Dienstag 16.02.10, 11:00 Uhr
Vor den Augen von Kindern:

Das Ekeln in Wattenscheid

Wie das Foto zeigt, verdecken Kinder ihre Augen vor dem ekeligen Gänsereiten in Wattenscheid. Das Bündnis für Tierrechte Bochum schreibt: »Jedes Jahr zur Karnevalszeit werden in Bochum Gänse getötet und die Tierleichen zur reinen Volksbelustigung zerfleddert. Sogenannte „Gänsereiter“ zerren solange an den Hälsen der kopfüber aufgehängten Gänsekörper, bis der Hals nachgibt und der Kopf abreißt. Mit Begeisterung haben die Gänsereiter dies früher mit lebenden Gänsen gemacht und würden dies heute immer noch tun, wenn dies nicht ein entsetzter Landgraf im Jahre 1806 verboten hätte. Schlimm genug, dass Erwachsene, Politiker und Kirchenvertreter diesem schaurigen Treiben beiwohnen, aber in vorderster Reihe stehen Jugendliche und Kinder und sehen ihren großen Vorbildern beim Kopf-Abreissen zu. Gewaltverherrlichung ist ganz normal und wird fröhlich gefeiert – das offizielle Lernziel für Kinder in Höntrop und Sevinghausen. Wenn beim Gänsereiten die Gewalt unter Gejubel und Gegröle verherrlicht wird, wird sich auch bei den anwesenden Kindern ein Gewaltmuster im Kopf festsetzen. Wo bleibt das Mitgefühl unseren Mitgeschöpfen und Schwächeren gegenüber? Auch im Kulturhauptstadt- Jahr 2010 werden mitten im Ruhrgebiet Gewaltdarstellungen in Bochum als kultureller Höhepunkt gefeiert. Mit dieser Tradition will man in der ganzen Welt für das Ruhrgebiet als Kulturhauptstadt Europas werben. Das Enthaupten von Tieren in unserer Stadt und der Anspruch eine Kulturhauptstadt Europas zu sein, passen nun wirklich nicht zusammen. Mit dieser Tradition machen die Gänsereiter und die verantwortlichen Politiker die ganze Region lächerlich. Auf der einen Seite werden Zuschüsse für Kulturhäuser und Kindergärten im desaströsen Bochumer Finanzhaushalt gestrichen, aber für solch perverse Vergnügen ist Geld vorhanden. Polizeieinsätze, Straßenabsperrungen, die Verwendung öffentlicher Plätze und die Straßenreinigung dafür zahlen auch die Steuerzahler, die das Gänsereiten als das ansehen, was es tatsächlich ist: Eine perverse Leichenfledderei, deren Symbolcharakter für den würdelosen Umgang mit Tieren, kaum zu überbieten ist. Dies haben auch die Verantwortlichen in den Städten Essen und Dortmund erkannt und ähnliche Veranstaltungen mit Tieren schon vor Jahren unterbunden. Dortmund hat das Verbot der Tierleichen-Fledderei mit dem Schutz der Kinder vor Gewalt und Gewaltdarstellungen begründet. All dies, was man andernorts verzweifelt versucht, von Kindern fern zu halten, damit ihr Wesen keinen Schaden nimmt, wird im Bochum den Kindern mit Stolz präsentiert und vorgelebt. Schlimmer noch, sie werden praktisch zum Nachahmen aufgefordert. Mit einer Protestveranstaltung am Karnevalssamstag in der Bochumer Innenstadt haben der Verein die Tierfreunde e.V. und das Bochumer Bündnis für Tierrechte die längst überfällige Abschaffung des Gänsereitens mit Tieren gefordert. Andere Städte haben dies schon vor gemacht, die Bochumer Politiker sollten sich hier einfach Nachhilfe holen. Informationen und Bilder zum Gänsereiten finden Sie auf der Internetseite des Bündnis für Tierrechte Bochum unter www.tierrechtsnetz.de. Siehe hierzu auch den Blog zur Kulturhauptstadt 2010: http://www.2010lab.tv/blog/g%C3%A4nsereiten-tradition-verpflichtet-zur-kopflosigkeit «

10 LeserInnenbriefe zu "Das Ekeln in Wattenscheid" vorhanden:

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16. Feb. 2010, 14:32 Uhr

LeserInnenbrief von Ben:

