die Sachen, die dort gefragt werden, nicht besonders wild sind. Die vielzitierte Weltanschauungsfrage ist schon das Privateste. Und die muss man auch nur beantworten, wenn man vorher angegeben hat, keiner Glaubensgemeinschaft anzugehören. Grade bei Religionsgemeinschaften, die keine Körperschaften wie z.B. die katholische Kirche sind, kommt man sonst nicht weit. Wenn ich z.B. Hindu wäre, aber keinem Verein angehöre, dann würde ich in der Befragung sonst als nicht-Gläubiger erscheinen. Die anderen Fragen beziehen sich überwiegend auf Haushaltsdaten (wie viele Leute wohnen da?) oder Erwerbsdaten (Können sie eine Arbeit aufnehmen?). Das ist wirklich nichts Wildes und weit weg vom Schnüffelstaat.
Grade im Angesicht des demographischen Wandels, einer alternden Gesellschaft und wirtschaftlichen Strukturproblemen ist es wichtig, so etwas zu wissen. Wenn ich in Hinterpusemuckel nur alte Menschen habe, die Angeben, dass sie keine Arbeit aufnehmen können und es auch nicht versucht haben, dann muss man da nun mal anders planen, als in jungen, kinderreichen Ballungsräumen. Die Daten, die es jetzt gibt, geben das nun einmal nicht her.
Das hat mit Gesinnungsschnüffelei nichts zu tun, wohl aber sehr viel z.B. mit Stadtplanung und Arbeitsmarktpolitik.
Was die Rückschlüsse auf einzelne Personen angeht ist das zwar theoretisch möglich, allerdings müsste dafür der Staat ein monolithischer Block sein. Das ist ja mitnichten so. Auch staatliche Stellen haben Datenschutzrichtlinien und wenn Du mal versucht hast, z.B. für ein Forschungsprojekt, an etwas anderes als aggregierte Daten zu kommen, wirst Du merken, dass die das auch sehr ernst nehmen. Klar, jetzt kann man mit der allmächtigen Polizei und den Gemeindiensten kommen, die ja sowieso alles bekommen oder schon haben. Mehr als ein paar Kids im Autonomen Zentrum um die Ecke wird man damit aber nicht erschrecken können. Der Staat ist kein monolithischer Block, das Landesamt für Statistik speist das nicht direkt in den Polizeicomputer. Und selbst wenn: Im schlimmsten Fall weiß der Verfassungsschutz dann, dass ich doch kein Hindu bin, mir in den letzten Zwei Monaten keine Arbeit gesucht habe und in meinem Haushalt nicht die komplette Rote Ruhr-Armee wohnt. So what, wenn das mal irgendwen interessieren sollte, können sie auch einfach meine Nachbarn fragen.

Also: Mal nicht bei jeder Umfrage gleich ins Hemd machen. Ich möchte nicht für ungenutzte Schulen steuern zahlen müssen, weil niemand gemerkt hat, dass es die Eltern, die die Kinder produzieren sollten, gar nicht gibt. Ich will nicht mal irgendwann meine alten Eltern zu Hause haben müssen, weil es nicht genug Altenheime gibt, weil niemandem aufgefallen ist, dass wir in zwanzig Jahren viele alten Alleinstehende haben werden. Auf der Haben-Seite bietet ein solider Bevölkerungsdatensatz eine ganze Menge Vorteile. Nein, eigentlich biete er keine Menge Vorteile, er ist notwendig, um überhaupt planen zu können. Hinter so einem Vorhaben gleich den bösen Schnüffelstaat zu wittern, zeugt vor allem von emotionaler Staatsskepsis und einem guten Schuss Paranoia.


 

9. Mai. 2011, 16:45 Uhr

LeserInnenbrief von Der Eurasientale:

Hallo Fred,

Du gehörtst dann wahrscheinlich zu der Spezies, die sich dem perfiden Leitsatz hingibt: “Ich habe ja nichts zu verbergen!”.

Bitte mach Dir nochmal Gedanken über den Begriff der informationellen Selbstbestimmung, Dankeschön :-)


 

10. Mai. 2011, 07:16 Uhr

LeserInnenbrief von Fred:

Ja, lieber Eurasientale, Du hast es erkannt. Angesichts einer so erschlagend guten Argumentation müssen ich und der Rest meiner Spezies nun auch die Segel streichen und mich in die Ecke stellen um wegen meiner Einfältigkeit und billigen Denkschablonen ganz doll schämen. Mach ich jetzt auch, sonst störe ich noch zu sehr in der linken Kuschelecke.


 

10. Mai. 2011, 11:19 Uhr

LeserInnenbrief von Der Eurasientale:

Die Argumente von Felicitas sind ausreichend und müssen nicht weiter plattgewalzt werden.

Natürlich ist Satire ein probates und gelegntlich unterhaltsames Stilmittel. Uns auf diesem Weg Deine Dir eigene Einseitigkeit zu unterstellen, wirft jedoch kein gutes Licht auf Dich.

Bleib sachlich.


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