Dienstag 01.06.10, 19:00 Uhr
Replik auf den WAZ-Montagsökonom Helmut Karl

Wissenschaftliche Begleitung der Bildzeitungshetze

Ein Kommentar von René Lafargue
Der Bochumer „Montagsökonom” Herr Karl weiß, was die Konzerne wünschen: Schluss mit dem Leben in Saus und Braus auch beim Südländer! Die wichtigen Wahlen sind vorbei. Zeit, dem Volk ein paar Wahrheiten zu stecken, die Politik und Wirtschaftsideologen bisher strikt in der Schublade gehalten haben.
Erst kam der Präsident mit der ewigen Wahrheit heraus, dass die deutschen Kriegseinsätze mit Wirtschaftsinteressen zu tun haben. Jetzt legt der Bochumer Wirtschaftsprofessor Helmut Karl als „Montagsökonom” in der WAZ in Bezug auf den Euroraum nach. Was KritikerInnen schon immer über die Absichten der großen EU-Staaten mit der einheitlichen Euro-Währung gesagt haben – der marktradikale Herr Karl bestätigt es auf seine Weise: Die Länder des europäischen Südens „hinken hinterher”. Sie sind nicht wettbewerbsfähig, haben zu wenig „Wachstumspotenzial”.

Zu viele soziale Errungenschaften im Süden.

Aber solche Unterschiede auffangen durch Abwertung ihrer Währung (Unterschiede, die wesentlich durch deutsches Sozial- und Lohndumping aufgefächert wurden), das könnten sie jetzt ja nicht mehr, weil Drachme, Lire Pesete etc. ja seit der Euro-Einführung bekanntlich perdu sind. Nun müsste eben die Währungsunion zur Wettbewerbsfähigkeit zwingen und nicht so ein schlapper Ausweg wie die Währungsabwertung.
Bei Herstellung der wahren Wettbewerbsfähigkeit gibt es aber noch ein paar Probleme, die jetzt endlich beseitigt werden müssten. Zum Beispiel „die Mindestlohnpolitik” in Spanien. Aber auch zu viel staatliche Regulierung („ausufernde Bürokratie, die auf Unternehmen abschreckend wirkt”) Und auch die Sozialpolitik vieler Südländer ist Herrn Karl ein Dorn im Auge („öffentliche Haushalte sind zu sehr auf Konsum und Umverteilung ausgerichtet”) Dabei hat Herr Professor sicher nichts gegen Umverteilung an sich, aber die Richtung – von unten nach oben – muss stimmen.

Die Richtung der Umverteilung muss stimmen

Jetzt ist klar, ohne die Währungsunion hätte den PIGS-Staaten nur sehr schwer eine Sozialraub-Liste diktiert werden können – ein Raubprogramm, wie es die hiesige Politik schon weitgehend durchgezogen hat. Deswegen darf Herr Karl aus der Sicht der hiesigen kapitalorientierten „Volkswirtschaft” ungestraft sagen, dass es im Süden „nicht ausreicht, nur zu sparen”, sondern „die Hilfen sind um Vorgaben zu ergänzen, die zur Wachstumspolitik verpflichten”. Im Klartext: eine Art Agenda-2020-Diktat gegen das Luxusleben des Südländers muss her.

So sieht sie aus, die wissenschaftliche Begleitung der Bildzeitungshetze: „IHR GRIECHT NIX!” Jetzt muss der freche Grieche für sein Leben in Saus und Braus büßen.

Volkswirtschaft in Deutschland, und in Bochum im Besonderen: Nichts gewusst und nichts begriffen von den inneren Zusammenhängen und Widersprüchen der Kapitallogik. Und gerade noch angesichts der größten Wirtschaftskrise seit 1929 den wissenschaftlichen Offenbarungseid geleistet. Aber jederzeit ganz vorne dabei, um den Herrschenden ihre Wünsche von den Lippen abzulesen und daraus eine wissenschaftliche Theorie zu machen.

Dennoch können uns die griechischen Ereignisse den Weg weisen – im Schlechten wie im Guten. Dann kann es eng werden für eine zentraleuropäische Zwangsbewirtschaftung der Peripherie per Einheitswährung.

 
 
 
 


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