Mittwoch 22.10.08, 18:00 Uhr

Aufklären und Eingreifen statt Anprangern und Anbetteln

Ein Diskussionsbeitrag von attac campus bochum zu der Frage, wie Attac in der BRD mit der Finanzmarktkrise umgehen sollte:

»Wir, attac campus bochum, befürchten, dass die Reaktionen Attacs auf die Finanzmarktkrise dem eignen Anspruch, eine progressive und emanzipatorische Bildungsbewegung sein zu wollen, nicht gerecht wird. Statt über die der Krise ursächlichen Mechanismen aufzuklären, erfolgen simplifizierende Schuldzuweisungen. Statt dazu aufzurufen, das Wirtschaften als ein Element des Zusammenlebens in die eigenen Hände zu nehmen, wird an den Staat appelliert. Sind alle alternativen Konzepte vergessen? Und wo ist eigentlich der Wissenschaftliche Beirat? Vorweg unser Vorschlag: Attac sollte 1. Wege der Selbstorganisation aufzeigen. 2. Die ArbeiterInnen und Angestellten von Unternehmen zur transnationalen Absprachen motivieren. 3. Ideen der alternativen Weltwirtschaftsordnung, partizipativen Ökonomie und kooperative Systeme vorschlagen, verbreiten und zur Diskussion stellen. 4. Initiativen von ArbeiterInnen, die Unternehmen sich aneignen und bewirtschaften möchten, unterstützten.
Und nun unsere kritischen Anmerkungen:
Wenn die bestehenden Aufsichtsmechanismen schon nicht gegriffen haben, ist es dann damit getan, weitere zu fordern? Die Dosis zu erhöhen, weil das Mittel nicht gewirkt hat? Die Beschuldigung der Manger, Spekulanten und Banker seitens attac entspricht dem Sündenbock-Denken und bedient im schlimmsten Fall nationalistische und antisemitische Argumentationsmuster anstatt über die Widersprüche im kapitalistischen System aufzuklären. Es ist bequem, die Anderen” zur Wurzel eines Missstands” zu erklären und but not least ist es sehr gefährlich. Ist keine systematische Aufarbeitung möglich?
Wir sind alle Zockerinnen und Zocker
Die Finanzmarktkrise muss als Teil des gesamten kapitalistischen Systems betrachtet werden, an dem sich auch die KonsumentInnen und ArbeiterInnen beteiligen. Der Kapitalismus funktioniert bekanntlich deshalb, weil sich alle den aus ihm entstehenden Zwänge unterwerfen und durch Arbeit und Konsum das Bestehende erhalten. Oder auch als KäuferInnen von “Finanzprodukten”, wie Spar- und Girokonten, Bausparverträgen, Gebührenkrediten und Riesterrenten. Und da es der Markt ist, der HerstellerInnen und KonsumentInnen verbindet, muss spekulieren, wer kaufen oder verkaufen will: Wird jemand die veganen Frikadellen meiner Gruppe auf diesem Festival kaufen? Werde ich diese Jacke im Schlussverkauf vielleicht billiger bekommen? Auch Opel weiss nicht, ob jemand ein neues Modell kaufen wird. Und eine Bank nicht, ob sie in jedem Fall ihren Verbindlichkeiten gerecht werden kann. Worin besteht also jetzt unser Vorwurf?
Der Staat ist Teil des Problems, nicht der Lösung
Aufgabe des Staates in einer bürgerlichen Gesellschaft ist, den Laden am laufen zu halten. Die Verbindlichkeit von Verträgen muss durch Strafandrohung gewährleistet werden, Produktionsweisen, die KonsumentInnen schädigen oder KonkurrentInnen unzulässig benachteiligen müssen unterbunden werden. Nicht zuletzt muss durch Bereiststellung und ggf. auch Einsatz von Militär sichergestellt werden, dass die “eigenen” Firmen Zugang zu Rohstoffen und Absatzmärkten erhalten. Diese Aufgabe erfordert je nach Umständen Regulierung oder Deregulieren – was halt gerade nach Ansicht der, zumeist durch Wahlen legitimierten, VerwalterInnen mehr Erfolg verspricht. Warum sollte also der Staat oder die Herrschaften Merkel und Steinbrück unseren Bitten entsprechen?
Etwas unternehmen statt Unternehmen
Das Ziel jedes Unternehmens in der Marktwirtschaft ist es mehr Profit zu erwirtschaften als an Investitionen vor der Erstellung eines Produkts – gegebenenfalls durch die Bearbeitung eines Rohstoffes durch ArbeiterInnen – reingesteckt wurde. Die Maximierung des Gewinns hat zwangsläufig Vorrang. Wenn mehrere Produzenten ein ähnliches Produkt herstellen lassen, entsteht Konkurrenz um die KonsumentInnen des Rostoff- und Absatzmarktes. Dabei kann kein Produzent den Erfolg seines Unternehmens voraussehen. Die KonsumentInnen können hierbei auch nicht immer nach Qualität, Herstellungprozess und Arbeitsbedingungen entscheiden, denn einige können selbst nur ihre Arbeitskraft zu Verfügung stellen oder gehören zur arbeitslosen Reservearmee. Während andere ebenfalls einen Verlust an Ersparnisse, Investitionen in Aktien, Einlagen ihrer Sparverträge und nicht zuletzt den Wegbruch ihres gesellschaftlichen Status befürchten. Warum fordern wir nicht dazu auf, diese Form der Produktion aufzugeben und stattdessen Wege zu finden, mit denen die Produktion vorhandene Bedürfnisse befriedigt? Umwelt und “3. Welt” und hilft das noch? Wenn Opel keine Autos mehr baut, weil die Konzernleitung nicht damit rechnet, diese verkaufen zu können, warum finden wir das nicht gut? Der Erreichung von Klimazielen kann das doch nur förderlich sein? Auf weltwirtschaftlicher Ebene existiert nach wie vor der Nord-Süd-Konflikt, in dem der Norden um ein vielfasches die Ressourcen des Südens verbraucht und die Regionen in massiver Abhängigkeit durch z.B. Strukturpläne des IWF`s hält. Was ist damit? Trägt es zur Entschuldung der Länder des Südens bei, wenn der Dollar an Wert verliert, weil die US-Regierung ihn aus eigener Überschuldung heraus abwerten muss? Und was ist, wenn die staatlichen Eingriffe nicht fruchten, wenn die durchgeführten Investitionen, das “Sofort-Hilfe-Paket” des Gesamtkapitalisten in Banken nur eine Verzögerung der Weltwirtschaftkrise bewirkt und sich die Regulierung durch Staaten als eine Illusion erweist? Zur Vertiefung und autodidaktischen Aneignung

hier einige Lese-Empfehlungen:

- Die große Illusion – Mega-Blase Weltwirtschaft von Andreas Exner am Montag, 6. Oktober 2008: http://www.social-innovation.org/?p=726

- Die Kontraktion kommt (wahrscheinlich) – wir müssen sie nützen (das ist sicher): http://www.streifzuege.org/druck/str_autor_exner_081013_sinet_kontraktion.html

- Finanzmarktkrise und Finanzmarktkapitalismus: http://www.linksnet.de/de/artikel/23599

- krisis: http://www.balzix.de/index.html «

 
 
 
 


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