Donnerstag 19.03.09, 22:00 Uhr
Ein Erlebnisbericht über Zähler und Zahler:

Die Stadtwerke haben zur Vertreibung von KundInnen einen speziellen “Vertriebsservice” eingerichtet

vertriebsservice.jpgDie ehrenamtlichen MitarbeiterInnen der Sozialberatung im Sozialen Zentrum staunten am Dienstagnachmittag nicht schlecht, als ein Mitarbeiter der Stadtwerke ihnen einen Zettel vorlegte und 433 Euro kassieren wollte. Da die Portokasse das nicht hergab, wurde dann der Strom abgestellt. Hektische Nachforschungen ergaben, dass wir nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung waren, aber insgesamt ein ziemliches Durcheinander an Adressen und Verträgen bei den Stadtwerken vorlag. Wochen vorher hatten wir bereits versucht, telefonisch Licht ins Dunkel zu bringen und die viel zu hohen Gebühren für das neue Objekt (Haus Dahlhoff) auf ein realistisches Maß zu senken. Wie auch immer?! Die Sozialberatung weiß jetzt jedenfalls aus eigener Erfahrung, wovon die Menschen reden, wenn sie zur Beratung kommen. Wir haben dann den als nicht mehr verhandelbar bezeichneten Betrag von 468,70 Euro noch am selben Tage überwiesen und einen Beleg über die online Transaktion gedruckt. Mit diesem Beleg sollte doch die Sperrung aufzuheben sein, glaubten wir. Die Durchwahlnummer auf unserem Stadtwerkezettel war ja bis 21:00 Uhr erreichbar. Alle Versuche nach 18:00 Uhr unter dieser Nummer waren leider vergeblich. Am Mittwoch morgen um neun Uhr stand ich dann mit meinen 2 Verträgen, dem Ausdruck der Überweisung, dem Zahlungsbeleg für Januar, einem Auszug aus dem Vereinsregister (den ich Wochen vorher schon einmal gefaxt hatte) und meinem Reisepass mit Meldebestätigung am Empfangscounter im Foyer des Stadtwerkehauses und fühlte mich auf alle Unwägbarkeiten vorbereitet.
Für die Klärung der Verträge müsste ich zur Kundenberatung wurde mir gesagt. Schräg gegenüber stehen 7 oder 8 Glaskabinen einige Sitzbänke und ein Automat, um Bearbeitungsnummern zu ziehen. Da außer mir kein anderer Kunde da war, steuerte ich die nächstliegende Kabine an und wurde direkt belehrt; ohne Nummer geht gar nichts. Ich holte das versäumte nach, und auf der Anzeige wurde mir eine Kabine zur Beratung angezeigt. Mein Wunsch, vor der Bezahlung erst die Vertragssituation zu klären, wurde nach ausgiebigem Studium der Verträge sowie einigen Aufrufen am PC mit dem Verweis abgelehnt: “Ich bin dafür nicht zuständig, das müssen sie in der Kassenstelle klären. Die Kasse befindet sich vor dem Haupteingang auf der linken Seite“. Ich war etwas erstaunt, weil mir beim Betreten des Gebäudes kein weiterer Eingang neben den großen Drehtüren aufgefallen war.
Tatsächlich gibt es eine unscheinbare Tür mit der, wie sich später herausstellte, irreführenden Aufschrift „Vertriebsservice“ (oder ist es Ironie?), auf der noch ein Schild mit dem Symbol für Videoüberwachung prangt. Tatsächlich hängen in dem Vorraum 2 fette Kameras unter der Decke, es gibt wieder einen Nummernautomaten mit der dazu passenden Anzeige an der Wand und eine weitere Tür, die sich von der Besucherseite aber nicht öffnen lässt. Ich zog also meine Nummer, die kurze Zeit später auf der Anzeigetafel angezeigt wurde, hörte ein dezentes Klicken der Türverriegelung und konnte nun den „Vertriebsserviceraum“ betreten. Die Kundenseite ist durch einen von Wand zu Wand reichenden Schreibtisch von Mitarbeiterseite getrennt und an den mit Nummer 1 und 2 gekennzeichneten Arbeitsplätzen saßen auch zwei Vertriebsservice Mitarbeiter. Da die Tafel mir die Nummer 2 zugewiesen hatte, setzte ich mich vor die Schreibtischbarriere und sagte mein Sprüchlein zum 2. Mal auf. Ich würde gern als erstes unsere Vertragssituation klären und mich dann um die Stromabschaltung kümmern. Dafür wären sie hier nicht zuständig, erhielt ich zur Antwort. Ich beharrte auf meiner Forderung, schließlich hatte ich ja in der Kundenberatung diese Auskunft erhalten. Die Diskussion wurde schnell beendet, da der Vertriebsservicemitarbeiter mir abrupt die beiden vor ihm stehenden Bargeldschalen mit Sparkassenlogo vor die Nase hielt und sagte, das einzige. um das es hier geht, ist Bares.
