Mittwoch 16.03.11, 11:15 Uhr

Ab in die Bürgerarbeitsgesellschaft

Am kommenden Dienstag, den 22. März wird die Sozialwissenschaftlerin Gisela Notz um 19.30 Uhr im Bahnhof Langendreer über das Konzept der Bürgerarbeit referieren. In der Einladung heißt es: »Anders als bei den 1-Euro-Jobs geht es bei der Bürgerarbeit um sozialversicherungspflichtige Arbeit und eine Perspektive für drei Jahre. Die „Bürgerarbeiter“ gelten nicht mehr als Erwerbslose, sondern als Arbeitnehmer. Sie erhalten einen Bruttolohn von 900 Euro, für den sie 30 Stunden arbeiten müssen.„Zwangsarbeit zu Niedriglöhnen“, schimpfen viele Betroffene. Dr. Gisela Notz, Sozialwissenschaftlerin und Historikerin, ist Redakteurin der Zeitschrift “Lunapark21″ und Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten. Soeben erschien von ihr das Buch Theorien alternativen Wirtschaftens. Fenster in eine andere Welt, Stuttgart: Schmetterling Verlag 2011.«

2 LeserInnenbriefe zu "Ab in die Bürgerarbeitsgesellschaft" vorhanden:

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16. Mrz. 2011, 16:03 Uhr

LeserInnenbrief von Norbert Hermann:

Gab es bisher die sog. „Ein-Euro-Jobs“, die für die Betroffenen bis zu 175 Euro zusätzlich im Monat brachten bei einer 30-Std.-Woche (und Hartz IV-Leistungen fürs Leben und für die Wohnung von ca. 700,–Euro (Single), so soll es für die Betroffenen in Zukunft noch schlechter aussehen: 900 Euro brutto soll es nun geben, zwar sozialversicherungspflichtig, aber ohne den Erwerb von Ansprüchen auf Arbeitslosengeld I. Auch ist unklar, ob die Arbeit zusätzlich und im gemeinnützigen Sinne sein wird und ob möglicherweise neben der “Armutsindustrie“ (Wohlfahrtsverbände usw.) auch die Privatwirtschaft davon profitieren kann.

Derzeit nehmen am „Feldversuch in der Umgebung teil: Soest, Duisburg, Märkischer Kreis, Remscheid, Gelsenkirchen, Dortmund, Ennepe-Ruhr-Kreis, Mülheim an der Ruhr, Hamm, Recklinghausen, Solingen, Remscheid.

http://www.erwerbslosenforum.de/nachrichten/12_132010130713_398_1.htm

Der Personalrat der Stadt Bochum hat erfreulicherweise eine Beteiligung abgelehnt. Dafür sei „keine Tarifstruktur“ vorhanden. Ver.di lehnt diese Form der Bezahlung ab und fordert tarifgerechte Entlohnung.

http://www.verdi.de/-/7×2

http://www.gegen-hartz.de/nachrichtenueberhartziv/hartz-iv-unklare-rechtslage-bei-der-buergerarbeit-74013.php

Bürgerarbeit. Eine Scheinlösung (von G. Notz)

Seit Mitte Juli läuft in der Bundesrepublik ein groß angelegter »Feldversuch« mit finanziellen Mitteln der Europäischen Union: Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen will »Bürgerarbeit« erproben. Was ist das? Welche Überlegungen, welche Interessen stehen dahinter?

Erstmalig erschien dieses Konzept 1997 im Bericht der »Kommission für Zukunftsfragen Bayern und Sachsen«. Die Medien griffen es damals begeistert auf. Der Münchener Soziologieprofessor Ulrich Beck, Mitglied der Kommission, empfahl »Bürgerarbeit« als Gegenferment zur schrumpfenden Erwerbsarbeit für »Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, Jugendliche vor, neben und nach der Berufsausbildung, Mütter nach der Erziehungsphase, ältere Menschen im Übergang in den Ruhestand, Teilzeiterwerbstätige, vorübergehend aus der Erwerbsarbeit Ausgestiegene«. Ihnen allen unterstellte Beck eine Motivation für »Bürgerarbeit«, denn sie suchten nach »gezielten Einsatzfeldern (sic; G. N.) für freiwilliges soziales Engagement«. Durch das Erschließen nicht-marktgängiger, gemeinwohlorientierter Bürgerarbeit sollte der Arbeitsmarkt saniert und die soziale Versorgung – trotz Kürzungen an sozialstaatlichen Leistungen – sichergestellt werden. »Bürgerarbeiter« sollten dem Gemeinwohl dienen – im Unterschied zu denjenigen, die ihre Freizeit mit individuellen Aktivitäten verbringen.