Kultur endet nicht da, wo sie unbequem wird. Ein tradierter Ritus – und mag er noch so sehr dem Zeitgeist widersprechen – ist ebenso Kultur, wie ein Theaterfestival, etc. – In der Kunst haben wir das alle längst begriffen. Mit dem L’art pour l’art haben wir die elendige Frage nach der Sinnhaftigkeit von Kunst (und Kultur) abgeschafft und mit dem Wiener Aktionismus und seinen Akteuren wie Hermann Nitsch hat die Kultur das Schlachtopfer zur Kunst stilisiert. Warum nun also eine Region eine kulturelle Tradition tilgen sollte, begreife ich nicht. Wohin das nämlich führt, hat man wunderbar bei der Eröffnungsfeier auf Zollverein gesehen, wo Lieder aus dem Musical Chicago geträllert wurden und Darsteller der globalen Showtruppe “Blue Man Group” auftraten. Die Rückbesinnung auf lokale Bräuche, Riten und sonstige Auswüchse der Kultur ist gerade im Kulturhauptstadtjahr von zentraler Bedeutung. Wer eine Tradition abschaffen will, nur weil sie nicht dem Zeitgeist entspricht, der vernichtet Kultur um seiner eigenen Überzeugung wegen. Kultur ist nicht nur fröhliches Bäumekuscheln und romantischer Komödienstadl. Aber die Einsicht kommt wohl erst, wenn alle Kultur verloren ist.


 

16. Feb. 2010, 15:18 Uhr

LeserInnenbrief von Ben:

Und noch ein Nachtrag zum Thema Steuern: Das Gänsereiten in Sevinghausen findet (und fand immer schon) auf Privatgelände statt und lediglich das Gänsereiten im Südpark wird auf städtischem Eigentum betrieben. Straßenabsperrungen, Polizeieinsätze und Reinigungskosten entstehen durch den Umzug, der aber ein völlig anderes Thema ist als das Gänsereiten selbst, d.h. selbst bei einer Abschaffung des Gänsereitens gäbe es trotzdem noch genügend karnevalistische Vereine, die den Aufwand rechtfertigen. Das Gänsereiten und die durch den Umzug entstehenden Kosten stehen zwar in einem Zusammenhang, jedoch hängen die Kosten nicht vom Gänsereiten ab, so wie es in dem Artikel suggeriert wird. Ich bezeichne ihn in diesem Zusammenhang deshalb auch als (bewusst) irreführend.

Darüber hinaus ist der Beginn einer Diskussion um öffentliche Unterstützung für die kulturelle Betätigung weniger mehr als problematisch. Mit dem gleichen Argument können wir nämlich dann gleich die gesamte deutsche Filmförderung in die Tonne kloppen..


 

16. Feb. 2010, 20:07 Uhr

LeserInnenbrief von Thorben:

Ben schrieb:

> Wer eine Tradition abschaffen will, nur weil sie nicht dem
> Zeitgeist entspricht, der vernichtet Kultur um seiner eigenen
> Überzeugung wegen.

So ein Unsinn! Niemand will das Gänsereiten abschaffen, “weil es nicht dem Zeitgeist entspricht”, sondern weil das blutige Abreißen von Tierköpfen als Freizeitspaß Gewaltverherrlichung ist und völlig überflüssiges Leiden verursacht.

Es gab Zeiten, da waren auch Leibeigenschaft und Fronarbeit kulturelle Tradition, und die üble Menschenausbeutung z.B. in den Kolonien war für die Akteure auch eine große Kulturleistung. Es ist nun wirklich albern, angebliche “Tradition” abstrakt zu verteidigen und nicht darüber zu sprechen, welches kulturelles Wissen sie vermittelt, und an welche Welt- und Wertvorstellungen sie andockt. Deswegen kann ich nur am Kopf kratzen, wenn jemand so argumentiert wie “Ben”.


 

16. Feb. 2010, 22:30 Uhr

LeserInnenbrief von Ben:

Wem verursacht das Leiden? Die Tiere sind tot und wer den Anblick des Geschehens nicht ertragen kann, der soll nicht hingehen.

