Sonntag 31.08.08, 20:00 Uhr
"Es hat allerdings mit der Wirtschaftsakademie noch eine spezielle Bewandtnis auf sich …"

Späte Genugtuung?

Stellen wir uns nur für einen Moment vor, es bestünde die Möglichkeit mit Ottilie Schoenewald über die nach ihr benannte Schule und den Umzug in das neue Gebäude in der alten Verwaltungsakademie zu sprechen. Das Gespräch führt die Geschichtsfachschaft der Schule.
Fachschaft: „Verehrte gnädige Frau Schoenewald, es freut uns sehr, einmal zu und mit Ihnen sprechen zu können!
Ottilie Schoenewald: „Oh bitte, keine Förmlichkeiten …
Fachschaft: „Gut, dann also nur: Frau Schoenewald. Wie finden Sie es, dass eine Schule nach Ihnen benannt wurde?
Ottilie Schoenewald: „Zuerst einmal freut es mich, dass dies in Bochum der Fall ist, da die Stadt trotz der Jahre der Vertreibung und Emigration – immerhin 22 Jahre! – meine Heimatstadt bleibt. Als bürgerliches Mädchen aus gutem Hause – wie es damals hieß -, das noch im 19. Jahrhundert geboren wurde, war mir zwar der Besuch einer „Höheren Töchterschule“ möglich, das Abitur blieb aber reine Jungensache. So kann ich es nur von ganzem Herzen begrüßen, wenn eine Bildungsanstalt meinen Namen trägt, die Lernende im Erwerb von Bildungsabschlüssen unterstützt.“
Fachschaft: „Was halten Sie als Namenspatronin von dem neuen Gebäude, in dem sie nun gewissermaßen symbolisch residieren?“
Ottilie Schoenewald: „Da muss ich ein wenig ausholen, wenn Sie erlauben?“
Fachschaft: „Wir sind gespannt!“
Ottilie Schoenewald: „Nach der Umbauphase erstrahlt das Gebäude in einem Glanz, der das Zeitgefühl der 50er Jahre erahnen lässt. Viel Licht, Helligkeit und Schwung – es ging ja schließlich mit der Bundesrepublik wieder aufwärts. Auch dass eine ehemalige Verwaltungsakademie nun ein Weiterbildungskolleg beherbergt, scheint mir eine gute Lösung zu sein. Es hat allerdings mit der Wirtschaftsakademie noch eine spezielle Bewandtnis auf sich …
Fachschaft: „Welche denn?“
Ottilie Schoenewald: „Leiter dieser Verwaltungs- und Wirtschaftakademie war von 1954 bis 1967 Peter-Heinz Seraphim, der nicht nur Volkswirtschaftler war, sondern sich in der NS-Zeit einen zweifelhaften Namen als Experte für die so genannte Forschung über das Ostjudentum gemacht hatte. Wie Sie vielleicht wissen, habe ich seinerzeit, im Oktober des Jahr 1938, sehr ausdrücklich gegen die damals einsetzende Vertreibung der Ostjuden aus Bochum Stellung bezogen!“
Fachschaft: „In einem unveröffentlichten Manuskript, das jetzt in London in der für die Geschichte der Holocaustzeugnisse wichtigen Bibliothek „The Wiener Library“ liegt. Aber dann könnte man in der Namenwahl für dieses Gebäude eine späte Wiedergutmachung sehen, oder?“
Ottilie Schoenewald: „Tatsächlich kann ich meine Freude über diese Ironie der Geschichte nicht verhehlen – so wird das denkmalgeschützte Gebäude in mehrfacher Weise ein Erinnerungszeichen für die Vertreibung der Juden, aber auch für die in der Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre nicht geleistete Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.“

 
 
 
 


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