»Bürgerarbeit« sollte nicht entlohnt, sondern durch »Favor Credits« belohnt werden, zum Beispiel durch kostenfreie Kindergartenplätze. Vor allem sollte sie durch »öffentliche Auszeichnungen« gewürdigt werden, denn solche Anerkennung sei in unserer Gesellschaft, wo man alles kaufen könne, unschätzbar wertvoll. Daß »Bürgerarbeit« den Erwerb von Qualifikationen ermöglichen und Tätigkeitsfelder für lebenslanges Lernen eröffnen sollte, schien ihre Unbezahlbarkeit zu bestätigen. Als besonders attraktive Belohnungen für junge Menschen wurden Pluspunkte im Numerus-Clausus-Verfahren wie auch Vorteile bei der Rückzahlung von BAföG-Darlehen vorgeschlagen. Nur sozialschwache Erwerbslose sollten »Bürgergeld« in der Höhe der damals aktuellen Sozialhilfe erhalten; freilich hätte die Sozialhilfe den aus der Erwerbsarbeit Herausgefallenen (bezeichnet als »Langsame, Schwache, Abweichende«) ohnehin zugestanden. Den von verschärfter Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt bedrängten Frauen verhieß Beck, daß es in Zukunft nicht mehr heißen müsse: »Frauen zurück an den Herd!«, sondern: »Vorwärts in die Bürgerarbeit!« Gerade für Frauen sollte der materielle Ertrag hinter der Sinnstiftung verschwinden: Noch gebraucht zu werden, baue die »erwerbslose Beiköchin der Dresdener Tafel« auf. Außerdem argumentierte Beck (und nicht nur er) mit dem höheren sozialen Status. »›Ich bin Bürgerarbeiter‹, das klingt doch besser als: ›Ich bin seit drei Jahren arbeitslos‹.«

Das Bestechende an dem Modell war, daß sich UnterstützungsempfängerInnen selbst umdefinieren konnten. Sie standen vor der Wahl, erwerbslos zu bleiben und langfristig Sozialhilfe zu beziehen oder als Freiwillige öffentlich und gemeinnützig tätig zu werden; sie sollten sich von Unterstützungs- in ZuwendungsempfängerInnen verwandeln. In dem Konzept der »Zukunftskommission« wurde betont, daß die »Bürgerarbeit« freiwillig sei; wenn jemand vorzog, sich weiter als SozialhilfeempfängerIn zu definieren, waren Sanktionen nicht vorgesehen. So entgingen die Konzeptmacher dem Vorwurf, die Arbeitspflicht einführen zu wollen.

Ulrich Beck ist mit diesem Konzept populär geworden. Er hoffte damals auf einen Allparteien-Konsens. Der war schnell hergestellt, denn alle Gruppierungen suchten nach Lösungen, um Sozialkosten zu sparen und zugleich die Zahl der Erwerbslosen zu senken. Und sie sangen und singen weiterhin jedes Jahr am 5. Dezember, dem »Tag des Ehrenamtes«, unisono das hohe Lied der vor allem von Frauen geleisteten Gratisarbeit.

Heute ist das Konzept in mehreren Bundesländern, darunter Nordrhein-Westfalen, in sechs Gemeinden von Sachsen-Anhalt und drei bayerischen Modellstädten verwirklicht. Anders als bei den Ein-Euro-Jobs handelt es sich um sozialversicherungspflichtige Arbeit und eine Perspektive für drei Jahre. In Sachsen-Anhalt ging die Anzahl der registrierten Erwerbslosen in den beteiligten Kommunen um 50 Prozent zurück, obwohl da nicht mehr Erwerbslose in reguläre Erwerbsarbeit vermittelt wurden als anderswo. Kein Wunder: Die »Bürgerarbeiter« gelten eben nicht mehr als Erwerbslose, sondern als Arbeitnehmer. Fragt man nach den Arbeiten, die sie verrichten, so kommt folgendes heraus: Begleiten von alten Menschen oder Behinderten bei Arztgängen, Kochen für Bedürftige, Säubern von Parks und Straßen, Vorlesen in Altenheimen und andere Hilfe bei »unerfüllten sozialen Bedürfnissen«, die der Markt nicht regulär bezahlen will. »Zwangsarbeit zu Niedriglöhnen!« schimpfen linke PolitikerInnen und auch Betroffene.

Wer »Bürgerarbeit« ablehnt, verwirkt seinen Anspruch auf staatliche Unterstützung. Das Institut für Wirtschaftsforschung warnt vor dem gleitenden Übergang von regulärer zu staatlich finanzierter Tätigkeit. Es weist darauf hin, daß in den beteiligten Kommunen die Erwerbslosigkeit auch deshalb abnahm, weil sich viele bisher erwerbslos gemeldete HilfeempfängerInnen einfach abgemeldet haben. Was aus ihnen geworden ist, weiß niemand. »Bürgerarbeit« entlastet also die öffentlichen Kassen. Wer »Bürgerarbeit« leistet, kostet kaum mehr als ein Erwerbsloser, und wer lieber auf die Unterstützung verzichtet, als sich den Bedingungen zu beugen, kostet gar nichts mehr.