Es ist in ideologischen Auseinandersetzungen immer die einfachste Lösung auf Vergleiche zurückzugreifen, die emotional aufgeladen sind. Das einzige Problem: In den meisten Fällen funktionieren sie nicht, so wie hier der Vergleich des Gänsereitens mit der Sklaverei. Ich könnte jetzt hier eine ganze Reihe an Punkten auflisten, die die völlig unterschiedliche systematische Beschaffenheit von Sklaverei und diesem speziellen Ritus darlegen. Dein Versuch eines Vergleichs ist ein rein rhetorisches Mittel, dass eine ganz bestimmte Assoziation beim Leser hervorrufen soll. Es geht also nicht um den Inhalt, sondern nur um seine Wirkung beim Publikum. Deshalb erspare ich mir auch diesen Unsinn auch nur im Ansatz weiter zu diskutieren: Wer das Gänsereiten mit der Ausbeutung von Menschen vergleicht, der hat im Geschichtsunterricht nicht wirklich aufgepasst!


 

17. Feb. 2010, 20:05 Uhr

LeserInnenbrief von HansGans:

Gänsereiten ist widerlich!

Und ich wundere mich, dass hier einer wie Ben auftauscht. Reaktionärer geht es wohl nicht, wie vershlägt es so einen hierher?

Die Bürgerlichen feiern, Kopf ab der Gans. Toll, alles lacht und schunkelt. Tradition? Da lach ich aber. Tradition war die Sklaverei, das Patriachat, Steinigung im Iran.

Was vermittelt das Gänsereiten? Das es lustig ist, wer den Kopf abreisst? Mensch, was soll das denn?

Menschen wie Ben ekeln mich an.
Ich will eine freie, gewaltfreie Geselllschaft.

Es geht gegen die Ausbeutung von Mensch und Tier, gegen Rassismus, Sexismus etc.
Speziesismus ist Rassismus auf Ebene der Art.

Ach ja: die Filmförderung in die Tonne kloppen? Ja sehr gerne! Den die fördert so einen absoluten Scheiss wie Bushido. Denk mal nach, menschliches Tier! Ben- denk nach.


 

17. Feb. 2010, 20:44 Uhr

LeserInnenbrief von Marina:

Wenn es nicht so traurig wäre, müsste ich
lachen. Da werden Hinterwäldler-Rituale hochgelobt, man muss sich doch wundern. Leute, in anderen Ländern ist es Folklore Mädchen beschneiden zu lassen, wo zieht ihr denn Grenzen?
Zivilisation und Humanität fordern ihren Tribut und das ist auch gut so. Wer braucht denn noch Schlachtopfer?Tot oder lebendig? Man kann doch ums Feuer hüpfen, schadet nicht..


 

18. Feb. 2010, 01:11 Uhr

LeserInnenbrief von Ben:

Liebe Marina,

Zu deinem Vergleich einfach nur ein paar Stichworte: Freier Wille, Selbstbestimmung, Mündigkeit. Denk mal drüber nach. Vielleicht verstehst Du dann, wo die fundamentalen Unterschiede zwischen Beschneidungen und dem Gänsereiten liegen. Darüber hinaus bleibe ich dabei, dass solche Vergleiche schlichtweg rhetorisches Stilmittel sind. Inhaltlich taugen sie jedenfalls gar nichts..

@HansGans: Wie wäre es, wenn Du einfach bei einem Pseudonym bleiben würdest? Oder wenigstens nicht einfach nur copy+paste nutzt, wenn Du mittels verschiedener Pseudonyme schreibt?

btw: Ohne Filmförderung auch kein Weingartner, keine Berliner Schule. Für einen Links-Alternativen doch eine furchtbare Vorstellung, oder? ;-)

Ach und, wenn ich darüber nachdenke, dann fällt mir auf, dass die Unterscheidung in menschliches Tier und nicht-menschliches Tier eigentlich auch schon wieder Speziesismus ist, denn das menschliche Tier soll das nicht-menschliche Tier anders behandeln, als das nicht-menschliche Tier ein ebenfalls nicht-menschliches. Oder verbietest Du dem Löwen, dass er ein Zebra reisst?


 

18. Feb. 2010, 13:15 Uhr

LeserInnenbrief von Martina Patterson:

Ihr Artikel vom 16.02.10 beschreibt diesen angeblichen “Sport” treffend:

“Eine perverse Leichenfledderei, deren Symbolcharakter für den würdelosen Umgang mit Tieren, kaum zu überbieten ist.”
Die Kinder stehen dabei und halten sich entsetzt die Augen zu.
Kann man sich da noch über die Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen wundern?

