Samstag 29.03.08, 08:00 Uhr

Wie hoch ist eigentlich die Zahl der Arbeitslosen wirklich?

Norbert Hermann von der Unabhängigen Sozialberatung kommentiert die Stellungnahme des DGB zur Arbeitslosenstatistik: »Ein Teil dieser Verwirrung hat seine Ursache darin, dass auch Menschen in den Rechtsbereich „Hartz IV“ fallen, die früher Sozialhilfe erhalten hätten und nicht auf eine Arbeitsaufnahme verwiesen werden konnten. Von ihnen wird ein großer Teil zu Recht nicht als „arbeitslos“ geführt. So werden erwerbsfähige Hilfebedürftige nicht als arbeitslos geführt, wenn sie die Schule besuchen oder Kinder bzw. pflegebedürftige Angehörige betreuen. Werden die vorliegenden bundesweiten Zahlen auf Bochum herunter gebrochen, so dürfte es sich um bis zu viertausend Schülerinnen und Schüler handeln und eine möglicherweise ähnlich großse Zahl, die Kinder oder Angehörige betreuen. Eine ähnlich große Zahl dürfte in irgendwelchen Maßnahmen stecken (1-Euro-Jobs, Praktika, Trainings …), noch einmal so viele auf Grund der „58er-Regelung“ (§ 428 SGB III i. V. m. § 65 SGB II) aus der Statistik herausfallen. Ebenso viele dürften in Niedriglohn-Jobs ackern und aufstockende Hartz IV-Leistungen beziehen, hätten aber gerne eine anständige Arbeit. So gesehen sind sie auch arbeitslos.
Die Übrigen sind möglicherweise derzeit arbeitsunfähig erkrankt (nichtsdestotrotz natürlich korrekterweise als arbeitslos zu führen!) oder bemühen sich um eine vorzeitige Verrentung, um dem Stress mit der ARGE zu entkommen.
Demnach wäre die reelle Zahl der Arbeitslosen in Bochum um etwa 50 % höher als die Statistik es angibt. Das bleibt erschreckend hoch genug.
Das Hartz IV-Gesetz (SGB II) trägt den Titel: „Grundsicherung für Arbeitssuchende“. Korrekt müsste es heißen : „Grundsicherung für Erwerbsfähige“. Wobei erwerbsfähig lt. Gesetz nur meint: im medizinischen Sinne gesehen mindestens drei Stunden täglich erwerbsfähig. Auch wenn es für sie Gründe gibt, keine Arbeit aufnehmen zu müssen, oder der Arbeitsmarkt derartige Jobs gar nicht hergibt.
Zu hinterfragen wäre auch, ob eine „Ankurbelung der Binnennachfrage“ in heutigen Zeiten abnehmender Ressourcen und zunehmender Umweltprobleme vertretbar sein kann. Wäre es nicht besser, den vorhandenen Reichtum so umzuverteilen, dass für alle genug bleibt, und andererseits die Arbeitszeiten zu verkürzen und die Arbeitsbedingungen wieder menschlichen Anforderungen anzupassen? Auch ohne „Wirtschaftswachstum“ ist genug für alle da, und ein gutes Leben haben nicht nur die durch hohe Geburt oder Aufstieg reich gewordenen verdient.«

 
 
 
 


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