Ich legte also meine beiden Überweisungsbelege vor und bekam die Auskunft, diese reichten leider nicht aus, es müssten schon echte Kontoauszüge sein oder sie müssten auf den Geldeingang warten.
Ich ging dann zur Volksbank, wo mir eine freundliche Mitarbeiterin nach Vorlage meines Ausweises die Kontoauszüge ausdruckte. Mit den frischen Kontoauszügen eilte ich nun zurück zum Vertriebsservice, zog meine Nummer wartete auf das Klicken der Türentriegelung und legte Nummer 2 den Kontoauszug vor. Nun wurde mir die Endsperrung unseres Stromzählers in Aussicht gestellt. Meinem Hinweis, dass dieses Vorgehen doch einen etwas nötigenden Charakter hätte und in einigen anderen Städten per Gerichtsbeschluss verboten sei, entgegnete der Vertriebsservicemitarbeiter stolz, in Bochum aber nicht. Im Übrigen sei eine Anzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede gegen mich schnell gestellt.
Zur Klärung unserer Verträge verließ ich den Hochsicherheitsbereich des Vertriebsservice und ging nun durch die große Drehtür in den repräsentativen Teil des Stadtwerkegebäudes zurück.
Ich wurde wieder an die Kundenberatung verwiesen, zog meine Nummer und landete bei der mir schon bekannten Mitarbeiterin, die mich an den Vertriebsservice verwiesen hatte. Ich setzte mich und sagte, ohne eine Klärung würde ich ihre Beraterkabine nicht wieder verlassen. Sie verwies wieder auf die fehlende Unterschrift des Vermieters und erklärte sich weiter für nicht zuständig. Mein Hinweis, dass die Verträge doch mit uns und nicht mit unserm Vermieter geschlossen seien, bewog sie dann dazu, ihre Vorgesetzte zu Rate zu ziehen. Ich saß nun ca. 15 Minuten alleine in der Beratungskabine und konnte ungestört den Gesprächen in den anderen Kabinen zuhören. So erfuhr ich, das der alte gehbehinderte Mann mehrere Wochen im Krankenhaus war und sich nicht um seinen Stromanschluss kümmern konnte, die beiden jungen Männer nebenan ein Gewerbe angemeldet hatten und hörte mindestens 15 mal die Sätze „das können wir hier nicht klären“ oder „dafür sind wir hier nicht zuständig“. Nach der Rückkehr meiner Beraterin wurde auch unsere Vertragssituation so geregelt, dass die Unterschrift unseres alten Vermieters nachgereicht werden kann und ich wenigstens einen Teilerfolg erzielt hatte.
Da im Laufe des Nachmittags bis kurz nach 17:00 Uhr immer noch nicht klar war, ob die Sperrung aufgehoben war, beschloss ich, noch einmal bei den Stadtwerken anzurufen. Die bis 21:00 Uhr erreichbare Nummer 960-3398 war mittlerweile fest im Telefon verdrahtet, aber leider nicht besetzt. Der verzweifelte Versuch über die Zentrale 960-0 klappte zu meiner Überraschung und mir wurde mitgeteilt, dass die Durchwahl -3398 nur bis 17:00 Uhr besetzt sei, aber ich würde jetzt mit der 960-3737 verbunden und die wäre auch nach Büroschluss besetzt.
Tatsächlich hatte ich nun trotz der späten Stunde einen freundlichen Mitarbeiter am Apparat, der mir die Freigabe unseres Stromzählers bestätigen konnte. Den habe ich dann auch noch gefragt, wie die Mitteilung zur Stromabschaltung, die 3 Tage vorher eingeht, denn zugestellt wird. Er meinte, die landet entweder im Briefkasten oder wird auf den Stromzähler geklebt.
Nachdem wir nun fast 24 Stunden keinen Strom verbraucht haben, werden wir nun zu einem Ökostromanbieter wechseln und in Zukunft wenigstens keinen Atomstrom der Stadtwerke mehr verbrauchen. Außerdem werden wir sicher noch eine interessante Veranstaltung zur Rolle der Stadtwerke im Sozialen Zentrum machen.
Zum Schluss noch ein paar Tipps für säumige ZahlerInnen!
Geht regelmäßig in den Keller und sucht die Benachrichtigung zur Stromabschaltung.
Ruft nie nach 17:00 Uhr die bis 21:00 Uhr erreichbare Nummer an.
Geht nie durch den Haupteingang sondern direkt zum Vertriebsservice.
Sagt nach Betreten des Sicherheitstrakts nur „Guten Tag“ und legt zur Wahrung eurer Intimsphäre wortlos euren Vertrag mit der Kundennummer und ein Bündel Bares in die Schalen mit dem Sparkassenlogo .

 
 
 
 


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