Das sollte den Verantwortlichen zu denken geben!
Dazu ein ZITAT Alexander von Humboldt

„Grausamkeit gegen Tiere ist eines der kennzeichnendsten Laster
eines niederen und unedlen Volkes.“


 

19. Feb. 2010, 03:12 Uhr

LeserInnenbrief von Sid:

Gänsereiten kann man für geschmacklos halten und es sollte sicher nicht als Maßstab für den Umgang mit Tieren oder Menschen dienen.
Aber was hier so alles da hinein interpretiert wird, finde ich schon reichlich albern:
Mädchen beschneiden, Sklaverei, Patriachat, Steinigung, Leibeigenschaft und Fronarbeit Rassismus, Sexismus.
Ich denke, da sind so einigen etwas die Maßstäbe verrutscht.
Was ich auch nicht ganz sehen kann, ist die Grausamkeit gegen Tiere oder die Verursachung “völlig überflüssigen Leidens” wie Thorben schrieb.
Man sollte nicht vergessen, dass die Gans tot ist. Ob ich sie nun töte und dann esse, oder ob ich sie töte, ihr bei diesem etwas makaberen Brauch den Kopf abreiße und sie dann erst esse, dürfte der Gans ganz egal sein. Zumindest entsteht ihr durch diesen Brauch kein zusätzliches Leid.
Insofern gibt es sicher lohnendere Objekte der Empörung als dieses letztlich doch ziemlich harmloses “Hinterwäldler-Ritual”.


 

19. Feb. 2010, 23:53 Uhr

LeserInnenbrief von Azzoncao, ein Polit-Cafè:

1997 und 1998 gab es in Bochum, die Jugendantifa F.A.U.S.T.. Diese organisierte eine Demo gegen die NPD-Zentrale, machte diverse Konzerte, Flugis, Aufkleber, Aktionen, etc p.p..
Sie beteiligten sich 1998 an einer Tierrechtsdemo in Wattenscheid gegen das “Gänsereiten”. In ihrer lokalen Antifa-Zeitung “Bambule” erschien ein Artikel von ihnen über das Ereignis.
Hier zur Dokumentation der Artikel.

Azzoncao, ein Polit-Cafè

“Tradition, Tradition,Tradition”

So gröhlten bereits 50 Rechtsradikale, als die ersten Züge von Musik- und Trachtengruppen am 23.2.´98 durch Wattenscheid-Höntrop zogen, um Anschluß an den taditionellen Rosenmontagsaufzug der Gänsereiter zu bekommen.