Kein Wunder, daß Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen das »Erfolgsmodell« zum bundesweiten Programm erhoben hat. Am 15. Juli 2010 startete der »Feldversuch« mit Hilfe von EU-Geldern in strukturschwachen Regionen mit hoher Erwerbslosigkeit. Langzeiterwerbslose sollen »zusätzliche und im öffentlichen Interesse liegende Arbeiten« verrichten. Dafür erhalten sie einen Bruttolohn zwischen 600 Euro (bei 20 Stunden) und 900 Euro (bei 30 Stunden). 180 Euro bekommt der Arbeitgeber. Das Teilzeitmodell soll Zeit für Bewerbungen und Fortbildung lassen. 160.000 »Hartz-IV«-EmpfängerInnen sollen während einer sechsmonatigen »Aktivierungsphase« individuell getestet werden, für welche Arbeitsplätze sie in Frage kommen. Von der Leyen geht davon aus, daß vier von fünf Erwerbslosen auf diese Weise in »Bürgerarbeit« vermittelt werden können oder »freiwillig« auf Regelleistungen verzichten. »Bürgerarbeit« soll Sinn, Selbstbewußtsein und soziale Anerkennung bringen, wie nun auch die Bundesagentur für Arbeit ganz im Sinne des Erfinders Ulrich Beck verheißt. Nürnberg wird künftig schönere Zahlen zu vermelden haben, ohne daß mehr Erwerbslose in reguläre Arbeit vermittelt worden wären. Sie unterliegen weiter dem Zugriff des Job-Centers, verschwinden aber aus der Statistik – ein Erfolg, der viele Politiker am meisten erfreut.

Der Kapitalismus, der die Massenarbeitslosigkeit hervorbringt, kann mit diesem gesellschaftlichen Grundproblem nicht fertig werden. Denn für das Kapital ist Massenarbeitslosigkeit äußerst nützlich, vor allem beim Lohndrücken. Alle prokapitalistischen Parteien und leider auch führende Gewerkschafter stehlen sich vor der Aufgabe davon, die Wochenarbeitszeit der in Vollzeit Beschäftigten um zehn oder zwölf Stunden zu kürzen, wodurch sich das Problem in kurzer Zeit lösen ließe; sie tun so, als wäre das unmöglich und geradezu undenkbar. Mit der »Bürgerarbeit« wird uns eine grandiose Scheinlösung präsentiert. Sollen wir da Hurra rufen?

Gisela Notz ist auch in Bochum keine Unbekannte: im Oktober 2007 sprach sie im Bahnhof Langendreer zum Thema: „Warum Armut (oft) weiblich ist.

Gisela Notz, Jg. 1942, Berlin. Sozialwissenschaftlerin und Historikerin, Dr. phil. Bis Mai 2007 Wissenschaftliche Referentin im Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Forschungsabteilung Sozial- und Zeitgeschichte, Bonn. Von 1985 bis 1997 Redakteurin der Zeitschrift “beiträge zur feministischen theorie und praxis”, jetzt LunaPark21. Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten. Arbeitsschwerpunkte: bezahlt und unbezahlt geleistete (Frauen)arbeit, Arbeitsmarkt-, Familien- und Sozialpolitik, Alternative Ökonomie, historische Frauenforschung.

Mehr von Gisela Notz: Theorien alternativen Wirtschaftens

Die Einführung liefert eine überschaubare und zugleich fundierte Darstellung exemplarischer Theorien alternativen Wirtschaftens und ihrer Umsetzung in die Praxis. Vorgestellt werden zunächst theoretische Modelle und ihre Protagonisten, von den Frühsozialisten, über die Zeit der beginnenden und fortschreitende Industrialisierung bis heute. Um eine Verständigungsbasis herzustellen, nimmt die Autorin Begriffsserklärungen vor und erklärt Betriebe und Betriebsformen, die Ansätze eines solchen Wirtschaftens verfolgen. Es folgen aktuelle Beispiele aus der Genossenschaftsbewegung, aus der Alternativbewegung der 1970er Jahre, der Kommunebewegung, der Ökonomie des Gemeinwesens, der Tauschökonomie und Umsonstökonomie und der Kommunalen Gemeinschaftsgärten.

Am Ende steht die Frage, wie es angesichts des Siegeszugs der Globalisierung der warentauschenden Gesellschaft und der weltweiten Krise gelingen kann, Theorien für eine andere herrschaftsfreie Welt in weitere Kreise zu tragen. Auch wenn utopisches Denken heute nicht gerade hoch im Kurs steht.


 

17. Mrz. 2011, 13:16 Uhr

LeserInnenbrief von Som Jo Tien:

Die Bürgerarbeit in Gelsenkirchen wird nicht über drei Jahre, sondern nur für einige Monate geleistet, und auf mehrere Personen aufgeteilt, damit möglichst Viele was davon haben. Druck soll nicht ausgeübt worden sein. Nur Freiwilligekeit, so das Jobcenter IAG, führe überhaupt zu einem irgendwie gearteten Erfolg. Ob die Projekte allerdings den Grundsätzen entsprechen, die Erfolge zeitigen können, ist sehr fraglich. Spielplatzbewachung gehört sicher nicht dazu; soll aber dem Vernehmen nach mit im Programm sein. Welche zusätzliche Arbeiten kämen auch sonst in Betracht? Altenpflege ist schön. Wird immer gern als Jobkiller genommen, um eine zukünftige Integrationsmöglichkeit überhaupt im Ansatz begründen zu können. Das war auch schon bei den Ein-Euro-Jobs so.


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