Dokumentiert: Abschalten – sofort – weltweit! Ruhrgebietsweite Großdemonstration in Essen, 2. April 2011
Sonntag 03.04.11, 16:52 Uhr

Die Rede von Heffa Schücking, Geschäftsführerin von urgewald

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir sind heute hier weil wir nicht länger bereit sind das Restrisiko von Atomanlagen zu tragen. Wir wollen, dass die Politik endlich begreift: Fukushima ist überall und könnte auch Biblis, Krümmel oder Grafenrheinfeld heißen. Und TEPCO könnte auch RWE, Vattenfall oder E.ON heißen. Dafür braucht es weder ein Erdbeben noch einen Tsunami, sondern nur einen Notstromfall, der schlecht ausgeht.

Während in den letzten Wochen das Entsetzen über Fukushima hunderttausende in Deutschland auf die Strasse gehen lässt, gibt es seitens der großen Energiekonzerne kein Innehalten, kein Nachdenken und nicht den leisesten Schimmer eines Umdenkens. Und getreu seinem Motto „VoRWEggehen” marschiert RWE-Chef Grossmann an der Spitze der Uneinsichtigen. Nur wenige Tage nachdem die Katastrophe von Fukushima ihren Anfang nahm, bezeichnete er die ältesten deutschen Atomkraftwerke als „absolut sicher”. Wir reden hier über Reaktoren, die zu einem Zeitpunkt gebaut wurden als in Deutschland zum ersten Mal Taschenrechner auf den Markt kamen. RWE will aber alles dafür tun, dass diese Uraltmeiler weiterlaufen können und hat dementsprechend gestern Klage vor dem hessischen Verwaltungsgerichtshof eingelegt. Pfui Deibel!

Die Haltung von RWE überrascht jedoch nicht. Denn dieser Konzern hat sich immer schon für die gefährlichsten Atomprojekte stark gemacht. Von 2007 – 2009 wollte Grossmann partout in einem Erdbebengebiet in Bulgarien einen russischen Reaktortyp bauen. Zur Rechtfertigung schrieb der Konzern damals: „Die Auslegung von Kernkraftwerken gegen Erdbeben ist weltweit vielfach geübt und anerkannte Praxis, z.B. in seismisch aktiven Regionen wie Japan.”

Nur massiver öffentlicher Druck auf den RWE-Aufsichtsrat hat damals verhindert, dass dieser Plan Realität wurde. Gelernt hatte der Konzern jedoch nichts. Denn Grossmanns nächste Investitionsidee war der Bau von zwei Atomreaktoren in einem Erdbebengebiet in Rumänien. Hierbei sollte ein Reaktortyp zur Anwendung kommen, der weder in Japan noch in Westeuropa genehmigungsfähig ist. Zum Glück musste RWE im Januar 2010 auch von diesem Projekt Abstand nehmen, aber gelernt hat Herr Grossmann immer noch nichts. Von allen deutschen Energiekonzernen verfolgt RWE den aggressivsten Atomkurs und plant weiterhin neue Atominvestitionen im europäischen Ausland. Wir wollen aber in Europa kein Fukushima und deshalb setzen wir uns heute und hier zur Wehr.

Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir uns aber auch einer unbequemen Wahrheit stellen. Denn RWE ist nicht nur Herr Grossmann und sein atomverliebter Vorstand. Nein, leider sind wir alle ein bisschen RWE. Denn dieser Konzern gehört zu einem Viertel kommunalen Anteilseignern, vornehmlich aus dem Ruhrgebiet. Auch die Stadt Essen gehört dazu. Als Bürger- und Bürgerinnen müssen wir diese Kommunen drängen einen neuen Kurs zu steuern.

Und RWEs Macht beruht nicht zuletzt auf seinen 16 Millionen Stromkunden. Selbst wenn ich optimistisch bin und davon ausgehe, dass die meisten von Euch bereits zu Ökostromanbietern gewechselt haben: Wir alle haben Freunde, Kollegen, Nachbarn, die noch ihren Strom von der dunklen Seite der Macht beziehen. Wir alle können noch viele Menschen in unserem Umkreis dazu bewegen sich vom Atomstrom loszusagen und RWE den Rücken zu kehren.

Es heißt immer so schön, Macht ist Geld und das trifft auch auf RWE zu. Wer sein Konto bei der Postbank, bei den nordrhein-westfälischen Sparkassen, bei der Deutschen Bank, der Commerzbank oder der HypoVereinsbank hat, muss wissen, dass all diese Banken Kreditgeber von RWE sind.

Ein Großteil der Menschen in Deutschland lehnt die Atomenergie ab, ein Großteil unserer Banken ist tief in die Finanzierung der Atomenergie verstrickt. Es ist Zeit, dass wir diesen Banken unser Geld entziehen. Urgewald hat deshalb Anfang des Jahres die Broschüre : Wie radioaktiv ist meine Bank? veröffentlicht. Darin werden nicht nur die Atomdeals der Banken aufgelistet – Sie erfahren auch welche Institute „sauber” sind und wie Sie sicher gehen können, dass Ihre Geldanlagen nicht für die Atomindustrie und nicht für RWE arbeiten. Denn genauso wie im Bereich Strom, gibt es hier längst Alternativen: Banken wie GLS, Umweltbank, Ethikbank und Triodos, die jegliche Zusammenarbeit mit der Atomindustrie ablehnen.

Wenn wir heute die RWE Konzernzentrale umzingeln, setzen wir gemeinsam ein mächtiges Zeichen. Lass uns aber auch als Bürger, als Stromkunden und als Bankkunden Zeichen setzen: Nie wieder Fukushima! Nie wieder Tschernobyl!

Die Rede als PDF-Datei.

 
 
 
 


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