Welcher Tradition die “Gänsereiter” huldigen und warum diese auf die Begeisterung von Rechtsradikalen stößt, ist schnell erklärt.
Das “Gänsereiten” ist ein angeblich 400 Jahre altes “Brauchtum” in Wattenscheid. Es besteht darin, daß eine Gans an den Füßen über einem Platz aufgehängt wird und darunterherreitende Typen versuchen ihr den Kopf vom Hals abzureißen. War dies früher ein widerliches Vergnügen von einigen verrohten Bauernburschen an einer lebenden Gans, so wird heute das Tier vorher getötet, der Hals des Tieres mit Schmierseife eingerieben und die gleiche perverse Übung vollziehen einige als Bauern verkleidete Wattenscheider Geschäftsleute. Der Sieger des Geschehens ist derjenige, der es schafft, dem Kadaver den Kopf abzureißen. Er wird “Gänsereiterkönig” und führt am abend den Vorsitz beim anstehenden Besäufnis.
Wen wundert es also, wenn in Anbetracht solch ekeligem Spektakels TierrechtlerInnen seit Jahren gegen den perversen “Brauch” protestieren und die Rechte von Tieren einfordern.
Dies hat aber in keiner Weise dazu geführt, daß die Wattenscheider Karnevalsvereine sich die Kritik zu Herzen genommen und sich ein anderen Wettbewerb für ihr Fest ausgedacht haben. So finden in aller Regelmäßigkeit jedes Jahr zum Rosenmontag die Tierrechtsdemonstrationen am Eingang des Höntroper Südparks statt. Getragen werden die Proteste unter anderem auch von Leuten aus dem linken Spektrum, Punks, etc.. Die vorherrschende Stimmung am Eingang des Südparks besteht aus Konfrontation und Ablehnung. Die Wattenscheider Normalbürger werden aufgefordert nachzudenken, den “Brauch” des Gänsereitens zu unterlassen und sich anders zu vergnügen. Wahrlich ein schweres Anliegen und eine krasse Überforderung des Normal-Wattenscheiders. Dieser sieht sich um seinen Karnevalsspaß gebracht und pöbelt fleißig ab.
Diese konfrontative Stimmung machen sich mittlerweile die Nazis der NPD/JN zu nutze. So wissen sie unter der Rubrik “Stützpunkt Bochum” in ihrer Postille “Der Ruhrstürmer” zum Rosenmontag 1997 zu berichten: “Neben den üblichen Klebe- und Verteilaktionen führten wir zur Karnevalszeit, genauer am Rosenmontag, eine besondere Aktion durch. Da sich wie in jedem Jahr im Ortsteil Wattenscheid das traditionelle “Gänsereiten” abspielte, zu dem auch diesmal 150-200 linke Antifas zusammen mit extremistischen Tierschützern kamen, um das friedvolle Abhalten der Festivität zu verhindern. Wir JN aus Wattenscheid nutzten die aufgebrachte Stimmung der Bürger, die vom Erscheinen der Zecken nicht gerade begeistert waren. Manche Kameraden heizten die Stimmung durch Sprechchöre an, während andere Kameraden unsere Aufkleber (“Keine Macht den Zecken”) in großer Zahl unters Volk brachten.Dabei trugen sogar völlig unpolitische Gänsereiter in Tracht unsere Aufkleber auf der Brust, um ihre Abneigung gegenüber den Bunthaarigen zu demonstrieren. Alles in allem ist diese Aktion als positiv zu bezeichnen, da an diesem Tag viele Jugendliche auf uns zukamen, um sich zu informieren und bei der politischen Arbeit mitzuhelfen. Die direkte Anwesendheit der Kameraden erwies sich als vorteilhaft, weil Interessenten so einen Ansprechspartner vor Ort haben und nicht den umständlichen Postweg gehen müssen.”
Das war das “Gänsereiten” am Rosenmontag 1997. Die Anbiederung Marke “Tradition, Tradition” funktioniert. “Ordentliche junge Deutsche”, die zum “Brauchtum” stehen, sind behilflich gegen KritikerInnen. Wohlgeliiten verschmilzt der rechte Mob samt seiner Hitlergrüße und faschistischen Parolen mit den BesucherInnen des “Gänsereitens”.

Dieses Jahr war es um kein Deut anders. Die “Gänsereiter” und Trachtenvereine zogen an den Nazis vorbei und wurden mit “Tradition, Tradition” Gegröhle begrüßt, der Hitlergruß aus dem Mob mit Helau begleitet und “Zick, Zack – Zeckenpack” skandiert. Das Gegröhle und Skandieren ging erst recht los, als die Tierrechtsdemonstration die Brücke an der Höntroper S-Bahn Station passierte und den Gänsereitern zum Südpark folgte, um sich dort am Eingang des Parks mit ihren Transparenten aufzustellen. Begleitet wurde der recht mager ausgefallene Demonstrationszug der TierrechtlerInnen von den pöbelnden Jungnazis, die sich am Südpark gegenüber den TierrechtlerInnen aufbauten. Kurz hinter dem Parkeingang bezogen die Jungnazis, versehen mit den “Keine Macht den Zecken” Aufklebern, Posten, um zu verhindern, daß DemonstrantInnen auf den Platz kamen. Punks, die trotzdem auf den Platz gingen wurden von ihnen umgehend verfolgt. Es ist zu vermuten, daß dies in Absprache mit den Gänsereitern geschah, gaben doch zahlreiche Jungnazis das letzte Jahr damit an, daß sie auf Grund dieser Tätigkeit von den Gänsereitern bewirtet wurden. Insgesamt dürfen sich vor und im Park ca 100 Jungnazis rumgetrieben haben. Diverse kleinere und größere Funktionäre der NPD/JN waren dann auch anwesend. Z.B. wurde vor dem Park Achim Ezer, JN-Landesvorsitzender, gesichtet. Und im Park selbst war Marc Meier zu Hartum, der ehemalige “Kameradschaftsführer” der wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagten Gruppe “Volkswille”, dabei, seinen Zöglingen Anweisungen zu geben.
Während auf dem Festplatz das Abreißen der Tierköpfe bejubelt und die zahlreich angebrachten NPD Aufkleber toleriert wurden, provozierte draußen fleißig die rechte Schar. Darunter vielen auch einige türkische Jugendliche auf. Begrüßt wurden diese von den deutschen Nazis durch das Zeigen des türkischen Nazigrußes, dem Zeichen des grauen Wolfes. Die “Grauen Wölfe” mußten sich scheints vor ihren deutschen Kameraden besonders beweisen und beschmissen die Tierrechtlerinnen mit Gegenständen. Das äußerliche Erscheinungsbild der Jungnazis war dabei unüblich. Neben den üblichen Scheitelträgern, Glatzen, SA-Verschnitten und Hooligans, gab es auch zig normal und in Skaterklamotten angezogene Jungnazis. In Anbetracht, daß die Polizei das ganze Geschehen filmte, wurden die Nazis erst mit steigenden Alkoholkonsum frecher, was in einigen Festnahmen endete. Im Laufe des Nachmittags wurden auch einige Leute aus der Tierrechsdemonstration festgenommen, die zu Recht die faschistischen Provokationen nicht hinnehmen wollten.
Nachdem im Südpark dann diverse Tierkadaver zur Gaudi der Menschen kopflos gerissen worden waren, strömten diese vom Platz. ( Die Menschen. Nicht die kopflosen Kadaver.). Gleich einer völkischen Brühe mit braunen Fettaugen zogen sie an den DemonstrantInnen vorbei. Kurz darauf erschien es der Polizei Zeit ihren Dienst zu beenden. So ritt sie durch die DemonstrantInnen und das grünberockte Fußvolk konnte auch noch mal zum Einsatz kommen.So endete das diesjährige “Gänsereiten”. Was sich im Laufe des Tages noch in Wattenscheid zutrug ist nicht bekannt. Aus der WAZ vom 25.2. war auf jeden Fall zu erfahren, daß schon am Sonntag Rechtsradikale einige Arbeiter der Bochumer Stadtreinigung angegriffen hatten und es auf dem August-Bebel Platz zu einer Massenschlägerei zwischen ca 200 deutschen und ausländischen Jugendlichen kam (RN 24.2.).
Alles in allem ist die Situation in Wattenscheid sehr bedenklich. Dies gilt vor allem der Akzeptanz, die dem Erscheinen der Nazis dort gezollt wird. Dies ist sicherlich in dem generellen braunen Flair von Wattenscheid zu suchen. Aber auch in der konfrontativen Situation, die zwischen uneinsichtigen BürgerInnen und einem gewissen Spektrum der TierschützerInnen erzeugt wird.
Die Parolen von “Animal Peace” wie “Hängt die Gänsereiter auf” und die am 23.2. von ihnen mitgeführte Puppe, die einen an den Füßen aufgehängten Gänsereiter darstellt, aus dem Tomatensaft als Blut tropft, ist mit Sicherheit nicht zum Dialog geeignet. Die Leute von “Animal Peace” müssen sich Fragen lassen, was sie mit dieser Provokation erreichen wollen. Eine Auseinandersetzung über Tierrechte findet anhand dieser Aktionsform kaum statt. Hier werden nur Aggressionen und Abgrenzung erzeugt. Das ist anhand der Reaktionen der Gänsereiterbesucher sehr schnell ersichtlich. Um eine politische Auseinandersetzung mit dem Ziel von einer Bewußtseinsveränderung bei den Menschen zu provozieren, muß man sich schon mehr einfallen lassen. Das die Nazis dieses Vorgehen für sich ausnutzen, ist auch ersichtlich. Die Leute von “Animal Peace” müssen sich also ebenfalls Fragen lassen, warum sie dieser Situation nicht Rechnung tragen und auf derartiges ineffektives und kontraproduktives Verhalten verzichten. Als AntifaschistIn fällt es auf jeden Fall schwer, sich in eine Tierrechtsdemo einzureihen, die derartig ignorant vorgeht. So muß man mit den TierrechterInnen zusammen überlegen, wie man nächstes Jahr zusammen für Tierrechte demonstriert und gleichzeitig der Anwesendheit der Nazis Rechnung trägt. Dies mit den Zielen, daß die Wattenscheider sich eine andere, nicht tierfeindliche, Attraktion zum Karneval überlegen und die Nazis auf dem Wattenscheider Karneval das Weite suchen müssen.


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